Brauchtum

Hoch den Stein, und weg damit

Der Stein des Anstosses: 83,5 Kilogramm fliegen hier durch die Lüfte. Keystone

Der Stein des Anstosses: 83,5 Kilogramm fliegen hier durch die Lüfte. Keystone

Am Sonntag ist der Höhepunkt des Unspunnenfests. Der 83,5-Kilo-Brocken lernt das Fliegen. Weltweit wird zu Kurioserem gegriffen, um herauszufinden, wer am weitesten kann.

Die Schweizer und ihre Berge. Seit Jahrhunderten bewohnen und durchlöchern wir sie. Ab und zu werfen wir sie auch als Steine in der Gegend herum. Immer gezielt und immer weit. Nicht immer zum Spass.

So kennt jedes Schweizer Schulkind die Legende der tapferen Schwyzer Bauern und Adligen, die am 15. November 1315 in der Schlacht am Morgarten gegen das österreichische Heer um Herzog Leopold aufstanden, den Hang hinaufkletterten und den Eindringlingen mit einer ordentlichen Ladung rollender und fliegender Felsbrocken einen steinigen Empfang bereiteten.

Viele Schweizer glauben bis heute, dass sich damals begründete, was wir heute mit dem Steinstossen als eidgenössisches Brauchtum pflegen. Alle paar Jahre versammeln sich die Kraftprotze aus dem ganzen Land jeweils in Interlaken am Unspunnenfest, um den geschichtsträchtigen, 83,5 Kilogramm schweren Unspunnenstein hochzuheben und ihn so weit wie möglich zu stossen.

Vier Meter müssten das dann bestenfalls sein. Denn das ist die Weite, die es für einen Sieg am diesjährigen Unspunnen voraussichtlich braucht.

Brauchtum, das überdauert

Dabei ist es noch niemandem gelungen, den Unspunnenstein zweimal hintereinander am weitesten zu stossen. Der 46-jährige Interlakner Peter Michel versucht es an diesem Sonntag trotzdem. Wenn der Titelverteidiger heuer in der Arena steht, gehört er zu einer langen Reihe eidgenössischer Wurfspezialisten.

Erste Quellen von den werfenden Eidgenossen finden sich bereits im Spätmittelalter: «Wir Sporthistoriker wissen davon aus Chroniken und Verboten und natürlich dann, wenn es Verletzte gab», erklärt Michael Jucker vom Verein Schweizer Sportgeschichte. Der Mittelalterhistoriker der Universität Luzern forscht schwerpunktmässig im Bereich der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Sportgeschichte und gibt an, dass es früher durchaus vorgekommen sei, dass beim Steinstossen Unglücke passierten: «In Rafz wurde mal ein Pfarrer von einem Stein getroffen und verletzt», erzählt Jucker.

Ob absichtlich oder nicht, darüber gibt der historische Verletztenvermerk allerdings keine Auskunft. Klar ist jedoch, dass es beim Werfen immer schon um Sport und Spass ging: «Es ging um gegenseitiges Kräftemessen, auch unter unterschiedlichen Tal- oder Alpschaften», erläutert Jucker.

Wer kann am weitesten? Diese Frage liess sich mit einem Stein oder Stamm bestens klären. Der war in den Bergen einfach aufzutreiben, unterschiedlich schwer und diente den eidgenössischen Alpöhi als Vergleichs- und Wettbewerbsmass besser als ein Wettrennen über Stock und Stein.

Rein eidgenössisch ist das Werfen von Steinen und Stämmen allerdings nicht. Das beweisen alljährlich die schottischen Highland Games. Dort treffen sich seit rund 900 Jahren die Schottischen Clans. Die zeigen neben bunten Röcken auch Muskelkraft und messen sich im «caber toss», dem Baumstammwerfen. Wer früher dort gewann, wurde später des Königs Leibwächter. Heute rekrutiert der Buckingham Palace sie anderswo. Einzig Ruhm und Ehre winken also noch. Und ein Lächeln von der Queen, die dem Spektakel in ihren Sommerferien regelmässig beiwohnt.

Dabei ist es den Highland Games zu verdanken, dass Wurfdisziplinen wie Kugelstossen und Hammerwerfen heutzutage olympische Disziplinen sind. Sie waren es nämlich, die den Begründer der modernen Olympischen Spiele, Baron Coubertin, so sehr beeindruckten, dass er Wurf- und Stosssportarten in die Disziplinenliste aufnahm.

Gummistiefel tuns auch

Ob Steinstossen oder Baumwerfen, sowohl in Schottland als auch in der Schweiz pflegt man das historische Wurfvermächtnis aufwendig. Trainingsgelände wurden gebaut und Probebäume- und -steine angefertigt. Fitness- und Wurftrainings finden statt. Der Professionalisierungsgrad nimmt zu. Für den reinen Spassfaktor muss sich der Wurfenthusiast heute anderen Gegenständen zuwenden. Das tun vor allem die Finnen. Sie haben ihre ganz eigene Wurftradition entwickelt und setzen dabei weit mehr auf die Kuriosität denn auf die Historizität: Gummistiefel, Handys, Handtaschen und sogar Autoreifen fliegen dort regelmässig durch den Himmel. Gerade der Handyweitwurf erfreut sich in Finnland grosser Beliebtheit. Was soll man im Nokia-Land denn auch besseres mit den alten Tastentelefonen anstellen? Es gibt sogar eine Handyweitwurfweltmeisterschaft. Die fand zum ersten Mal zur Jahrtausendwende imfinnischen Savonnlina statt. Den Rekord im Handyweitwurf hält denn auch ein Finne: 97,73 Meter weit flog Riku Haverinens Handy an den letzten Weltmeisterschaften 2013.

Beim Wurf mit Handy und Gummistiefel schwingt in Finnland vor allem Spass mit.

Beim Wurf mit Handy und Gummistiefel schwingt in Finnland vor allem Spass mit.

Kuriose Weltmeisterschaften

Weiter im Süden, in Deutschland, hat man es statt mit dem Handy eher mit dem Gummi. Vor allem in gestiefelter Form. Dort hat «heute show»-Moderator Oliver Welke sogar eigens einen Gummistiefelweitwurf-Verein gegründet. Eine Weltmeisterschaft gibt es auch. Die letzte hat 2013 in Berlin stattgefunden. Gewonnen hat sie mit einer Weite von 62,62 Metern trotz Training kein Deutscher, sondern – wie könnte es anders sein? – ein Finne. Überhaupt gibt es nur einen Wurfwettbewerb, bei dem unsere nördlichen Nachbarn die Finnen schlagen: Dem Maschinenbauer Stefan Koopmann gelang, was seinen Handy- und Stiefelwerfenden Kollegen nicht gelungen ist. Mit der Handtasche seiner Mutter warf er weiter als alle Finnen. 46,2 Meter reichten zum WM-Titel im Handtaschenweitwurf. Doch so unterhaltsam diese Wurfmeisterschaften sind, Parallelen zwischen ihnen und den alten Wurfsportarten sieht Michael Jucker wenige: «Natürlich spielen die Weite und der Wettbewerb auch hier eine Rolle. Sport hat auch immer einen Unterhaltungswert. Aber das sind eher Klamauksportarten», ordnet der Historiker ein.


Lesen Sie ausserdem:

Unspunnen – das Woodstock der Urchigen

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1