WM 2018

«Ich auf der Skipiste? Nie im Leben»: Nati-Star Valon Behrami im grossen Interview

Valon Berahmi: «Ich auf der Skipiste? Nie im Leben!»

Valon Berahmi: «Ich auf der Skipiste? Nie im Leben!»

Valon Behrami (33) spricht vor seiner vierten WM-Teilnahme über Schweizer Chancen in Russland, seine eigene Verwandlung – und die Beziehung zu Ski-Star Lara Gut.

Die WM ist in diesen Momenten noch weit weg. Valon Behrami sitzt auf der Terrasse eines wunderbaren Hotels in Lugano. Es ist Ende Mai, knapp drei Wochen vor dem WM-Auftakt des Schweizer Nationalteams am Sonntag gegen Brasilien (20.00 Uhr). Behrami blickt entspannt zurück auf seine Zeit als Nationalspieler. Er ist dabei genauso selbstkritisch wie humorvoll.

Valon Behrami, wie muss die Schweiz am Sonntag gegen Brasilien spielen?

Valon Behrami: Wenn das so einfach wäre! Es wird schwierig. Wir müssen vorsichtig sein, aber nicht ängstlich. Auch einmal mutig.

Sie bestreiten zum vierten Mal eine WM, das ist Schweizer Rekord. Macht Sie das stolz?

Keine Sorge, dieser Rekord wird nicht allzu lange bleiben. Wir haben sehr junge Spieler, die schon zum zweiten Mal dabei sind. Ich profitiere vom Moment.

Und nach der WM treten Sie zurück?

Schwierige Frage. Vor der EM 2016 war ich mir sicher: Nach dem Turnier ist Schluss mit dem Nationalteam. Dann änderte ich meine Pläne wieder. Also ist es besser, sich gar nicht allzu gross darüber Gedanken zu machen.

Wie viel Energie steckt noch in Ihrem Körper?

Die mentale Energie ist das Wichtigste. Und die kriege ich im Nationalteam immer. Deswegen möchte ich auch nicht sagen, dass die WM mein letztes Turnier ist mit der Schweiz. Andererseits habe ich viele körperliche Probleme.

Sie werden alt.

Ich bin schon längst alt (lacht).

Wenn Sie von körperlichen Problemen sprechen, dann meinen Sie vor allem Ihre Knie?

In der Tat. Vier Operationen gehen nicht spurlos an einem vorbei. Mein rechtes Bein war immer das stärkere. Und jetzt plötzlich beginnen auch da die Probleme. In diesem Jahr hatte ich drei Verletzungen im rechten Oberschenkel. Das war mental nicht einfach zu akzeptieren. Aber dann muss ich mir wieder sagen: Es ist jetzt so, das ist halt Fussball.

Wie gelingt es Ihnen, die Schmerzen zu vergessen, wenn Sie auf dem Platz stehen?

Da spielt viel Adrenalin mit. Ich vergesse alles rund um mich herum. In den Trainings merke ich schon: Mein Kopf will viel machen, aber der Körper schafft es nicht. Manchmal löst das auch Frustration aus. Für einen Charakter wie meinen, der immer jeden Zweikampf gewinnen will, egal wann und wo. Ich musste lernen, die Situation zu akzeptieren, wie sie ist.

Machen Sie sich Sorgen, dass Ihr Körper nach der Karriere ziemlich kaputt sein könnte?

Ja, manchmal schon. Aber das geht nur 30 Sekunden. Weil ich mir dann sage: Wie könnte ich jemals sagen, dass ich deswegen jetzt mit Fussball aufhöre? Fussball ist mein Leben, das war es schon immer. Ach, wie würde ich die Kabine vermissen! Aber es bleiben mir nicht mehr allzu viele Jahre.

Was hat Sie dazu gebracht, nach der EM von Ihren Rücktrittsgedanken abzukommen?

Es war körperlich der Moment, um aufzuhören. Aber dann war ich mit meiner Tochter in Lugano, sie sagte mir: «Okay, Papa, in zwei Jahren hast du ja nochmals eine Chance.» Ich fragte zurück: «Was hast du gerade gesagt?» Und sie meinte: «Ja, du hast mir doch erzählt, in zwei Jahren gibt es wieder so ein Turnier, dann kannst du es doch noch mal versuchen.» Danach begann ich, mir Gedanken zu machen.

Und wie reagierte Ihre Tochter nach der Auslosung? Die Schweiz in einer Gruppe mit Brasilien, Serbien und Costa Rica.

Sie rief: «Du spielst gegen Neymar?!» Sie kennt Neymar, nur Neymar, weil sie auf der Konsole «Fifa» spielt. Und als sie mein Nicken sah, schaute sie mich an und meinte: «Der ist zu stark für dich!» Danke schön! Das war’s dann wohl mit meinem Selbstvertrauen (lacht).

Kürzlich haben Sie in den sozialen Medien ein Bild gepostet mit Ihrer Freundin Lara Gut. Bedeutet das, dass Sie bereit sind, über die Beziehung zu reden?

