Arminia Bielefeld

Ich bin dann mal weg, um zu retten

Er ist weder laut noch schrill: Jeff Saibene als Trainer von Arminia Bielefeld.

Er ist weder laut noch schrill: Jeff Saibene als Trainer von Arminia Bielefeld.

Vielleicht schafft Jeff Saibene mit Bielefeld den Klassenhalt in der 2. Bundesliga nicht – ein Gewinner ist er trotzdem.

Die ersten 200 Schritte in Bielefeld – angenehm ist anders. «Haste mir n’ Euro?» «Haste mir ne Kippe?» Zwei Alkis schreien sich an. Eine alte, verwahrloste Frau brabbelt vor sich hin. Ein Penner ist gerade gar nicht gut drauf und prognostiziert lautstark den Weltuntergang. «Hey Alter, was geht?» Land gewinnen geht. Hasten geht. Einverstanden, deutsche Bahnhöfe sind in den seltensten Fällen eine Komfortzone. Trotzdem: Wo ist Jeff Saibene bloss gelandet?

Es geht alles ziemlich schnell. Saibene bleibt keine Zeit, sich über die Umgebung um den Bahnhof zu informieren. Sowieso: Nach 200 Schritten wird es etwas besser. Und die Altstadt von Bielefeld ist sogar richtig schmuck. Aber um Schönheit geht es nicht.

Am Mittwoch also ruft Bielefeld an und fragt, ob man sich am Tag darauf in Zürich für Gespräche treffen könne. Saibene kann. «Wir wollen Sie, und nur Sie, für unsere Mission Klassenerhalt», hört der 48-jährige Luxemburger am Donnerstag. Er ist geschmeichelt. Später sogar ein bisschen stolz, als er erfährt, welch prominente Trainer sonst noch verfügbar gewesen wären.

Der kleine Luxemburger

Eigentlich ist Saibene gar nicht verfügbar. Thun ist sein Arbeitgeber und mit nur vier Punkten Vorsprung auf Schlusslicht Vaduz immer noch in der gefährlichen Zone. Und am Sonntag steht das Heimspiel gegen St. Gallen an. Trotzdem: Saibene einigt sich mit den Berner Oberländern auf die Vertragsauflösung, macht unmittelbar nach dem 2:2 gegen die Ostschweizer den Abflug und wird am Montag, dem 20. März, in Bielefeld als neuer Trainer präsentiert.

Er wechselt nicht aus finanziellen Gründen, versichert Jeff Saibene. Nein: Deutschland ist Fussballland. Das Thema omnipräsent. Ob im Fernsehen, in den Zeitungen, im Büro, in der Kneipe oder auf der Strasse. Egal, wie es auf den Bahnhöfen aussieht. Hauptsache, der Fussball macht gute Figur. Wann, fragt sich Saibene, bekommt ein «kleiner Luxemburger» aus der «kleinen Schweiz» schon mal die Gelegenheit, Bestandteil dieser gigantischen Show zu sein? Vielleicht, wenn es ausserordentlich gut kommt.

Nun, Bielefeld ist nicht München. Mit 330 000 Einwohnern die 18. grösste Stadtder Republik zwar, aber keine Metropole mit grosser Ausstrahlung. TV-Moderator Oli Welke («heute-show») kommt aus der Stadt. Alt-Kanzler Gerhard Schröder hat hier sein Abitur gemacht. Der frühere Nationalspieler Uli Stein stand hier mal im Tor. Und Arminia hat immerhin 16  Jahre in der 1. Bundesliga auf dem Tacho. «Ein Verein mit grosser Tradition und einer wichtigen gesellschaftlichen Bedeutung in der Region», wirft Saibene ein. «Ein Verein auch, der im Schnitt 18  000 Zuschauer ins Stadion lockt.» Nun droht aber der vierte Abstieg in die 3. Liga.

Als Saibene übernimmt, liegt Bielefeld auf dem drittletzten Tabellenrang, der die Chance offenlässt, in den Relegationsspielen gegen den Dritten der 3. Liga die Klasse zu halten. Jetzt, zwei Runden vor Schluss, ist die Arminia Zweitletzte. Dabei ist Saibenes Bilanz gut. Zehn Punkte aus sieben Spielen. Hochgerechnet auf die ganze Saison stünde Bielefeld mit diesem Schnitt an 5. Stelle.

