Kunstturnen
«Ich kann mir ein Leben ohne Turnen nicht vorstellen»

Giulia Steingruber (22) sorgte in Rio für die erste Schweizer Olympia-Medaille der Frauen im Kunstturnen. Sie spricht im Interview über ihren Erfolg, ihre Zukunft und die Trennung von Trainer Jordanov.

Marcel Kuchta
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Nach dem Medaillengewinn gönnt sich Giulia Steingruber bald eine Auszeit: «Ich reise mit einer Kollegin nach Australien. Das brauche ich jetzt.»

Nach dem Medaillengewinn gönnt sich Giulia Steingruber bald eine Auszeit: «Ich reise mit einer Kollegin nach Australien. Das brauche ich jetzt.»

Keystone

Es ist der Tag nach der Medaillenzeremonie im House of Switzerland in Rio de Janeiro. Und der Tag vor ihrer Rückkehr in die Schweiz. Wir treffen uns mit Giulia Steingruber zum Interview in der gemischten Zone zwischen dem olympischen Athletendorf und der «Aussenwelt». Dort haben nur die Sportler und die Journalisten Zutritt. Die Bronzemedaillen-Gewinnerin wirkt im Gegensatz zum Vortag, als sie zuerst ihren verpatzen Auftritt im Bodenfinal verdauen musste und dann bei den Feierlichkeiten am Abend im Rampenlicht stand, äusserst entspannt. Gute Voraussetzungen für ein Gespräch, in welchem die Ostschweizerin interessante Einblicke in ihr Seelenleben gewährt.

Giulia Steingruber, haben Sie als Kind versucht, sich vorzustellen, wie es sein könnte, an Olympischen Spielen aufs Siegerpodest zu steigen?

Giulia Steingruber: Die Vorstellung war immer da. Aber in der Realität ist es dann ganz anders. Wenn man es sich vorstellt, ist es so weit weg. Und nun ist es so nahe. Einfach ein wunderschönes Gefühl. Eigentlich unbeschreiblich.

Welche Gedanken gingen Ihnen damals durch den Kopf?

Früher habe ich Olympia am Fernsehen geschaut. Ich sass jeden Tag vor dem TV und habe mitgefiebert, natürlich vor allem beim Turnen. Wenn ich die Turnerinnen auf dem Podest sah, habe ich immer gesagt: «Das will ich auch einmal erleben!» Dieses Bild war immer in meinem Kopf. Mit 12 Jahren habe ich bei einem Podiums-Gespräch einmal gesagt, dass ich an Olympischen Spielen teilnehmen will. Alle haben mich damals belächelt. Sechs Jahre später war ich dann in London dabei. Und jetzt, vier weitere Jahre später, darf ich eine Medaille nach Hause nehmen. Diese Entwicklung ist unglaublich.

Giulia Steingruber an der Olympischen Spielen in Rio. Die Doppel-Europameisterin vor der Eröffnung an einem Strand in Rio, gehüllt in eine Schweizer Fahne.
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Selbige darf die Turnerin an der Eröffnungszeremonie für die Schweiz tragen.
Seit Vreni Schneider an den Winterspielen 1992 ist Steingruber die erste Frau, der diese Ehre zukam.
Auch im Sport überzeugt Giulia Steingruber: Sie qualifiziert sich gleich für drei Finals im Kunstturnen.
Im Mehrkampf-Final erreichte sie einen soliden 10. Platz.
In ihrer Paradedisziplin, dem Sprung, gelingt ihr endlich der Medalliengewinn.
Der Moment, als sie ihr grosses Ziel erreichten: Giulia Steingruber und ihr Trainer Zoltan Jordanov während des Sprung-Finals
Mit einer Bronzemedallie ist sie die erste Kunstturnerin der Schweiz, die an den Olympischen Spielen Edelmetall mit nach Hause nimmt.
Die Sprünge auf das Podest tragen die Namen «Tschussowitina» und «Jurtschenko».
Zudem gewinnt Steingruber die erste Olympia-Medaille für den Schweizerischen Turnverband seit dem Olympiasieg von Donghua Li 1996.
Anschliessend wird sie gebührend im House of Switzerland empfangen.
Zwei Tage später: Am Boden stürzt Giulia Steingruber jedoch gleich zwei Mal – und landet damit abgeschlagen auf dem letzten Final-Platz.
Trotz allem kann Steingruber auf sehr erfolgreiche Olympische Spiele zurückblicken.

