Olympische Winterspiele
Ich kämpfe gegen mein Schicksal – Dominique Gisin zu den Stunden vor ihrem Olympiasieg

Wie erlebten unsere Olympia-Stars der Vergangenheit den letzten Tag vor ihrem Triumph? Sie erzählen es uns in loser Folge. Wie sich Dominique Gisin von einer schwierigen Saison über übles Essen in Sotschi zur Goldmedaille gekämpft hat.

Etienne Wuillemin
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Dominique Gisin

Dominique Gisin

KEYSTONE

«Ich bin mit einer schwierigen Zeit im Gepäck nach Sotschi gereist. Ich hatte so viele Verletzungen hinter mir. Ich kämpfte gegenmein Schicksal. Nach der Horror-Saison 2012/13 sagte ich mir: Ich fahre an Olympia nur, wenn ich zuvor auf dem Podest stand. Zum Glück habe ich nicht Wort gehalten.

In den Rennen vor den Olympischen Spielen kam es mir vor wie im Lotto. Manchmal funktioniert es. Häufiger eher nicht. Ich war also nicht sehr überzeugt von mir. Vor allem, weil Grossanlässe häufig im Unterbewusstsein entschieden werden. Und mir das Vertrauen gefehlt hat. Doch dann kamen die Qualifikationsrennen. Ich merkte: Ja, ich kann es erzwingen.

Es braucht mega Energie. Aber es geht. Am Abend vor dem Rennen hatten wir ein Konditionstraining. Ich kann mich noch sehr klar an den Moment erinnern. Ich renne hoch zu unserer Unterkunft, es war schon dunkel. Ich blicke in die einbrechende Nacht. Und fühle mich zum ersten Mal seit meinem schlimmen Sturz 2012 wieder richtig gut. Meinem Mentaltrainer habe ich eine SMS geschrieben: ‹Feeling like a true athlete again, thanks!›

Am Morgen des Rennens wache ich früh auf, zwischen vier und fünf Uhr, wie immer in meinem Leben, wenn alles aufgegangen ist. Auch da hatte ich das Gefühl: Ja, alles kommt gut. An Essen ist an diesem Morgen nicht zu denken. Überhaupt das Essen in Sotschi: Es war übel!

Ich habe fünf Kilo abgenommen während der Spiele. Seit Patrick Küng krank geworden ist, habe ich Panik geschoben und mich fast ausschliesslich von Cornflakes, Bananen und Nüssen ernährt.

Ein Ritual von mir ist, gewisse Riegel und Gels nur an Renntagen zu mir zu nehmen. Mit Haselnussgeschmack. So war das auch, bevor ich auf den Berg ging. Zwei Läufe freies Skifahren. Ich fühle mich gut. Aber alles kostet so viel Energie. Fabienne Suter startet mit der Nummer 1. Sie fährt grossartig, das ist die einzige Info, die ich bekomme.

Ich denke mir: ‹Egal, was passiert auf dieser Fahrt, wenn ich im Ziel bin, überlege ich mir zuerst eine Sekunde: War das alles, was ich geben konnte? Wenn dann auf der Tafel die 2 aufleuchtet, muss ich es akzeptieren.›

Irgendwann ziehe ich die Ski an, gehe ins Start-Zelt, nur noch eine Fahrerin ist vor mir. Mir ist kotzübel. Ich bin fix und foxy. Es hat so viel gebraucht, um mich mental in diesen Tunnel reinzuquetschen. Mich gegen alles aufzulehnen, was mir in der Karriere widerfahren ist. Ich wusste: Es gibt nicht mehr viele Momente in meiner Karriere, in denen mir dies gelingen würde.

Es kommt die Fahrt. Voll im Tunnel. Das war kein bewusstes Skifahren. Auch jetzt noch spüre ich jede Kurve. Alles fliesst. Genau so, wie ich es mir vorgenommen habe. Im Ziel leuchtet es an der Tafel grün. ‹OMG›, schreibe ich meinen Eltern mit dem russischen Handy, das wir bekamen. Und dann rufe ich aus dem Zielraum mein Grosi an.

Dominique Gisin wurde 2014 in Sotschi Olympiasiegerin in der Abfahrt. Ein Jahr später beendete sie ihre Karriere.