Vielleicht ein wenig (lacht). Ich habe dieses Bild gezeigt, weil ich spürte, dass es immer mehr Leute gab, die uns einmal zusammen sehen wollten. Es ist mir lieber, wir bestimmen selbst, was für eine Aufnahme das ist, als dass sich die Paparazzi auf eigene Faust etwas besorgen. Wir waren damals zusammen im Oman.

Beginnen Sie nun wegen Lara Gut mit dem Skifahren?

Ich auf der Skipiste? Nie im Leben (lacht laut). Selbst dann nicht, wenn mich die Knie nicht so sehr schmerzen würden.

Wie haben Sie Lara Gut kennen gelernt?

Stopp, stopp! Mehr möchte ich nicht verraten.

Also zurück zum Fussball. Welches war die prägendste Zeit im Nationalteam?

Die Zeit nach der WM 2010 hat mich verändert. Es war die schlimmste Zeit meiner Karriere. Aber die beste für mich als Menschen. Im ersten Spiel der WM besiegten wir Spanien. Im zweiten erhielt ich die rote Karte gegen Chile. Wir sind ausgeschieden. Und ich fühlte mich schuldig. Fünf Tage sass ich nur zu Hause rum, wagte mich nicht raus, weil ich vermeiden wollte, dass jemand mit mir spricht. In dieser Zeit habe ich einiges realisiert.

Was genau?

Um mich herum war immer vieles negativ. Warum? Wegen mir selbst. Ich habe einen Krieg gegen die ganze Welt geführt, den ich nicht gewinnen konnte. Jede Kritik nahm ich persönlich. Nie konnte ich etwas akzeptieren. Ich habe realisiert: Entweder ändere ich mich, oder ich führe diesen Krieg weiter. Aber diesen Krieg kannst du nicht gewinnen. Ich habe verloren. Ich habe das akzeptiert und gemerkt: Ich kann etwas ändern. Das beginnt im Kleinen: Wenn jemand schreibt, Behrami hat nicht gut gespielt, dann tut er das, weil es sein Job ist. Nicht, weil böse Absicht dahinter ist.

Valon Behrami zu Beginn seiner Nati-Karriere. In der skandalösen WM-Barrage 2005 ist er Teil der Equipe, die gegen die Türkei die WM-Teilnahme sichert.

Valon Behrami zu Beginn seiner Nati-Karriere. In der skandalösen WM-Barrage 2005 ist er Teil der Equipe, die gegen die Türkei die WM-Teilnahme sichert.

Reden wir über die EM 2016. Die Schweiz ist im Achtelfinal gegen Polen nach Penaltyschiessen ausgeschieden. Wie werten Sie das Turnier, als Erfolg oder Enttäuschung?

Wir haben unser grosses Ziel nicht erreicht. Und es war schwierig, das zu akzeptieren. Wir hatten die Qualität und die Möglichkeit, für eine grosse Überraschung zu sorgen – aber wir haben es nicht geschafft. Ich denke, der Moment hätte perfekt gepasst. Doch dann kommt dieses Penaltyschiessen. Trotzdem: Ich nehme einige gute Gefühle mit. Die Atmosphäre in Frankreich war grossartig. An einer EM spürst du deine Fans viel besser als beispielsweise damals in Südafrika mit all den Vuvuzelas oder in Brasilien.

Wie hat das Schweizer Team die Enttäuschung der EM verarbeitet?

Es gibt zwei Varianten. Entweder man sagt, «o. k., das war’s jetzt in dieser Konstellation» und ändert sich komplett. Oder man geht den eingeschlagenen Weg nochmals intensiver. Wir haben uns für die zweite Variante entschieden. Weil wir überzeugt sind, dass die Richtung stimmt.

Dann sind Sie auch überzeugt davon, dass die Schweiz an der WM Grosses leisten kann?

Ja, das bin ich. Und trotzdem muss ich Ihnen sagen: Dieses Team darf nicht zu viel nach vorne schauen. Wenn das geschieht, wenn überall schon wieder die Rede ist von «schaffen wir endlich einmal einen Viertelfinal?», dann verlieren wir den Fokus. Dieses Team lebt von der Euphorie, die entstehen kann. Aber das passiert Schritt für Schritt.

Sagen Sie das auch intern?

Ja, wenn ich merke, dass zu viel über Dinge gesprochen wird, die zu weit weg sind, tue ich das. Manchmal denke ich auch, dass unsere Vorrundengruppe auf Brasilien reduziert wird. Serbien hat eine richtig gute Mannschaft. Costa Rica ist ein gefährlicher Gegner. Wir stehen vor einer grossen Herausforderung.

Nach dem Spiel gegen Brasilien wird die Schweiz als Nächstes auf Serbien treffen. Ist dieses Spiel für Sie mit Ihren kosovo-albanischen Wurzeln speziell?

