Super League
«Hüppilieren» – Bei St. Gallen und GC verlieren die Verantwortlichen die Orientierung

Wenn die Young Boys am Samstag gegen Luzern gewinnen, sind sie erstmals seit 32 Jahren Schweizer Meister – in zwei andern Klubs, dem FC St. Gallen und bei GC, haben die Verantwortlichen gerade die Orientierung verloren.

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Dem Meistertitel entgegen: Die Young Boys Miralem Sulejmani, Kevin Mbabu und Christian Fassnacht (v.l.) jubeln über einen Treffer gegen Lausanne.Keystone

Dem Meistertitel entgegen: Die Young Boys Miralem Sulejmani, Kevin Mbabu und Christian Fassnacht (v.l.) jubeln über einen Treffer gegen Lausanne.Keystone

KEYSTONE

Es wird viel Bier fliessen. Kein Gedanke an das Morgen. Was zählt, ist der Moment. Schweizer Fussballmeister! Ein Moment auf den man in Bern 32 Jahre gewartet hat. Ekstatisch, gewiss. Trotzdem wird beim einen oder anderen Young Boyler die Wehmut an die Tür klopfen. Vielleicht nur für einen klitzekleinen Augenblick. Aber sie wird es tun.

Allein, weil eine Geschichte zu Ende geht. Weil nicht mehr ist, was jahrelang galt: «Rang zwöi isch o suberi Büez.» Weil der Status des ewigen Zweiten Identität verlieh, auch von romantischem Zauber umhüllt war. Aber auch, weil dieses ewig scheinende Versagen auf den letzten Metern zu einer wunderbaren Wortkreation inspirierte: veryoungboysen.

Den Young Boys bietet sich am Samstag die Chance zur Vorentscheidung im Kampf um den Meistertitel

Den Young Boys bietet sich am Samstag die Chance zur Vorentscheidung im Kampf um den Meistertitel

KEYSTONE/ANTHONY ANEX

Herr Natischer heisst der Mann, der veryoungboysen kreiert hat. Blogger bei «Zum runden Leder», Mitte 40, Walliser, wegen Christian Constantin mit dem FC Sion gebrochen, im Jahr 2000 nach Bern gezogen und bald darauf glühender YB-Fan. «Ein Mythos geht kaputt», sagt er. Und natürlich sein Wort. Es ist schliesslich nicht alltäglich, dass man ein Wort kreiert, das sich in der ganzen Deutschschweiz verbreitet.

Deshalb ist der baldige Titelgewinn für Herr Natischer gleichbedeutend mit Abschied nehmen. Er sagt: «Wir haben mit dem Verlieren auch kokettiert. Die sarkastische Art, wie wir mit der Titellosigkeit umgegangen sind, wurde zum Bestandteil der YB-DNA. Und: Das Image des ewigen Zweiten war praktisch, weil man sich dahinter auch verstecken konnte.»

Aber verstehen Sie Herr Natischer bloss nicht falsch. Auch wenn seine Equipe für das Spiel vom Samstag, den grossen Moment, falls YB gegen Luzern gewinnt, im Gegensatz zu 2010 kein Meister-Bier gebraut hat: Über allem steht die Freude über den Triumph – es den Baslern und allen anderen gezeigt zu haben. Mit diesem exzeptionellen Trainer (Adi Hütter), diesem intelligenten Sportchef (Christoph Spycher), diesem cleveren Talentspäher (Stéphane Chapuisat) und diesen famosen Spielern.

YB-Sportchef Christoph Spycher hat eine klare Linie

YB-Sportchef Christoph Spycher hat eine klare Linie

KEYSTONE/PETER KLAUNZER

Veryoungboysen ist bald Geschichte. Zumindest in Bern. Andere Klubs scheinen Gefallen am früheren YB-Weg gefunden zu haben – indem sie sich selbst Fallen stellen.

In der Ostschweiz wird hüppiliert

Vor drei Wochen war St. Gallens neuer Präsident Matthias Hüppi ziemlich aus dem Häuschen. 2:4 hatte sein Klub zwar gegen YB verloren. Aber Hüppi war gleichwohl euphorisiert ob des Spektakels: «Darauf darf sich die Mannschaft ruhig etwas einbilden.» Gut zwei Wochen später ist ein Teil dieser Mannschaft kalt gestellt: Trainer Giorgio Contini.

Was ist in der Zwischenzeit passiert? St. Gallen gewann bei GC und verlor beim FC Zürich und gegen Thun. Weshalb der neue Sportchef Alain Sutter plötzlich Platz 3 in Gefahr sieht. Denn Platz 3 bedeutet die direkte Qualifikation für die Gruppenphase der Europa League, falls YB den Cupfinal gegen den FCZ nicht veryoungb . . . äh verliert. Womit ein mittlerer siebenstelliger Betrag zu verdienen ist. Dabei sagte Sutter an seiner ersten GV: «Ich messe meine Arbeit nicht daran, wie viel Geld wir mit Transfers verdienen. Ich will glückliche Kinder in der Nachwuchsabteilung sehen.»