Giulia Steingruber an der Olympischen Spielen in Rio. Die Doppel-Europameisterin vor der Eröffnung an einem Strand in Rio, gehüllt in eine Schweizer Fahne.

KEYSTONE/PETER KLAUNZER

Es war ein langer Weg zu dieser Medaille. Wie oft hatten Sie Zweifel, ob der Traum zur Realität wird?

Zweifel sind immer wieder da. Gerade wenn man Verletzungen hat oder es nicht so gut läuft. Das ist ganz unterschiedlich. Das macht den Sportler aus. Zweifel braucht man oder hat man. Aber wenn man sich wieder aufbauen und aufrappeln kann, macht das den Kämpfer aus. Diese Reize braucht ein Athlet. So kann man sich selbst pushen. Ich bin auch meinen Mitturnerinnen, meinen Eltern und den Trainern dankbar, die hinter mir stehen und standen. Ohne sie hätte ich das gar nicht geschafft.

Also sind auf diesem langen Weg vor allem mentale Qualitäten gefragt?

Ja, es braucht einen sehr grossen Willen und viel Kämpfergeist. Ein bisschen Talent gehört natürlich auch dazu. Und Glück. Am Tag X muss einfach alles zusammenpassen. Das hat man auch bei mir gesehen. Die Quali war gut, der Mehrkampf nicht, der Sprung war top, am Boden ging überhaupt nichts mehr. Es ist ein Auf und Ab. Am Ende kann ich sagen, es war hier in Rio eine super Zeit. Ich kann stolz sein und mit einem Lächeln nach Hause kommen.

Von den Spielen in London haben Sie sich ein Tattoo stechen lassen? Wie verewigten Sie Rio auf Ihrer Haut?

Mit dem Schriftzug «Rio 2016».

Nichts Spezielles mit der Medaille?

Vielleicht. Aber das muss ich mir noch gut überlegen. Die Medaille würde schon noch recht viel Platz brauchen (blickt auf ihre Medaille und muss lachen).

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie in die Schweiz zurückkommen?

Auf mein Bett und das Essen von meinem Mami. Und auf die Erholung. Ich mache jetzt erst einmal zwei Wochen Ferien. Es ist sehr wichtig, dass ich den Kopf lüften und abschalten kann. Damit ich nach der Pause wieder ins Training einsteigen kann. Jetzt ist die Spannung, die ganze Last weg. Die Müdigkeit kommt. Sie überrollt mich richtiggehend.

Wie können Sie sich am besten entspannen?

Vor allem, wenn ich einfach das machen kann, was ich möchte. Manchmal nur herumliegen, etwas mit Kollegen trinken gehen, die nichts mit dem Turnen zu tun haben, für die ich einfach nur Giulia bin. Das tönt vielleicht etwas blöd. Ich liebe das Turnen. Aber wenn ich mich erhole, dann ist turnfrei angesagt.

Dürfen Sie jetzt auch punkto Essen mal richtig sündigen?

Ich habe schon angefangen (lacht). Bei der Medaillenfeier im House of Switzerland gab es eine schöne Torte mit den olympischen Ringen.

War sie lecker?

Sie war sehr lecker! Das ganze Essen. Es gab Rindstatar zur Vorspeise, danach Lamm mit Kartoffeln. Dann Schokoladenmousse. Danach dachte ich: «So, jetzt gehen wir nach Hause.» Und plötzlich brachten sie den Kuchen. Das war eine schöne Überraschung. Es hat auch gutgetan, nach der Niederlage im Bodenturnen, trotzdem noch so einen schönen, positiven Abend zu verbringen.

Und Sie durften auch endlich Ihre Eltern sehen.

