Schwingen
«Ich bin eher Roller als Bergkönig» - Armon Orlik im Interview zur Vorschau für das Unspunnen-Schwingfest

Der Bündner Schwinger Armon Orlik gehört beim Unspunnen-Fest in zwei Wochen zu den grossen Favoriten. Wir haben ihn getroffen und über seine Erfolge, seinen Unfall und seine Religion gesprochen.

Rainer Sommerhalder
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Im Auge des Bündner Wappentiers: Armon Orlik auf dem Balkon seines Elternhauses in Maienfeld.

Im Auge des Bündner Wappentiers: Armon Orlik auf dem Balkon seines Elternhauses in Maienfeld.

Den Titel des Schwingerkönigs hat der letztjährige Shooting-Star Armon Orlik nur ganz knapp verpasst. Seit seinem beeindruckenden Auftritt in Estavayer gehört der 22-jährige Student bei jedem Schwingfest zu den ganz heissen Eisen. Bis zum Saisonhöhepunkt am 27. August in Interlaken will der Bündner die letzten Zweifel über die mentalen Folgen seines verhängnisvollen Unfalls am Aargauer Kantonalschwingfest diesen Frühling ausräumen.

Denken Sie noch oft ans Eidgenössische Schwingfest vom letzten Jahr zurück?
Armon Orlik: Je länger, desto weniger. Einfach so kommen die Gedanken nicht, ich muss wirklich bewusst daran denken. Ab und zu mache ich dies, um mich zu erinnern, wie ich dort geschwungen habe und was ich damals alles richtig gemacht habe.

Wie lange brauchten Sie, um die Niederlage im Schlussgang zu verdauen?
Das ging ziemlich schnell. Die trainingsfreie Zeit nach dem Eidgenössischen bot eine gute Gelegenheit, den verlorenen Schlussgang zu verarbeiten. Wir versuchten zudem den Flow des Eidgenössischen mitzunehmen und organisierten in der Region ein Jungschwinger-Camp. Dadurch waren die Gedanken automatisch an einem anderen Ort. Und für diese jungen Teilnehmer war ich ohnehin der Grösste, der König und überhaupt (lacht).

Zur Person

Armon Orlik wurde am 26. Mai 1995 geboren. Der Bauingenieur-Student an der Fachhochschule Chur wohnt in seinem Elternhaus in Maienfeld. Er stammt aus
einer sportbegeisterten Familie. Vater Paul war Schwinger und Judoka, auch
die drei Brüder betreiben Kampfsport. Armon Orlik begann mit Judo und wechselte später mit Erfolg zum Schwingsport. 9 Kranzfestsiege stehen auf seinem Konto. Am Eidgenössischen im letzten Jahr stoppte ihn erst Matthias Glarner im Schlussgang. Trotzdem wurde Orlik später zum Schwinger des Jahres 2016 gewählt.

Ihr Auftritt am Eidgenössischen hat Sie auf einen Schlag in der ganzen Schweiz populär gemacht. Haben Sie diesen Effekt gespürt?
Das habe ich schon gespürt. Am meisten wohl an der Tatsache, dass ich zum sportlichen Newcomer des Jahres gewählt wurde. Die Euphorie nach Estavayer betraf eigentlich alle jungen Schwinger, neben mir insbesondere auch Remo Käser oder Sämi Giger.

Werden Sie heute auf der Strasse eher angesprochen?
Hier in Graubünden kennen mich inzwischen ziemliche viele Leute. In Zürich hingegen habe ich damit kein Problem (lacht).

Aber in Ihrer Heimat wusste man ja schon vorher, wer Sie sind?
Aber heute wissen es deutlich mehr Leute. Vor dem Eidgenössischen wusste man, dass da irgendein talentierter Bündner auch noch mitmacht. Seit diesem Schwingfest kennen sie auch das Gesicht dieses Bündners.

Ist Ihnen Popularität unangenehm?
Nein, erkannt zu werden, empfinde ich meistens als etwas Schönes. Wenn man sich nicht darauf versteift, dass es nicht gut ist, dann kann man es auch geniessen. Es ist doch witzig, wenn man fremde Leute sagen hört: «Schau, das ist doch der Orlik!»

In seiner Heimat kennt man sein Gesicht: Armon Orlik

In seiner Heimat kennt man sein Gesicht: Armon Orlik

KEYSTONE/GIANCARLO CATTANEO

Wieso ist Schwingen Ihr Sport?
Schwingen macht mir sehr viel Spass und weckt in mir eine Leidenschaft. Einerseits mag ich den Zweikampf, andererseits gefällt mir das Festliche beim Schwingen. Früher beim Judo lag stets eine riesige Anspannung in der Luft. Du konntest ja schon im ersten Kampf ausscheiden. Wobei es in der Zwischenzeit für mich auch im Schwingen ab dem ersten Gang so richtig losgeht.

Kommt der Druck davon, dass Ihnen heute schon im ersten Gang meistens der stärkstmögliche Gegner zugeteilt wird oder ist es primär die eigene Erwartungshaltung?
Es sind definitiv die Erwartungen, die ich selber an mich habe. Ich habe im letzten Jahr aber auch gemerkt, dass dieser selbst auferlegte Druck durchaus gut tun kann und man damit zum Erfolg kommt. Das gibt mir ein gutes Gefühl.

Hätten Sie auch in anderen Sportarten Talent?
Im Judo sicher. Dort feierte ich früher einige kleine Erfolge. Sonst eher weniger (lacht). Ich fahre mega gerne Rennvelo. Ich wäre aber wohl eher der Roller als der Bergkönig!

