Gastkommentar

«Ich bin voller Freude. Ich bin voller Herzschmerz» Florence Schelling über das Abschiednehmen von der Sport-Karriere

Florence Schelling, SRF-Expertin Eishockey.

Florence Schelling, SRF-Expertin Eishockey.

Wie ist das, wenn plötzlich etwas zu Ende geht, das ein Leben lang prägend war? Und was, wenn eine Eishockey-Karriere endet, ohne dass man die Gelegenheit hatte, Adieu zu sagen? Unsere Kolumnistin erinnert  sich an ihr letztes Spiel. Und Jonas Hiller verrät ihr, wie es ist, wenn der eigene Traum geplatzt ist.

Ein letztes Mal noch. Ich verlasse mein Hotelzimmer. Ich atme tief durch. Ich bin voller Vorfreude. Ich bin voller Herzschmerz. Ich fühle alles und nichts und alles durcheinander. Ich komme zur Eishalle. Das vertraute Gefühl von lauter Musik in der Garderobe. Ich absolviere alle meine Rituale und Vor-dem-Spiel-­Abläufe. So wie in den letzten 25 Jahren immer. Ich verabschiede mich innerlich von jeder Einzelnen. Es ist der Samstag, 31. März 2018. Finalissima in Schwedens Eishockeymeisterschaft. Ich ziehe meine Torhüteraus­rüstung an. Ein letztes Mal. Ich grinse plötzlich unablässig vor mich hin. Ich fühle mich super. Ich weiss: Es ist die richtige Entscheidung. Es ist mein letztes Spiel der Karriere.

Das Aufwärmen? Geht wie im Flug vorbei. Egal, ich mochte es ja nie. Kurz vor Spielbeginn, als ich schon auf dem Eis stehe, überkommen mich die ­Emotionen. Tausend Fragen schiessen mir durch den Kopf. Habe ich alles erlebt, was ich erleben wollte? Ja! Habe ich immer 100 Prozent ge­geben? Ja! Hätte ich noch härter trainieren können? Natürlich. Und was wäre, wenn es mit dem Titel in Schweden wieder nicht klappt...?

Jonas Hiller, Torhüter EHC Biel.

Jonas Hiller, Torhüter EHC Biel.

Das Spiel beginnt. Und schon ist es fertig. Ich erinnere mich kaum mehr daran. Wir ver­lieren. Kein Titel. Grosse Enttäuschung. Aber Erinnerungen fürs Leben. Ich habe das Eis als letzte Spielerin verlassen, mich ein letztes Mal umgedreht, meiner Familie zugewinkt, Tränen in den Augen. Und jetzt, wenn ich diese Zeilen schreibe, bekomme ich wieder Augenwasser. Ich denke zurück und bin unendlich dankbar für all die unvergesslichen Emotionen, die ich in meiner Karriere erleben durfte.

Leider ist es nicht immer allen Sportlerinnen und Sportlern vergönnt, den Abschied von der Leidenschaft, die ein Leben lang so wichtig war, bewusst zu erleben. Jonas Hiller ist so ein Beispiel. Still und leise ist seine Karriere zu Ende gegangen. Beendet von einem Virus. Corona – und fertig. Kein letztes Spiel. Keine Tränen. Ich hätte es ihm, einem der grössten Pioniere des Schweizer Eishockeys, so sehr gegönnt, auf der grossen Bühne abtreten zu können. Voller Emotionen.

Ich rufe Hiller an. Ich will wissen, wie er damit umgeht, dass ihm sein bewusstes Ende unverschuldet genommen wurde. Jede und jeder hat ja diesen Traum des grossartigen Endes. Bei Hiller war es der Schweizer Meistertitel mit dem EHC Biel, vor dem eigenen Publikum. Am Telefon ist er gut gelaunt. Er ist mit sich und der Welt im Reinen. «Weisst du, viel schlimmer wäre es gewesen, im Playoff-­Final in Führung zu liegen und dann wäre plötzlich der Stecker gezogen worden.»

38-jährig ist Hiller mittler­weile. Er gab schon Anfang der Saison bekannt, dass 2019/20 seine letzte Spielzeit wird. «Auf dem Eis war immer alles ziemlich ähnlich wie sonst. Aber gelegentlich habe ich mich schon dabei erwischt, wie ich dachte: ‹Dieses Ein­laufen in dieser nicht so grossartigen Halle mache ich vielleicht zum letzten Mal.› Manchmal hatte ich auch Gedanken des vorzeitigen Vermissens. Vor der imposanten Kulisse des SC Bern spielen – gibt es so ein Gefühl auch später noch?»

Ein Monat ist mittlerweile vergangen seit Hillers letztem Spiel. Ein 5:1 gegen den ZSC. Kein Titel. Aber immerhin ein Sieg. Ein Geisterspiel war es. Speziell, oder nicht? «Es fühlt sich an, als wäre es schon ewig her. Weil nirgendwo auf der Welt mehr gespielt wird, sind TV, Zeitungen und Online- Portale nicht voller Eishockey. Da sind die Gedanken schnell woanders. Vor allem in Zeiten wie diesen. So richtig bewusst wird mir das Ende dann wohl erst, wenn alle ins Sommer­training müssen – ausser ich.»

Florence Schelling, 30, trägt Olympia-Bronze, coacht die Eishockey-Nati der U18-Frauen, ist Expertin bei SRF und schaut in der Freizeit gerne Tennis oder Skirennen. Sie schreibt im Wechsel mit Steffi Buchli, Sarah Akanji und Céline Feller jeden Samstag über verschiedene Sportthemen.

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