Ja, das hat mich auch gefreut. Nach dem Sprungfinal hatte ich nur über Whatsapp Kontakt. Es wäre schön gewesen, den Medaillengewinn gleich am Sonntag mit ihnen zu feiern. Doch ich wusste, dass es wahrscheinlich nicht möglich sein wird. Deshalb hab ich mich nicht darauf fokussiert.

Sie haben einen riesigen Höhepunkt erlebt. Wie motiviert man sich, wieder bei Null anzufangen, neue Ziele anzuvisieren?

Dieses Jahr werde ich sicher noch den Swiss Cup zu turnen. Das ist immer ein schöner Anlass. Dort kann ich den Schweizer Fans Danke sagen und ihnen etwas schenken. Dort kann ich auch meinem Trainer Zoltan Jordanov nochmals zeigen, was er mir alles beigebracht hat. Er soll es ein letztes Mal geniessen. Danach nehme ich eine zweimonatige Auszeit vom Turnen. Ich reise mit einer Kollegin nach Australien. Das brauche ich jetzt. Im Januar fange ich dann wieder an, zu trainieren. Mein Ziel ist es, für die WM 2017 bereit zu sein.

Sie planen also vorderhand nur in einem Einjahres-Zyklus. Was ist mit den Olympischen Spielen in Tokio?

2020 ist noch so weit weg. Das dachte ich auch nach London bezüglich Rio. Doch dann ist alles so schnell gegangen. Ich denke sicher noch nicht ans Aufhören, aber ich kann nicht sagen, bis wann ich noch turnen werde. Es muss alles passen: die Gesundheit, die Freude, die Motivation. Ich nehme nun Jahr für Jahr.

Für Turnverhältnisse sind Sie ja auch nicht mehr die Jüngste. Im Bodenfinal waren Sie mit 22 die
älteste Starterin . . .

Echt? Das wusste ich gar nicht (lacht).

Turnen ist für den Körper ein extrem harter Sport. Geht es Ihnen körperlich gut?

Die Saison war lange. Ich merke schon ein paar Wehwehchen. Aber es ist nichts Gravierendes. Ich weiss, dass in zwei Wochen wieder alles verheilt ist.

Sie haben jetzt eine Olympiamedaille gewonnen. Die Steigerungsmöglichkeiten werden für Sie immer kleiner.

Es wird immer schwieriger, das ist so. Doch ich will immer besser werden. Mein Ziel ist es, auch im Mehrkampf etwas weiter nach vorne zu kommen. Ich muss noch an der Stabilität arbeiten, am Barren und am Balken die Schwierigkeit erhöhen. Mal schauen, was dann möglich ist.

Haben Sie keine Angst vor der immer höheren Messlatte?

So lange es punkto Gesundheit nicht gefährlich wird, habe ich keine Angst. Ich habe Respekt. Aber wir Turnerinnen spüren unseren Körper ziemlich gut. Ich beobachte, wie es sich entwickelt. Sonst kann ich immer noch sagen: «Jetzt reicht es, ich habe eine gute Karriere gehabt.» Aber ich bin noch nicht soweit.

Können Sie sich ein Leben ohne Kunstturnen überhaupt vorstellen?

Jetzt noch nicht. Ich müsste das Aufhören planen, damit ich später weiterhin einen strukturierten Tagesablauf hätte.

Sie besuchen nebenbei noch die Schule. Wie sieht es da aus?

Im Oktober habe ich Standortbestimmungsprüfungen von den zwei Jahren Selbststudium, die ich gemacht habe. Von Februar bis August 2017 muss ich dann die Matur absolvieren. Danach habe ich noch eineinhalb Jahre vor mir, in welchen ich pro Woche zweimal in die Schule gehe, da das Schwerpunktfach noch dazukommt.

Welche Richtung?

Philosophie, Pädagogik und Psychologie. Mich interessiert vor allem durch den Sport die Psychologie extrem. Mal schauen, wohin es mich führt.

Tönt nach Sportpsychologin oder Trainerin . . .

