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«Ich fühle mich erstmals wie ein Profi»

Amir Abrashi hat mit seinem Wechsel die erhoffte Ruhe gefunden.Freshfocus

Amir Abrashi hat mit seinem Wechsel die erhoffte Ruhe gefunden.Freshfocus

Amir Abrashi wechselte diesen Sommer von den Grasshoppers zum SC Freiburg. Der albanische Nationalspieler über sein neues Leben im Breisgau.

Warum ist Freiburg für Sie die perfekte Destination nach GC?

Amir Abrashi: Für mich ist der Schritt in die 2. Bundesliga optimal. Es ist für einen Schweizer nicht einfach, in einem Bundesliga-Team gesetzt zu sein. Wie zum Beispiel Izet Hajrovic bei Werder Bremen erfahren musste. Hier kann ich mir einen Status erarbeiten. Nach zwei Monaten, fünf Spielen, zwölf Punkten und 444 Einsatzminuten kann ich mit gutem Gewissen sagen: Ich habe alles richtig gemacht.

Einer Ihrer besten Freunde,
Admir Mehmedi, spielte zuletzt in Freiburg. Haben Sie sich bei ihm informiert?

Ja, Admir hat mir viel von Freiburg erzählt. Ich war auch einige Male im Stadion, um ihn zu besuchen. Freiburg war schon seit einiger Zeit auf meinem Radar. Und auch Roman Bürki sagte mir: «Mach es!» Nun bin ich froh, dass ich in einem Klub integriert bin, wo Ruhe herrscht.

Eine Ruhe, die es bei GC nicht gab?

Ja, nach fünf Jahren kam ich an einen Punkt, wo ich mir zugestehen musste: Ich habe keine Energie mehr. Obwohl es jetzt mit CEO Manuel Huber und Trainer Pierluigi Tami sicher ruhiger vonstattengeht.

Der Rummel um den eigenen Klub beschäftigt einen Spieler demnach mehr, als man vielleicht ahnt?

Ich müsste lügen, wenn es nicht so wäre. Man hat einfach keinen Spass mehr am Fussball. Der Sport war bei GC schlichtweg kein Thema mehr. Ich realisierte, dass ich eine Veränderung brauche. Bei Freiburg habe ich wieder mehr Kraft, mich mit sportlichen Aufgaben auseinanderzusetzen.

War der Abstieg aus der Bundesliga bei Ihrer Ankunft noch ein Thema?

Er wurde noch kurz angesprochen. Trainer Christian Streich sagte, wir müssen das Vergangene vergessen. Und forcierte sofort den Umbruch.

Hat Ihr robuster Spielstil Freiburg in der letzten Saison gefehlt?

Ich sage nicht, dass mit mir alles anders gekommen wäre. Aber ein, zwei Spieler fehlten vielleicht wirklich. Spieler, die in schwierigen Zeiten mit ihrer aggressiven Art ein Zeichen gesetzt hätten.

Sprechen wir über Streich. Wir sehen ihn stets an der Seitenlinie herumtigern. Wie erleben Sie ihn?

Er lebt für den Fussball. Ich hatte viele gute Trainer, aber so jemanden, nein, das habe ich noch nie erlebt. Allein in der Videoanalyse zeigt mir Streich unglaubliche Details auf. Ich habe noch nie so viele taktische Anweisungen erhalten wie hier. Ich fühle mich erstmals wie ein Profi.

Heizt dieser Coaching-Stil Ihre – sagen wir impulsive – Spielart zusätzlich an?

Ich denke schon, da bin ich ja wirklich ähnlich. Ich finde es cool, Emotionen zu zeigen. Wenn ich auf dem Feld aufbrausend bin, ist mir Streich nicht böse, Emotionen sind bei ihm erlaubt.

Basiert Streichs Beziehung zu den Spielern auf Kollegialität?

Er bemüht sich, ein gesundes Verhältnis zum Spieler zu haben und er hilft auch bei privaten Problemen. Streich schafft es, in der Fremde ein Heimatgefühl zu vermitteln. Menschlich ist er genial.

Wie war Ihr erstes Aufeinandertreffen mit ihm?

Ich traf ihn wenige Tage nach dem Abstieg zum ersten Mal. Der Abstieg hat ihn mitgenommen, dennoch hielt er unsere Verabredung ein. Ein anderer wäre direkt in die Ferien geflüchtet, aber Streich nahm sich Zeit für mich. Er schaute schon wieder in die Zukunft. Das gab mir auch die Gewissheit, am richtigen Ort zu sein.

Werden Streichs feurige Anweisungen nie falsch aufgenommen?

Nein, er meint es nur konstruktiv. Ich hatte das Gefühl, mit meinen 25 Jahren sei ich ein Arrivierter. Aber ich kann noch so viel lernen. Das fehlte mir bei den Grasshoppers, dass man mir Verbesserungsansätze aufzeigte.

Vielleicht hatte man bei GC die Befürchtung, Sie zu brüskieren, wenn man Sie korrigiert.

(Lacht). Das denke ich nicht. Pierluigi Tami ist ein super Trainer. Wäre ich geblieben, dann wegen ihm.

Wenn Tami Trainer der Schweizer A-Nati geworden wäre, hätten Sie sich dann für die Schweiz und gegen Albanien entschieden?

(Lacht). Gute Frage, vielleicht wäre es dann anders gekommen. Fest steht aber, dass ich den Entscheid wirklich nicht bereue.

Zumal Sie im Moment mit Albanien auf einer Erfolgswelle reiten.

Richtig, niemand hatte uns auf dem Radar. Wir hatten im Hintergrund Zeit, ein stabiles Mannschaftsgerüst aufzubauen. Giovanni De Biasi (Trainer von Albanien, d. Red.) formierte eine kompetitive Mannschaft. Unser nächstes Spiel in Dänemark wird aber ein echter Prüfstein.

Vielleicht gar eine Grenzerfahrung.

Möglich, sie werden uns mit Sicherheit nicht mehr unterschätzen. Aber klar, wir wollen zeigen, dass unser Höhenflug kein Zufall war.

Schon letzten Winter kamen erste Wechselgerüchte um Sie auf: Werder Bremen klopfte an. Warum kam der Transfer nicht zustande?

Ich war bei Werder nahe dran, habe den Klub vor Ort betrachtet und mit dem Trainer gesprochen. Alles schien gut, doch dann wurde es ruhiger um mich, das Interesse liess nach. Ich weiss bis heute nicht genau, woran der Transfer gescheitert ist.

Freiburg ist ein Ausbildungsverein. Haben Sie bereits einen Plan für den weiteren Karriereverlauf?

Das ist offen, vielleicht bin ich in zehn Jahren noch hier. Ich will nur eines: fussballerisch weiterkommen.

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