Nein. Gegen Albanien an der EM war es vielleicht nicht so einfach. Aber Serbien ist ein normaler Gegner für mich. Wir denken immer, Fussball sei ein Kriegsplatz. Die Leute glauben, da passiere etwas. Aber es passiert nichts, das alles ist doch nur inszeniert. Wir sind Fussballer und Vorbilder für die Kinder. Wenn du zu Hause bist, interessiert dich doch die Nationalität nicht.

Was meinen Sie mit «inszeniert»?

Was bringt es, wenn ich gegen Serbien das Gefühl habe, ich müsse jetzt jemandem wehtun. Wir sind Fussballspieler! Ich habe in kosovarischen Zeitungen gelesen, dass Serbien an der WM nun gegen «unsere» Kosovo-Spieler antreten müsse. Was soll das?! Ich spiele für die Schweiz.

Sie sind einer der Chefs dieses Teams. Wie müssen wir uns das konkret vorstellen?

Ich spüre die Mannschaft anders als früher. Manchmal schalte ich auch den Aussenblick ein. Ich versuche die Gruppe nicht nur aus der Perspektive von mir als Spieler zu sehen.

Fast wie ein Trainer?

Durchaus. Mich interessiert diese Perspektive. Ich diskutiere häufig mit Vladimir Petkovic, frage ihn viele Sachen, weil es mich interessiert. Ich weiss ja noch nicht genau, was ich nach meiner Karriere machen will. Aber ich finde es interessant, wie ich mich verändert habe. Wenn du Spieler bist, denkst du nur an dich – dabei gibt es noch viel mehr, die ganze Dynamik von aussen!

Können Sie sich vorstellen, Trainer zu werden?

Ich, ein Trainer? Mit diesem Kopf (tippt sich an die Stirn und lacht herzhaft). Ich denke, dafür bin ich schon noch nicht bereit.

Apropos Trainer: Wie nehmen Sie Vladimir Petkovic heute wahr? In Frankreich sagten Sie, er habe sich während der EM geöffnet, er lasse den Spielern mehr Freiheiten.

Wir haben gemeinsam nochmals einen Schritt gemacht. Wir kennen Vladimir Petkovic nun ziemlich gut. Spüren, wenn er nicht zufrieden ist. Spüren, wenn wir lachen dürfen. Die Beziehung ist auf einer neuen Ebene angekommen. Früher haben wir mehr Zeit investiert, um Dinge zu besprechen, Sachen zu evaluieren, die wir verbessern können. Heute sind viele Regeln gegeben, jeder respektiert sie. Aber Freiheiten gibt es noch immer, wir können immer noch oft lachen und den Moment geniessen.

Man hat das Gefühl, heute dürfen die jüngeren Spieler im Nationalteam schon eine wichtigere Rolle einnehmen.

Das ist so. Und ich denke auch, dass es richtig ist. Als ich damals in derselben Situation war, spürte ich, dass ich etwas brauchen würde, was mir niemand gegeben hat. Niemand kam zu mir und fragte nach. Es war wichtig, das zu erleben. Denn jetzt gehe ich auf einen Mitspieler zu, wenn ich sehe, dass er ein bisschen ausserhalb der Gruppe steht, und rede mit ihm. Und kann so den Jungen helfen.

Sehen Sie zwischen den Jungen von heute und den Jungen von früher einen grossen Unterschied?

Die Jungen von heute sind viel selbstbewusster. Vor allem haben sie keine Angst, spielen schon in grossen Ligen. Zakaria, Embolo und viele andere sind resistent, auch was den Druck angeht. Das macht sie auch stärker.

Haben Sie damals, 2009, der Schweizer U17-Auswahl zugeschaut, wie sie Weltmeister wurde?

Ich habe ab dem Halbfinal geschaut, davor aber nicht wirklich gemerkt, was die Schweizer alles leisten. Drei Spieler von damals sind heute bei uns. Genau diese drei Spieler haben eine unglaubliche Mentalität. Xhaka, Seferovic und Rodriguez. Ich habe erst in den letzten Jahren gemerkt, was dieser WM-Titel für heute bedeutet.

Ein Xhaka will immer den Ball haben, will immer besser werden. Hier ist er auch ein gutes Beispiel für mich. Weil er auf dem Platz Mut hat. Und dennoch ist meine Frage, was mit den anderen jener unglaublich starken U17-Generation passiert ist? Wo sind sie geblieben?

Die Jungen, die selbstbewusst sind, könnten sich aber auch schnell überschätzen oder arrogant wirken.

Ja, das kann passieren. Bei uns ist das aber nicht so. Die Leute haben mich früher auch als arrogant bezeichnet, aber ich war das nicht. Man muss wissen, wo die Grenze ist. Die Jungen kennen ihren Platz, wissen, wann sie etwas sagen können. Sie sind anders mit dem Fussball gross geworden als wir. Die neue Generation hat viele schlimme Sachen – wie Instagram zum Beispiel (lacht). Aber die vielen guten Sachen überwiegen.

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