Trainer kann ich mir nicht so vorstellen. Ich bin kein sehr geduldiger Mensch. Aber vielleicht ändert sich das noch (lacht).

Sie hatten acht Jahre besten Anschauungsunterricht bei Ihrem eigenen Trainer, Zoltan Jordanov. Wie erlebten Sie die Zusammenarbeit mit ihm?

Am Anfang habe ich mich gar nicht so gut verstanden mit ihm. Erst mit der Zeit haben wir uns besser kennen gelernt und begriffen, wie wir miteinander umgehen müssen. Die Zusammenarbeit hat sich zum Glück sehr gut entwickelt. Jetzt kann ich sagen: Ich hatte noch nie so einen guten Trainer wie ihn.

Was war denn zu Beginn das
Problem?

Ich war in der Pubertät und wollte meinen Kopf durchsetzen (lacht). Er hatte sein Programm, das er durchsetzen wollte. Das hat einfach nicht gepasst. Ihm ist sehr wichtig, dass man zeigt, dass man wirklich etwas erreichen will. Diesen Willen hatte ich am Anfang nicht. Mein Weg hatte sich bis dahin einfach ergeben. Ich lebte von meinem Talent und alles lief wie von selbst – bis ich nach Magglingen ins Nationalkader kam. In Magglingen muss man hundertprozentig dabei sein wollen. Es ging eine Weile, bis ich das begriff.

Lustigerweise erzählte Ihr Trainer, dass es zwischen Ihnen gar nie Streit gegeben habe . . .

Am Anfang führten wir viele Diskussionen. Doch wir wissen jetzt genau, wie wir miteinander umgehen müssen. Er weiss, wann er sich zurückhalten und wann er mich pushen muss. Ich weiss auch, dass ich ihm sagen kann, wenn es mir zu viel wird. Wir respektieren einander, das macht sehr viel aus.

Sie haben lange sehr eng mit ihm zusammengearbeitet: War er in
dieser Zeit nicht auch ein wenig ein Ersatzvater für Sie?

Nein. Er war hauptsächlich in der Halle für mich da. Dort hätte ich mir keinen anderen Trainer vorstellen können. Ich bin sehr froh, dass ich mit ihm diesen Weg gehen durfte. Aber in der Vaterrolle habe ich Zoltan nie gesehen. Es wäre auch nicht gut, wenn die emotionale Bindung zu gross wäre. Dann wird es schwierig, das Geschäftliche vom Privaten zu trennen.

Zoltan Jordanov muss das Schweizer Nationalteam Ende Jahr verlassen. Können Sie sich überhaupt schon vorstellen, mit einem neuen Trainer zusammenzuarbeiten?

Ich habe mich diesbezüglich noch nicht oft geäussert. Sagen wird es so: Ich bin gespannt auf die neue Zeit. Aber ich bin auch ein bisschen traurig über die Trennung von Zoltan. Es ist, wie es ist. Ich muss es so annehmen. Wenn es gut kommt, umso besser.

Sind Sie als Aushängeschild vom Turnverband überhaupt gefragt worden, als es darum ging, einen neuen Trainer zu suchen?

Dazu möchte ich mich lieber nicht äussern . . .

Sie waren vor Rio schon sehr populär. Mit Ihrem Auftritt als Fahnenträgerin und dem Medaillengewinn wird Ihr Bekanntheitsgrad noch einmal zunehmen. Wie blicken Sie der Zukunft als noch öffentlichere
Person entgegen?

Das kann ich mir noch gar nicht richtig vorstellen. Ich muss alles erst einmal sacken lassen. Meine Eltern und mein Management werden mich auf jeden Fall unterstützen. Sie sind diesbezüglich recht abgeklärt und können den Rummel gut von mir fernhalten.

Aber Sie stellen sich darauf ein, dass Sie im Ausgang das eine oder andere Selfie mit den Fans mehr machen müssen, oder?

Ausgang? Was ist das? (lacht schallend) Bis jetzt habe ich auf jeden Fall noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. Die Schweizer sind diesbezüglich sowieso eher zurückhaltend.