Er hat vieles richtig gemacht, dieser Herr im weiss-blauen Trainingsanzug. Er war es, der die TSG Hoffenheim im Frühjahr 2013 vom viermonatigen Missverständnis mit Trainer-Neuling Marco Kurz erlöste. Dieser Mann mit der Mähne eines Löwen ist Markus Gisdol. Der Baden-Württemberger lotste den taumelnden Verein aus einer immer prekärer gewordenen Lage, raus aus den direkten Abstiegsplätzen. Er stellte sicher, dass das Langzeitprojekt des Klubmäzens Dietmar Hopp, den Verein aus dem Kraichgau zu einer treibenden Kraft im deutschen Fussball zu formen, nicht jäh endete. Gisdol machte die TSG zum Stammgast im gesicherten Tabellenmittelfeld der Bundesliga, im Mai dieses Jahres witterte man gar das europäische Geschäft in der Rhein-Neckar-Arena.

Schwegler: „Wir haben wieder versagt“

Ein halbes Jahr später hält längst die Tristesse Einzug, Hoffenheim steckt in der Krise. Mittendrin: Fabian Schär, Pirmin Schwegler und Steven Zuber. Das Schweizer-Trio erlebte den sportlichen Absturz des Mäzen-Klubs hautnah, den Spektakelfussball aus dem letzten Jahr kennt man nur noch vom Hörensagen im Kraichgau. An Gisdol prasselte die Kritik stets ab. Er beschwor den Einheitsgedanken: „Wir kommen da zusammen wieder raus.“ Auch die Spieler standen hinter dem angezählten Trainingsleiter. Dietmar Hopp prüfte das höchstpersönlich nach der 2:4-Niederlage gegen den VFL Wolfsburg. Wenige Tage später verliert Hoffenheim erneut. „Wir haben wieder versagt“, sagt der sichtlich mitgenommene TSG-Captain Schwegler nach der 0:1-Niederlage gegen den HSV. 72 Stunden danach wird Markus Gisdols Freistellung entschieden. Der 46-Jährige gibt den 1899 nun dort ab, wo er ihn einst übernommen hatte: im Tabellenkeller der Bundesliga.

Feuerwehrmann Huub

Das Gisdol-Aus gründe neben den sportlichen Ursachen aber auch darauf, dass der Coach anfangs Jahr bei Vertragsverhandlungen die Teppichetage mit überzogenen Gehaltsforderungen verstimmt haben soll. Doch diese Diskussion geniesst im Kraichgau keine Priorität. Vielmehr interessiert die unkonventionelle Handhabung der Gisdol-Nachfolge. Hoffenheims neuer heisst Huub Stevens. Der 61-Jährige erarbeitete sich in den letzten Jahren den Ruf des Feuerwehrmanns. Stevens ist der Mister Abstiegskampf. Jüngst rettete er den VFB Stuttgart im Frühjahr vor der sportlichen Deklassierung. Nun soll er 90 Kilometer nördlich in Hoffenheims Kabine wieder das proklamieren, was mittlerweile schon Kultstatus erreicht hat: „Die Null muss stehen.“

Trainertalent beerbt Stevens im Sommer 2016

In Sinsheim ist man zuversichtlich den richtigen Mann verpflichtet zu haben. Er habe nicht nur grosse Erfahrung mit solchen Situationen, sondern könne ein Team auch entsprechend aufrichten und begeistern. Dies wolle man nutzen, um so schnell wie möglich wieder in die Erfolgsspur zu finden, liess TSG-Direktor Alexander Rosen bei Stevens Vorstellung verkünden. Fest steht, dass Hoffenheim mit diesem Personalentscheid den Kurs der Kontinuität wieder verlässt. Vom Eingriff erhofft man sich kurzfristiges Glück, für das langfristige haben die TSG-Verantwortlichen ebenfalls schon vorgesorgt: Ende Saison wird der 28-jährige Julian Nagelsmann das 1899-Ruder übernehmen. Das momentan in der eigenen U-19 wirkende Trainertalent soll Stevens im Sommer 2016 beerben. Egal, wie gut der Holländer abschneiden wird.

BVB-Trainer Thomas Tuchel äussert sich über Hoffenheims Trainertalent Julian Nagelsmann

BVB-Trainer Thomas Tuchel äussert sich über Hoffenheims Trainertalent Julian Nagelsmann

Hoffenheim sieht in diesen Schritt ein Zeichen für die Zukunft. Für Klub-Mäzen Dietmar Hopp ist die interne Beförderung des Trainer-Novizen eine "logische und folgerichtige Entscheidung. Wir wollen in der Nachwuchsarbeit weiter Massstäbe setzen, das gilt auch für unsere Trainer." Während Stevens dem Team wieder Leben einhauchen will, wird Nagelsmann seine Ausbildung zum Fussball-Lehrer abschliessen. Nach diesen turbulenten Tagen wünschen sich Schär, Schwegler und Co. nur zwei Dinge: Ruhe und Punkte.