«Wahnsinn», sagt Saibene. «Diese Liga ist sehr ausgeglichen, jedes Spiel ein Kampf. Selbst die Teams, die im scheinbar bedeutungslosen Mittelfeld platziert sind, kämpfen, als ginge es um ihr Leben.» Mittendrin in diesem gnadenlosen Verdrängungskampf: der sensible Saibene.

Es ist der Tag nach dem 1:1 in Bochum.Saibene war schon besser gelaunt. «Wieder haben wir in den letzten Minuten einen Gegentreffer kassiert», resümiert der frühere Aarau- und St.-Gallen-Trainer. «Wie schon beim 1:1 gegen Fürth oder beim 2:3 gegen Stuttgart.» Er könnte sich einreden: Was solls, Bielefeld ist ja nur ein Engagement auf Zeit. Ausserdem hat nicht er den Schlamassel angerichtet. Er wird, egal wie die letzten zwei Spiele verlaufen, als Gewinner dastehen, weil alle Welt erkennt, dass die Mannschaft unter ihm eine positive Entwicklung gemacht hat. Aber Saibene kann und will nicht denken wie ein abgezockter Söldner. Denn er hat den Klub, die Stadt, die Menschen bereits liebgewonnen. Und vielleicht kommt ja doch noch alles gut.

Alleine im Haifischbecken

Das Hotel liegt auf halbem Weg vom unschönen Bahnhof zur schönen Altstadt. Seit knapp acht Wochen wohnt Saibene nun schon hier. Seine Frau, die Teilzeit in einem Reisebüro arbeitet, und seine beiden Söhne (20 und 18) sind in Küttigen geblieben. Der nette Trainer allein im Haifischbecken. Doch nett ist nur die eine Seite von Saibene.

Er ist weder laut noch schrill. Er ist weder egozentrisch noch divenhaft. Unterschwellig wird Saibene noch immer die nötige Härte für das gnadenlose Fussball-Geschäft abgesprochen. Das ist Blödsinn. Schon im März 2007, als er in Thun vom Assistenten zum Cheftrainer befördert wird, sorgt er mit unpopulären Massnahmen für Aufsehen, als er fünf einflussreiche Spieler, die sogar Champions League gespielt haben, aus dem Kader streicht. Dabei geht es ihm nicht darum, ein Zeichen zu setzen, damit ein Zeichen gesetzt ist. Sondern um die Balance in der Mannschaft. Und siehe da: Unter Saibene schafft Thun mit sechs Siegen in zehn Spielen souverän den Klassenerhalt. Die Episode in Thun beeindruckt selbst Swiss Olympic. Saibene wird gebeten, vor diversen Nationaltrainern ein vierstündiges Referat zum Thema «Krisenintervention auf Teamebene» zu halten.

Vergleichen kann man die Mission in Bielefeld nicht mit jener in Thun. Hier hat Saibene nicht das Gefühl, einzelne Spieler würden das Klima vergiften. Obwohl die Mannschaft vor seiner Ankunft als untrainierbar galt und mit 24 Feldspielern zu üppig bestückt ist. Saibene sagt: «Fussballerisch sind die Spieler hier nicht besser als in Thun. Aber punkto Einstellung und Leistungskultur ist das eine andere Welt.»

Eine Welt notabene, die Saibene in den Bann zieht. «Wenn man da mal drin ist, will man nicht so schnell wieder raus», sagt der Luxemburger. Wenn es mit dem Klassenerhalt klappt, ist sehr wahrscheinlich, dass sich Saibene nach einer Wohnung in Bielefeld umschaut. Und wenn die Arminia absteigt? «Dann müssen wir schauen.»

Als Saibene 2009 in Aarau entlassen wird, quält ihn die Sorge, er könnte nun weg vom Fenster sein. «Unterdessen bin ich viel gelassener. Auch, weil ich schon einiges erreicht und mir einen Namen gemacht habe. Wenn man als Trainer gut arbeitet, sich loyal und korrekt verhält, bleibt man nicht lange ohne Job», sagt er.

Saibene ist überzeugt, dass er in Deutschland bereits eine Duftmarke gesetzt hat. Trainer von gegnerischen Teams zeigen sich erstaunt darüber, was er in der kurzen Zeit bewirkt hat. Die Presse ist ihm gut gesonnen. Von den Fans hört er, wie wohltuend sein authentisches Auftreten ist. Und im Klub lobt man seine emotionale Intelligenz. Eigentlich zu schön und zu gut, um abzusteigen.

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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