Fahnenflüchtige
Höher, schneller weiter – aber nicht für das Land der Eltern – auch Dario Cologna wurde erst spät Schweizer

Knapp 3000 Athleten erfüllen sich dieser Tage im südkoreanischen Pyeongchang ihren Olympia-Traum. Jeder Zehnte vertritt dabei nicht das Geburtsland der Eltern.

Simon Häring
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Gebürtiger Italiener und erfolgreichster Schweizer Wintersportler: Dario Cologna.

Gebürtiger Italiener und erfolgreichster Schweizer Wintersportler: Dario Cologna.

Keystone

Grösster Profiteur ist Gastgeber Südkorea: 18 der 144 Athleten umfassenden Delegation kamen nicht dort zur Welt. Alleine das Eishockey-Team der Männer baut auf sechs gebürtige Kanadier und einen Amerikaner. Sie profitierten von fehlender Eishockey-Tradition und einem abgekürzten Einbürgerungsverfahren. Voraussetzungen: zwei Jahre bei einem koreanischen Team, ein Treffen mit Sportfunktionären, später mit dem Justizminister und – kein Witz – das Vorsingen der Landeshymne.

Sie alle hätten keine Chance gehabt, ihr Heimatland an Olympischen Spielen zu vertreten, Opportunismus als Grund für den Nationenwechsel. Aber nicht in allen Fällen ist das so. Globalisierung und Migration machen auch vor dem Sport nicht Halt. Viele Athleten haben mehrere Pässe wie zum Beispiel Slopestyle-Olympiasiegerin Sarah Höfflin, die Tochter eines Schweizers und einer Neuseeländerin. Iouri Podladtchikov ist Sohn russischer Eltern, kam erst als 8-Jähriger in die Schweiz und startete bis 2007 noch für Russland.

Die Voraussetzung für einen Nationenwechsel sind unter Ziffer 41 in der olympischen Charta festgehalten. Sie besagt, dass ein Athlet während dreier Jahre vor den Spielen für das neue Land angetreten sein muss. In vielen Fällen profitieren alle Beteiligten: 12 der 91 teilnehmenden Nationen wären in Südkorea ohne Fahnenflüchtige gar nicht vertreten. Wir erzählen Ihnen die spannendsten Geschichten.

Dario Cologna – Schweiz

Mit vier Goldmedaillen ist Dario Cologna neben Simon Ammann der erfolgreichste Schweizer Winter-Olympionike. Dass er seinen Namen in den Annalen der Schweizer Sportgeschichte einträgt, ist indes nicht selbstverständlich. Cologna wuchs in Müstair, im östlichsten Dorf der Schweiz, einen Kilometer von der Grenze zu Italien entfernt, auf. Vater Remo ist aus dem italienischen Nachbardorf Taufers, Mutter Christine aus Stilfs.

Dario Cologna wuchs in Müstair, im östlichsten Dorf der Schweiz, einen Kilometer von der Grenze zu Italien entfernt, auf.

Dario Cologna wuchs in Müstair, im östlichsten Dorf der Schweiz, einen Kilometer von der Grenze zu Italien entfernt, auf.

KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER

Erst im Alter von 15 Jahren erhielt Cologna den Schweizer Pass. Fünf Jahre später gewann er an der Junioren-WM in Slowenien Bronze. Das weckte Begehrlichkeiten bei den Italienern. Die Guardia di Finanza, die Finanz- und Zollpolizei, wollte das Talent abwerben und lockte mit einer Arbeitsstelle. Cologna und Vater Remo fuhren ins Val di Fiemme und schauten sich die «Scuola Alpina» an. Doch Cologna fühlt sich der Schweiz verbunden. «Ich wollte den Kollegenkreis nicht verlassen», sagte er zur «NZZ». Bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang führte der 31-Jährige die Schweizer Delegation als Fahnenträger an.

Elizabeth Swaney – Ungarn

In der Halfipipe begnügte sich die gebürtige Amerikanerin damit, an der Kante jeweils zu wenden. Einen Trick beherrscht sie nicht. Erst mit 25 stand die heute 33-jährige Elizabeth Swaney erstmals auf Ski. Vor acht Jahren hatte sie erfolglos versucht, sich im Skeleton für Olympische Spiele zu qualifizieren. Damals noch für Venezuela, das Geburtsland ihrer Mutter. Nun spielte sie ihre fundierten Kenntnisse der Qualifikationskriterien aus.