St. Gallens neuer Trainer: Peter Zeidler ist im Fokus

Nach der Entlassung von Trainer Giorgio Contini führt Boro Kuzmanovic den FC St. Gallen bis zum Saisonende. Kuzmanovic, vergangene Woche noch im GC-Nachwuchs beschäftigt, soll ab der neuen Saison als Co-Trainer amten. Sein Chef wird derzeit noch gesucht. In der Favoritenrolle sind derzeit Rapperswil-Trainer Urs Meier und Peter Zeidler. Derzeit ist der 55-jährige Deutsche in Frankreich beim FC Sochaux (Platz 10 in der zweiten Division) engagiert. Seit dem Abgang des Schweizer Managers Ilja Känzig (zu Bochum) scheint der frühere Sion- und Salzburg-Trainer einem Wechsel nicht abgeneigt. Nur: Zeidler hat für nächste Saison noch einen Vertrag.

Nun aber bemängeln Hüppi und Sutter, Contini würde ihnen zu wenig Vertrauen entgegen bringen. Welches Vertrauen haben die beiden dem Physiotherapeuten, dem Nachwuchs-Chef oder dem Talentmanager geschenkt, die sie nach zwei Wochen entlassen haben? Und was ist das für ein Vertrauensbeweis, wenn man Contini jenen Physiotherapeuten ins Nest setzt, den der Trainer Monate zuvor nicht mehr im Team haben wollte?

Und was denkt der Angestellte, ein junger Familienvater mit zwei kleinen Kindern, dem man noch vor Wochen mündlich eine Vertragsverlängerung anbot, über das Ende der Zusammenarbeit im Sommer? Und was denkt Contini, wenn ihm vorgeworfen wird, ein Resultattrainer zu sein, Alain Sutter aber vor versammelter Presse sagt: «Ein Trainer hat die Resultate zu verantworten.» Vor lauter Widersprüchen verlieren sie in St. Gallen gerade etwas die Orientierung. Man hüppiliert.

Eklat in St. Gallen: Giorgio Contini ist nicht mehr Trainer des FCSG

Eklat in St. Gallen: Giorgio Contini ist nicht mehr Trainer des FCSG

KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER

Aufgrund der Fakten ist die Entlassung Continis verwegen. Der 44-Jährige hat den Klub vergangene Saison vor dem Abstieg gerettet. Und dieses Jahr werden sich die Ostschweizer wohl erstmals seit 2013 für den Europacup qualifizieren. Darüber hinaus hat Contini junge Spieler weiterentwickelt. Beispielsweise den 19-jährigen Verteidiger Jasper van der Werff, den St. Gallen wohl für einen tiefen siebenstelligen Betrag an Red Bull Salzburg verkaufen wird. Contini hat ziemlich viel richtig gemacht. Einzig, er hat nicht immer einen Purzelbaum geschlagen, wenn er Sutter und Hüppi über den Weg gelaufen ist.

Hüppilieren auch bei GC

GC-Sportchef Mathias Walter: «Preis-Leistung ist bei Murat Yakin perfekt.» CEO Manuel Huber: «Murat Yakin lässt sich auch als Person vermarkten. Seine Verpflichtung ist ein Signal, das unsere Ambitionen unterstreicht.» Präsident Stephan Anliker: «Mit Murat Yakin haben wir die grössten Chancen, uns sportlich gut zu entwickeln.» Alle Aussagen im August des vergangenen Jahres gemacht. Heute reut den Präsidenten jeder Franken, den er dem kürzlich entlassenen Yakin bezahlen muss.

Thorsten Fink, der Mann an der Seitenlinie der Grasshoppers

Thorsten Fink, der Mann an der Seitenlinie der Grasshoppers

KEYSTONE/AP/KERSTIN JOENSSON

Sicher, Yakin hat bei GC Fehler gemacht. Insbesondere, weil er sich vom alternden Urgestein Erich Vogel zu einer übereilten Palastrevolution hinreissen liess. Aber Yakin bleibt einer der drei besten Fussballtrainer mit Schweizer Pass. Ob er diesen Beruf aber je wieder ausüben wird, ist fraglich. Und GC? Das ist keinen Schritt weiter. Auf Yakin folgt Thorsten Fink. Punkto Erwartungshaltung, Selbstverständnis und Wasserverdrängung die deutsche, bestimmt nicht günstige Kopie Yakins.