Schweizer Nati
Hoffen auf komischen Fussball und drei weitere Erkenntnisse aus den jüngsten Länderspielen

Nach dem 2:1-Erfolg in Island spielt die Schweiz in der Nations League gegen Belgien um den Gruppensieg. Es sind die ersten Schritte nach einer turbulenten WM in Russland, die mit dem Einzug in den Achtelfinal durchzogen geendet hatte.

Etienne Wuillemin
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Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri spielen eine noch prägendere Rolle.

Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri spielen eine noch prägendere Rolle.

KEYSTONE

Als die Nacht über Reykjavik hereinbrach musste Vladimir Petkovic noch eine letzte kleine Hürde nehmen. «Was für ein Spiel haben Sie denn gesehen?», fragte ein isländischer Journalist verwundert, nachdem er höflich nachgefragt hatte, ob er richtig verstanden habe, dass Petkovic zu keinem Zeitpunkt den Ausgleich der Isländer befürchtet habe. «Das ist meine Art, immer ruhig zu bleiben», erklärte Petkovic entschuldigend. Denn es war keinesfalls so, dass der Nationaltrainer den 2:1-Sieg der Schweiz schöngeredet hätte.

Petkovic fordert von seinem Team «mehr Persönlichkeit» in gewissen Momenten, natürlich hätte auch er lieber ein 3:0 als ein 2:1 besprochen. Aber am Ende überwog doch das positive Fazit. Die Schweizer bekamen, was sie wollten: Ihren Final gegen Belgien um den Gruppensieg. Dazu ist bereits sicher, dass sie in der EM-Qualifikation als einer der zehn Gruppenköpfe gesetzt sein werden - und damit den stärksten Teams aus dem Weg gehen.

Von einem Zwischenfazit nach den Länderspielen im September und Oktober wollte Petkovic zwar nicht sprechen. Dennoch gefiel ihm mehrheitlich, was er zu sehen bekam. Vor allem eines: «Wir können unsere Spielidee durchziehen, egal in welcher taktischer Formation wir aufgestellt sind.» Einen kleinen Ausblick in Richtung des Finals gegen Belgien wagte der entspannte und gut aufgelegte Nationaltrainer auch noch. Einen entwaffnend ehrlichen. «Belgien ist die bessere Mannschaft. Wir müssen versuchen, etwas zu provozieren, den Sieg irgendwie zu stehlen. Und manchmal ist ja der Fussball komisch, es gewinnt nicht immer der Bessere.» Dann verschwand er zufrieden in der kalten Nacht.

Xhaka tut die Captain-Binde gut

Was aber bleibt nach den ersten vier Spielen seit der WM? Petkovic erklärte den Herbst zur Phase des Experimentierens. Gegen Belgien und Island verzichtete er erstmals komplett auf die «alte Garde». Behrami und Gelson Fernandes sind zurückgetreten. Dzemaili, Djourou und Captain Lichtsteiner wurden nicht aufgeboten. Die Frage ist nun, ob das so bleibt, oder er den einen oder anderen wieder dazuholt, spätestens wenn im März die EM-Qualifikation beginnt.

Entscheidend wird, ob sich die Arrivierten auch eine Rolle als Notnagel vorstellen könnten. Djourou und Dzemaili würden höchstens dann noch zum Zug kommen, wenn sich andere verletzen. Bei Lichtsteiner hingegen liegt der Fall ein bisschen anders. Stand jetzt ist er rein sportlich gesehen auf Augenhöhe mit seinen Konkurrenten Mbabu und Lang. Dazu ist es zumindest bedenkenswert, nicht gleich auf einen Schlag auf ein Quintett zu verzichten, dessen Erfahrung der Mannschaft auch gut tut.

In Abwesenheit von Lichtsteiner trägt Granit Xhaka die Captain-Binde. Sie tut ihm gut. Er hat seine Präsenz noch einmal steigern können. Es gibt längst keinen Zweifel mehr, Xhaka ist der Mastermind dieser Schweizer Mannschaft. Das Spiel gegen Belgien bezeichnet er schon mal als «vom Gefühl her ein Endrunden-Spiel». Und darum fordert er: «Jeder muss Stolz zeigen und den absoluten Willen, dieses Duell zu gewinnen.»

