So ändern sich die Zeiten. In den 90er-Jahren klassierten sich Fritz Zügers Musketiere von Grünigen, Kälin, Locher und Accola im Riesenslalom 21-mal in Serie unter den ersten drei. Doch seit dem Sieg von Carlo Janka im März 2011 sehen die Schweizer das Podest nur noch von weitem. Und mittlerweile sind sogar die Top-Ten-Plätze wie zugenagelt.

Zwei 11. Ränge von Justin Murisier und Gino Caviezel sind in dieser Saison die bisher besten Resultate. Jörg «Jojo» Roten, der Trainer der Riesenslalom-Truppe, setzt sich deshalb für Adelboden moderate Ziele: «Ich will keine Ränge nennen. Ich bin zufrieden, wenn jeder seine beste Leistung bringt.» Und fügt gleich an: «Wunder gibt es nicht.» Die vermeintliche Renaissance vor drei Jahren, als Gino Caviezel mit der Startnummer 52 auf den 11. Rang vorstiess, erwies sich als Strohfeuer. In den vergangenen beiden Jahren erlebten die Schweizer in Adelboden mit einem 20.  und 21. Rang als Bestresultat denkwürdige Pleiten.

Stagnation statt Fortschritt

Schon vor vier Jahren gewann der damalige Männer-Chef Osi Inglin die Erkenntnis: «Wir müssen uns spezialisieren. Sonst haben wir gegen die Besten der Welt keine Chance.» Doch gerade jene, die sich spezialisierten, wie Manuel Pleisch, Elia Zurbriggen oder Thomas Tumler, stagnieren. «Ich sehe kaum Fortschritte», bilanzierte Michael von Grünigen in Alta Badia. Man müsse es differenziert sehen, relativiert Roten: «Aber auch ich habe von einigen mehr erwartet.»

Anfang Saison starteten die Schweizer aus günstigeren Startpositionen als vor einem Jahr, aber nur Justin Murisier konnte die Ausgangslage nutzen. Pleisch ist wieder in die 50er-Nummern zurückgefallen. Tumler wird zum Super-GFahrer umgepolt. Zurbriggen holte bisher einen einzigen Punkt. Und Gino Caviezel, der Senkrechtstarter von 2013, zeigt gemäss Roten «zwischendurch geniale Läufe, aber handkehrum auch sehr schlechte».

Die Hoffnungen ruhen vor allem auf den Romands Justin Murisier und Loïc Meillard. Murisier hat dank der Konzentration auf den Riesenslalom nach zwei Kreuzbandrissen und vier verlorenen Wintern wieder den Anschluss gefunden. «Er ist weiter und stabiler als vor seinen Unfällen», findet Roten.

Dem 19-jährigen Meillard, in dem viele den Swiss-Ski-Heilsbringer sehen, will Roten Zeit geben: «Er ist ein Lehrling und muss Erfahrungen sammeln, was Materialabstimmung, Pistenkenntnisse, Linienwahl und so weiter betrifft.» So unterlief ihm in Alta Badia, als er auf dem Weg zu seinen ersten Weltcup-Punkten am letzten Tor einfädelte, ein klassischer Anfängerfehler. «Sein Durchbruch», so Roten, «ist, wenn der gesund bleibt, nur eine Frage der Zeit. Um ihn habe ich keine Sorge.» Meillard bestreitet in Adelboden erst sein sechstes Weltcuprennen.

Eine geschlossene Gesellschaft

Auch deshalb vermisst Roten im Team der Riesenfahrer Carlo Janka, der mit seiner Präsenz den andern etwas Druck nahm. Janka wird wegen seiner Rückenprobleme erst Ende Januar in Garmisch zum Riesenslalom zurückkehren. In Österreich können die Jungenwie Roland Leitinger, Manuel Feller oder Marco Schwarz im Rücken von Marcel Hirscher in aller Ruhe heranwachsen. Dieses Privileg haben die Schweizer nicht.

Die Riesenslalom-Elite besteht seit geraumer Zeit aus einer «geschlossenen Gesellschaft» mit Hirscher, Ligety und Kristoffersen, den Deutschen Neureuther und Dopfer sowie ein paar Franzosen und Italienern. Seit Jahren kommt da keiner rein, als einziger Neuling verschaffte sich Kristoffersen gewaltsam Eintritt. Seit 2013 stehen die Gleichen in den Top Ten der Weltrangliste. An ihnen zerschellt der Rest der Welt, auch Speedfahrer wie Svindal oder Jansrud.

«Das Wichtigste sind tiefe Startnummern», sagt Didier Cuche: «Das habe ich bei meinem Adelboden-Sieg 2002 realisiert. Damals startete ich zum ersten Mal in den Top 7.» Daniel Albrecht vertrat bei seinem Comeback-Versuch die gleiche These: «Um mit hohen Nummern nach vorne zu kommen, müsste man so gut fahren wie Hirscher.» Damit sind die meisten Schweizer verständlicherweise überfordert. Hilfreich ist für sie deshalb das Prinzip von Stan Wawrinka, das der Tennis-Star auf seinen Unterarm tätowiert hat: «Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.»