Elizabeth Marian Swaney aus Ungarn. Elizabeth Marian Swaney, of Hungary, runs the course during the women's halfpipe qualifying at Phoenix Snow Park at the 2018 Winter Olympics in Pyeongchang, South Korea, Monday, Feb. 19, 2018. (AP Photo/Charlie Riedel)

Elizabeth Marian Swaney aus Ungarn. Elizabeth Marian Swaney, of Hungary, runs the course during the women's halfpipe qualifying at Phoenix Snow Park at the 2018 Winter Olympics in Pyeongchang, South Korea, Monday, Feb. 19, 2018. (AP Photo/Charlie Riedel)

Charlie Riedel

Sie hatte sich im Weltcup regelmässig unter den ersten 30 platziert. Einmal belegte sie in China Platz 13, profitierte aber davon, dass dort nur 15 Starterinnen zugegen waren. Ungarn kann sie vertreten, weil die Grosseltern von dort stammen. Dort sorgte ihr Auftritt indes für Empörung. Trotzdem sagte sie: «Ich habe mich nicht für den Final qualifiziert, deshalb bin ich wirklich enttäuscht.» Für sie ist der amerikanische, pardon ungarische Traum in Erfüllung gegangen. Grosse Auftritte behagen Swaney ohnehin: 2005 trat sie bei den Gouverneurswahlen in Kalifornien gegen Arnold Schwarzenegger an.

Iouri Podladtchikov – Schweiz

Nach dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1992 wanderten Podladtchikovs Vater Yuri, ein Professor für Geophysik, und Mutter Valentina nach Westeuropa aus. Über Schweden und die Niederlande kam die Familie 1996 nach Zürich. Bei den Olympischen Spielen 2006 in Turin ging Podladtchikov für Russland an den Start, erhielt danach aber den Schweizer Pass.

Olympiasieger Iouri Podladtchikov muss auf einen Start an den Olympischen Spielen in Pyeongchang verzichten

Olympiasieger Iouri Podladtchikov muss auf einen Start an den Olympischen Spielen in Pyeongchang verzichten

KEYSTONE/AP/DARKO BANDIC

Nach seinem Durchbruch hätten die Russen versucht, ihn «zurückzukaufen», sagte Podladtchikov einmal. Doch er lehnte ab, weil «im Schweizer Verband alles viel professioneller» sei. Vor vier Jahren holte er Olympia-Gold – ausgerechnet in Russland.

Chloe Kim – USA

Ausgerechnet im Heimatland ihrer Eltern holte Chloe Kim Olympia-Gold in der Halfpipe. Aufgewachsen ist die erst 17-Jährige, die von sich selber sagt, sie hasse Kälte und Schnee, in Kalifornien. Mit acht Jahren lebte Kim zwei Jahre in Genf bei ihrer Tante und trainierte in Zermatt unter dem Vater. «Meine Eltern dachten, es sei gut für meine Entwicklung, in Übersee zu leben», sagte sie der «Sports Illustrated». «Oder sie hatten einfach genug von mir. Ich bin mir bis heute nicht sicher.»

Viktor Ahn – Russland

Er hiess einmal Ahn Hyun-soo und war Koreaner. Als solcher gewann er 2006 in Turin im Short Track drei Mal Gold. Vor Vancouver 2010 verletzte er sich. Weil ihn der Verband nicht nominierte, kam es zum Streit und aus Hyun-soo, dem Koreaner, wurde Viktor, der Russe – weil Viktor «Siegen» bedeutet und mit dem Sänger Viktor Zoi ein berühmter Russe koreanische Wurzeln hatte.

Viktor Ahn wurde das Startrecht an den Olympischen Winterspielen in Pyeonchang verweigert

Viktor Ahn wurde das Startrecht an den Olympischen Winterspielen in Pyeonchang verweigert

KEYSTONE/AP/DAVID J. PHILLIP

In Sotschi gewann Ahn 2014 drei weitere Goldmedaillen. Vladimir Putin verlieh ihm den «Verdienstorden für das Vaterland». Mit drei weiteren Goldmedaillen hätte Ahn in Südkorea, in seinem Heimatland, wo er trotz Nationenwechsel verehrt wird, zum erfolgreichsten Winter-Olympioniken werden können, doch nun wurde ihm die Fahnenflucht zum Verhängnis. Zwar wurde er nie positiv getestet, doch es gibt Hinweise, dass Proben von ihm manipuliert worden sind. Ahn wurde vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) gesperrt, der Rekurs blieb ohne Erfolg. Der russische Koreaner durfte gar nicht erst nach Korea.