Granit Xhaka vertritt Stephan Lichtsteiner als Captain. Switzerland's Granit Xhaka reacts during the UEFA Nations League group 2 match between Switzerland and Iceland in the Kybunpark stadium in St. Gallen, Switzerland, on Saturday, September 8, 2018. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Granit Xhaka vertritt Stephan Lichtsteiner als Captain. Switzerland's Granit Xhaka reacts during the UEFA Nations League group 2 match between Switzerland and Iceland in the Kybunpark stadium in St. Gallen, Switzerland, on Saturday, September 8, 2018. (KEYSTONE/Peter Schneider)

PETER SCHNEIDER

Variabler als noch bei der WM

Unbestritten ist, dass die Schweiz seit der WM variabler geworden ist. Petkovic setzt bisweilen auf eine Dreierkette, das Team weiss etwas damit anzufangen. Die grösste Veränderung gegenüber der WM ist aber, dass Xherdan Shaqiri in der Mitte agiert. Shaqiri weiss den grösseren Aktionsradius zu nutzen, kann das Spiel mehr prägen als von der Seite. «Ich denke, das Team kommt zu mehr Chancen, wenn ich auf meiner neuen Position spiele», stellt Shaqiri fest. Und ganz grundsätzlich sieht er die Schweiz auf «gutem Weg».

Positiv wirkt sich insbesondere aus, dass Xhaka und Shaqiri nicht mehr so weit auseinander sind. Als nächsten Schritt müssen sie es hinkriegen, den Ball noch etwas zielstrebiger in die gefährliche Zone zu bringen. Wenn eine Schwäche deutlich sichtbar wurde, dann ist es diese: auf den letzten 30 Metern vor dem Tor ist die Schweiz zu harmlos. Dummerweise ist es die entscheidende Zone.

Abhängigkeit von Shaqiri und Xhaka

Und doch wäre es falsch, nun ein allzu ephorisches Bild zu zeichnen. Das gerne vorgetragene Ideal des grossen Konkurrenzkampfes stösst schnell an Grenzen. Die Abhängigkeit von den Führungsspielern ist gross. Xhaka, Shaqiri, aber auch ein Rodriguez sind nicht zu ersetzen. Und das wird sich so schnell auch nicht ändern.

Die Schweizer Achillesferse sind die offensiven Positionen. Sowohl im Sturm, als auch auf den Flügeln fehlt es im Vergleich zur Weltspitze an Qualität. Das mag gegen Länder von der Hubraumklasse Islands zu verschmerzen sein. Nicht aber, wenn der Widerstand grösser wird. Es ist kaum Zufall, dass sich die Schweiz dann schwertut mit dem Toreschiessen. Egal, ob der Gegner nun Belgien, England oder Schweden heisst.

Xherdan Shaqiri geniesst die Freiheiten hinter den Spitzen. epa07089391 Switzerland's Xherdan Shaqiri reacts during the UEFA Nations League soccer match between Belgium and Switzerland at the King Baudouin Stadium in Brussels, 12 October 2018. EPA/ENNIO LEANZA

Xherdan Shaqiri geniesst die Freiheiten hinter den Spitzen. epa07089391 Switzerland's Xherdan Shaqiri reacts during the UEFA Nations League soccer match between Belgium and Switzerland at the King Baudouin Stadium in Brussels, 12 October 2018. EPA/ENNIO LEANZA

ENNIO LEANZA

Belgien hat Lukaku, Hazard, De Bruyne, Mertens, oder Batshuayi. Die Schweiz hat Seferovic, Gavranovic, Zuber, Embolo, Ajeti, Fernandes, Drmic, Steffen oder Mehmedi. Die Liste kann noch so lange sein. Es bleibt derzeit kaum mehr als die Hoffnung, dass einige dieser Spieler anstatt zu stagnieren noch einmal einen heftigen Sprung nach vorne machen. Denn wirkliche Alternativen zeichnen sich in nächster Zeit kaum ab. Es ist dieses Reservoir, auf das die Schweiz auch an der EM 2020 angewiesen sein wird.