Interview
«Ich habe meine Prinzipien und die ändern sich nicht» – Trainer Chris McSorley über die Herausforderung Lugano

Der Kanadier Chris McSorley hat nach 20 Jahren Servette verlassen und in Lugano einen Dreijahresvertrag als Coach unterschrieben. Der 59-Jährige über Führungsmethoden, seine Vergangenheit in Genf und seine Zukunft in Lugano.

Klaus Zaugg
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Der Eishockeytrainer Chris McSorley bei der Vorstellung als neuer Trainer des HC Lugano.

Der Eishockeytrainer Chris McSorley bei der Vorstellung als neuer Trainer des HC Lugano.

Samuel Golay / KEYSTONE/Ti-Press

Wir müssen zuerst etwas klären: Als Sie in Genf als Coach abgesetzt und zum Sportchef wegbefördert worden sind, sagten Sie, es sei immer Ihr Wunsch und Traum gewesen, nur Sportchef zu sein. Nun sind Sie in Lugano nur Trainer. Also nicht ihr Traumjob?

Chris McSorley: Habe ich das in Genf gesagt?

Ja, haben Sie.

Nun, ich hatte keine andere Wahl. Der Verwaltungsrat hatte das so beschlossen und ich musste mich fügen.

Was war damals die Begründung für Ihre Absetzung als Coach?

Keine.

Keine?

Keine. Es ist einfach so beschlossen worden und ich hatte mich zu fügen.

Was ist nun also ihr Traum: Sportchef oder Coach?

Definitiv Coach.

Wann waren Sie zuletzt nur Coach?

1998 in Las Vegas (in der heute nicht mehr existierenden IHL – die Red). Bob Strumm war mein General Manager und ich habe von ihm viel gelernt.

Könnte es sein, dass nun Luganos General Manager Hnat Domenichelli viel von Ihnen lernt.?

In Lugano sind sehr viele Leute, die sehr viel über Hockey wissen. Ich bringe hier mein Wissen und meine Erfahrung ein. Wenn Sie so wollen, ist der Job hier für mich paradiesisch.

Oh, erklären Sie das näher.

Das Wort ist etwas hoch gegriffen. Ich bin sehr ehrgeizig und setzte hohe Ziele und ich habe das Glück, dass ich für eine Organisation arbeiten darf, die ebenso hohe Ansprüche hat. Es ist ein Privileg, dass ich für Lugano arbeiten darf.

Wie viele Spieler müssen ausgewechselt werden, bis Lugano meisterliches McSorley-Hockey spielt.

Nicht viele.

Wie viele?

Wenn wir ein Haus bauen wollen, brauchen wir verschiedene Spezialisten: Maurer, Elektriker, Dachdecker. So ist es auch in einer Mannschaft: es braucht die Spezialisten für jede Aufgabe. Sie können nicht ein Haus nur mit Maurern bauen und Team nur mit Verteidigern und Stürmern zusammenstellen.

Ja klar. Die Frage ist aber: wie viele Spieler müssen ausgewechselt werden?

Sagen wir es so: Die Basis ist zu 90 Prozent da. Die Differenz machen die letzten zehn Prozent.

Sie sind ja auch nach Lugano geholt worden, um die Leistungskultur zu verändern. Wird es nun kälter unter den Palmen?

Wie meinen Sie das?

Werden Sie in Lugano ein harter Hund sein oder eher diplomatisch?

Ich werde sein wie immer: Fordernd, aber nie unfair.

Könnte es sein, dass einige Spieler ihren Führungsstil nicht aushalten?

Wie kommen Sie darauf?

Hat es in Genf nicht Spieler gegeben, die gegangen sind, weil sie Chris McSorley nicht ausgehalten haben?

Nein, hat es nicht.

Sind Sie sicher?

Nun, in den 20 Jahren in Genf sind wohl um die hundert Spieler gekommen und gegangen. Ich kann mich nicht im Detail an die Umstände erinnern. Aber grundsätzlich war es so, dass Spieler Genf nur aus zwei Gründen verlassen haben: entweder bekamen sie ein lukratives Angebot von der Konkurrenz, das wir nicht toppen konnten oder wir haben einen Vertrag nicht mehr verlängert, weil wir einen Spieler nicht mehr wollten. Wir haben in Genf beste Voraussetzungen geschaffen und sehr viele sind sehr gerne zu uns gekommen. Weil sie bei uns beste Voraussetzungen vorgefunden haben.

Sind Sie mit 59 noch jung genug für diese grosse Herausforderung in Lugano?

Ich muss jedes Mal lachen, wenn ich diese Frage höre. Haben Sie je gehört, dass jemand den Rechtsanwalt oder den Finanzberater oder den Versicherungsfachmann wechselt, weil er 59 geworden ist? 59 Jahre bedeuten in erster Linie mehr Erfahrung und ich hoffe, dass ich durch diese Erfahrung etwas smarter geworden bin.

Sind Sie jetzt mit 59 ein bisschen diplomatischer geworden oder erst recht ein harter Hund geworden?

Ich habe meine Prinzipien und die ändern sich nicht.

Es geht aber darum, wie sie diese Prinzipien durchsetzen.

Genau. Die Gesellschaft verändert sich und wer diese Veränderungen nicht mitmacht, kann nicht bestehen.

Und Sie passen sich diesen Veränderungen an und ihr Führungsstil ist nach wie vor zeitgemäss?

Es ist heute nicht mehr möglich, etwas per Befehl durchzusetzen. Die Leistungsbereitschaft ist die gleiche geblieben, aber die Spieler wollen wissen, warum sie etwas so oder so tun sollen. Ich bin hundertprozentig sicher, dass ich diesen Job machen kann. Ich bin noch nie wegen des gegnerischen Coaches unsicher geworden und werde es auch jetzt nicht.

Haben Sie schon die erste Kabinenrede gehalten?

Nein. Wir beginnen nun mit den Einzelgesprächen.

Sie sind also sozusagen durch die Hintertüre nach Lugano gekommen?

Ja, das können Sie so sagen.

Im Idealfall verlassen Sie irgendwann Lugano durch die Vordertüre und unter Fanfarenklängen.

Oh, Sie sind aber freundlich! Ja, ich würde mich natürlich freuen, wenn die Musik aufspielt, wenn ich einmal Lugano verlassen werde.