Verfolgen Sie Sport auch als Zuschauer?
Ja, auf jeden Fall.

Welche Disziplinen besonders?
Tennis, Velorennen, Leichtathletik, Turnen, früher auch Judo.

Also auch hier eher der Einzelsportler?
Ja, das ist so.

Mit welchen Zielen reisen Sie ans Unspunnen-Fest?
Ich will mit einem guten Gefühl anreisen. Dieses versuche ich mir an den verbleibenden Festen noch zu holen. Wenn mir dies gelingt, kann ich mir hohe Ziele stecken. Dann geht es darum, sich für den Schlussgang zu qualifizieren.

Wenn Sie wünschen könnten: auf wen möchten Sie im Schlussgang treffen?
Leider ist Matthias Glarner verletzt, sonst hätte ich ihn gewünscht. Am liebsten auf einen anderen Nordostschweizer – Sämi Giger oder Dani Bösch. Aber zwei Nordostschweizer im Schlussgang ist wohl kein realistisches Szenario.

Orlik wäre gerne auf Mathias Glarner im Schlussgang getroffen.

Orlik wäre gerne auf Mathias Glarner im Schlussgang getroffen.

Keystone

Sie mussten in diesem Frühling nach Ihrem Unfall am Aargauer Kantonalen einige Wochen pausieren. Wieso?
Die Nerven waren geschockt und die gesamte Muskulatur im Nackenbereich hatte sich verhärtet. Ich war unbeweglich und sehr anfällig auf gewisse Bewegungen. In den beiden Armen spürte ich zudem ein Kräuseln. Ich musste als Erstes die Nerven im Oberkörper beruhigen und meine Beweglichkeit wieder erlangen. Das alles erforderte Zeit.

Und der mentale Aspekt?
Auch diese Verarbeitung benötigte seine Zeit und ist vielleicht auch noch nicht ganz abgeschlossen. Das ist ein Prozess, der eng damit zusammenhängt, welche Signale dir dein Körper gibt. Je besser es im Training und im Wettkampf läuft, umso mehr kann man das andere abhaken.

Was machte den Umgang mit dieser Verletzung so schwierig?
Es ging eben nicht irgendein Knochen kaputt, den der Arzt wieder zusammenflickt und man als Athlet nach einer gewissen Zeit sagen kann: so, jetzt ist alles wieder verheilt. Ich habe diese Situation so noch nie erlebt: Wie soll das jetzt heilen, wenn eigentlich gar nichts kaputt ist? Ich habe viel mit meinem Mentaltrainer darüber gesprochen. Bei einer solchen Unsicherheit ist wichtig, offen und ehrlich zu sein. Man muss zugeben können, dass es vielleicht noch nicht so gut ist, wie man es sich vorstellt.

Orlik konnte sich gut von seiner Verletzung erholen

Orlik konnte sich gut von seiner Verletzung erholen

Severin Bigler

Sie sind ein sehr gläubiger Mensch, aber es heisst, sie würden nicht gerne über dieses Thema sprechen?
Mir ist es durchaus recht, darüber zu sprechen. Es stimmt, ich bin in einer gläubigen Familie aufgewachsen. Wir sind katholisch und wir leben diesen Glauben auch. Jeder in der Familie praktiziert ihn in seinem persönlichen Mass. Ich kann ein kleines Beispiel erzählen. Im Auto hat es ein kleines Kreuz. Vor jeder Fahrt mache ich ein kurzes Gebet, damit ich gut am Ziel ankomme.

Hat Ihnen der Glaube bei der Verarbeitung des Unfalls geholfen?
Definitiv. Der Glaube gibt einem dieses Urvertrauen, das man braucht. Entscheidend ist, dass es im Kopf wieder stimmt. Und hier war der Glaube sehr wichtig für mich. Bei einem Schwingfest ist der Ablauf sehr ähnlich wie beim Einsteigen ins Auto. Ein Gebet vor jedem Gang, dass es gut kommen wird.

Apropos Glaube: Schwingerkönig Matthias Glarner hatte bei seinem Sturz von der Gondel zweifellos eine Art Schutzengel bei sich. Was haben Sie empfunden, als Sie davon erfuhren?
Das ist definitiv Horror. Ich habe mir überlegt, wie hoch zwölf Meter eigentlich sind. Da brauchte Matthias definitiv mehr als nur Glück, um das zu überleben.

Hatten Sie seither Kontakt mit ihm?
Nein, wir haben nicht eine so enge Beziehung zueinander, dass wir uns oft schreiben. Wir waren zusammen im WK. Dort verbrachten wir eine wirklich gute Zeit miteinander und hatten es oft lustig. Aber es stimmt, vielleicht könnte ich ihm vor dem Unspunnen-Fest noch schreiben.

Haben Sie vor einem Schwingfest spezielle Rituale?
Gut essen (lacht). Am wichtigsten ist es, dass ich mich wohl fühle. Und am wohlsten fühle ich mich hier zuhause, wenn alles ganz normal verläuft. Es ist mir ziemlich wichtig, dass vor einem Schwingfest kein Besuch hier ist.

Ich bin gleich fertig...
Ich habe morgen kein Schwinfgest (lacht).

Und wie sieht die «Henkersmahlzeit» am Abend vor dem Unspunnen-Fest aus?
Sicher Kartoffeln, damit noch ein wenig Energie reinkommt. Und Fleisch dazu.