Wutentbrannt feuert Alexander Zverev seine Akkreditierung auf den Tisch. Es gilt, Ballast abzuwerfen nach einer der bittersten Niederlagen in der noch jungen Karriere des deutschen Hoffnungsträgers. «Ich weiss, dass ich hier grosse Dinge hätte erreichen können. Dinge, die ich bislang noch nicht erreicht habe», sagt Zverev nach dem überraschenden Aus in der 2. Runde der US Open.

Der Frust ist so gross, dass der hoch gehandelte Deutsche nach der offiziellen Pressekonferenz weitere TV- und Radio-Interviews verweigert. Es passt zum Bild des arroganten Schnösels, das Zverev zuweilen noch immer abgibt. Als er vor dem Turnier gefragt wird, welche Rolle sein um zehn Jahre älterer Bruder Mischa ihm bedeute, reagiert er schroff: «Alleine in den letzten acht Monaten habe ich diese Frage tausend Mal beantwortet», sagt Zverev, der in dieser Zeit zu einem beispiellosen Sturmlauf auf die Weltspitze angesetzt hatte. Fünf Titel, Siege gegen Wawrinka, Djokovic und Federer hatten ihn in der Weltrangliste von Platz 28 auf 6 gebracht und ihn nach Federer und Nadal in die Rolle des Mitfavoriten katapultiert.

«Es ist frustrierend»

«Ich habe dieses Jahr grosse Turniere gewonnen. Daher hatte auch ich das Gefühl, dass ich ein Favorit bin», sagte der 1,98 Meter grosse Zverev nach dem 6:3, 5:7, 6:7, 6:7 gegen den Kroaten Borna Coric (20, ATP 61), gegen den er im vierten Satz drei Satzbälle in Serie nicht verwerten konnte. «Es ist frustrierend. Ich habe gegen einen 20-Jährigen gespielt. Es ist ja nicht so, dass ich gegen Federer oder Nadal verloren habe», geht Zverev hart mit sich ins Gericht. Nach den Absagen von Titelverteidiger Wawrinka (Knie) und Vorjahres-Finalist Djokovic (Ellbogen) und der günstigen Auslosung schien Zverevs Weg frei.

Alexander Zverev geht hart mit sich selbst um

Alexander Zverev geht hart mit sich selbst um

Umso ernüchternder liest sich nun die Grand-Slam-Bilanz des 20-Jährigen, bei der die Achtelfinal-Teilnahme in Wimbledon den einsamen Höhepunkt bildet. Bei genauerer Betrachtung aber folgt sie einer gewissen Logik und legt den Schluss nahe, dass Zverev von der Weltspitze noch deutlicher entfernt ist, als es seine überzeigenden Resultate in diesem Jahr vermuten lassen. Bei den Grand-Slam-Turnieren hat Zverev noch nie gegen einen Spieler aus den Top 50 gewonnen. Sein wertvollster Erfolg auf dieser Stufe ist ein Fünfsatzsieg gegen Robin Haase, damals die Nummer 57 der Welt. Bei seinen zwölf Major-Teilnahmen hat Zverev mit zwölf Mal ebenso oft verloren wie gewonnen. Aus dem Jüngling ist noch kein Mann geworden.

Noch schneller als Federer

Doch es gibt auch Anzeichen, dass Zverev das Versprechen, das er nun schon seit Jahren ist, in absehbarer Zeit auch bei den Grand-Slam-Turnieren einlösen wird. Jeder Dritte unter den Top 100 der Weltrangliste ist über 30 Jahre alt, mit seinen 20 Jahren ist Zverev der mit Abstand Jüngste im Kreis der Top 10. Die US Open sind erst sein 12. Grand-Slam-Turnier, Roger Federer gewann 2003 erst im 17. Anlauf.

Zverev ist mit Abstand der jüngste in den Top 10

Zverev ist mit Abstand der jüngste in den Top 10

Den Verdacht, dass ihn die Rolle als Mitfavorit auf den US-Open-Titel, in die er sich spätestens mit dem Final-Erfolg von Miami, wo er Roger Federers Serie von 16 Siegen in Folge beendet hatte, hemmt, verneint Zverev energisch «Ich muss ja schon seit frühester Jugend mit Erwartungen umgehen.» Als härtester Gegner auf dem Weg an die Weltspitze erweist sich die eigene Ungeduld, die, welch Ironie der Geschichte, seinen Bruder Mischa auszeichnet.

Nach zwei Fünfsatzsiegen steht der 30-Jährige bei den US Open im achten Anlauf erstmals in der dritten Runde. «Sacha erwartet immer sehr viel von sich. Er braucht jetzt noch diese Erfahrung, denn ein Grand Slam ist immer noch etwas anderes als ein normales Turnier», sagt er. Vielleicht nimmt er sich dabei Stan Wawrinka als Beispiel. Er gewann 2014 in Melbourne im 36. Anlauf sein erstes Grand-Slam-Turnier. So lange dürfte Alexander Zverev aber wohl nicht warten müssen.