«Schau», sagt Marco Wölfli und streckt mir seinen Unterarm entgegen, «kaum sprichst du davon, habe ich Hühnerhaut.» Als wir uns diese Woche treffen, sind 31 Wochen vergangen seit dem 28. April 2018. Der Tag, an dem Marco Wölfli sagt: «Wenn man schon mal ein Märchen schreibt, dann doch gleich richtig!» Der Unterschied zu den klassischen Märchen: Das von Wölfli ist wahr.

Es beginnt im Sommer 1998. Wölfli wechselt vom Nachwuchs des FC Solothurn in die Hauptstadt. Und bleibt dort, abgesehen von einer einjährigen Leihe zum FC Thun (2002/03), bis heute. Gemäss «transfermarkt.ch» sind weltweit nur zehn Profis länger bei ihren Klubs als Wölfli. Das erste Mal für die Profis im Tor steht er im Oktober 1999, YB spielt damals noch in der Nationalliga B. Ab 2003 ist er Stammgoalie, bis zehn Jahre später die Achillessehne reisst. Im Sommer 2014 ist er wieder gesund und rechnet als Captain fest mit der Rückkehr ins Tor. Da sagen ihm der damalige Trainer Uli Forte und Sportchef Fredy Bickel: «Marco, es ist vorbei, Yvon Mvogo bleibt im Tor.» Der Schock sitzt tief, der Stolz ist verletzt und Wölfli denkt an einen Klubwechsel. Doch er entscheidet sich zum Bleiben und zur neuen Aufgabe, künftig die jungen Goalies vor ihm zu unterstützen. Einst sagte er: «Es war ein Weg ins Ungewisse, wie werde ich auf Dauer mit der Ersatzrolle umgehen? Aber es ist meine Bestimmung, bei YB zu sein. In schwierigen Zeiten läuft man nicht davon, so bin ich erzogen worden.»

«Mit Wölfli wird es wieder nichts»

Dreieinhalb Jahre vergehen, ehe sich Mvogos Nachfolger David von Ballmoos im Januar 2018 an der Schulter verletzt. YB liegt bei Meisterschafts-Halbzeit zwei Punkte vor dem FCB. Als klar wird, dass in der Rückrunde Wölfli im YB-Tor steht, melden sich die Stimmen aus der Vergangenheit: «Mit Wölfli wird es wieder nichts.» Hintergrund: Zwei verlorene Cupfinals gegen Sion (2006 und 2009), zwei verlorene Liga-Finalissimas gegen den FC Basel (2008 und 2010) – Wölfli ist immer dabei, wenn YB in den entscheidenden Momenten des Titelkampfs versagt. Das Wort «veryoungboysen» ist eng mit seinem Namen verbunden. Ihm haftet in den Jahren als Stammspieler auch das Image des Genügsamen an, dem es ausreiche, Zweiter statt Erster zu sein, sei es in der Super League hinter dem FC Basel oder in der Nationalmannschaft hinter Diego Benaglio.

Wölflis Antwort auf sein Image ist ein Lächeln. Ihm ist egal, was andere denken. Das sagen viele und lesen dann doch jede Zeile über sich. Aber ihm glaubt man. «Ich war nicht alleine schuld, als wir nicht Meister wurden. Genauso würde ich nie denken, dass es dieses Mal nur meinetwegen gereicht hat.» Stimmt – die Basis für den Titel legen die Berner in den ersten sieben Spielen der Rückrunde, in denen sie den Vorsprung auf den FC Basel von 2 auf
13 Punkte vergrössern. Aber dafür, dass der Moment des Titelgewinns Potenzial für eine Hollywood-Verfilmung hat, sorgt alleine Wölfli.

Es ist der 28. April, YB empfängt den FC Luzern. Gefühlt ist YB längst Meister, nur die rechnerische Bestätigung fehlt. Obwohl man nach 32 Jahren des Wartens Leichtigkeit vermuten würde, liegt an diesem Samstag eine bleierne Anspannung über dem Stade de Suisse. Über 31 000 sind gekommen und lechzen danach, dass es hier und heute passiert, im eigenen Wohnzimmer. Es passiert: Dank ihm, dank Marco Wölfli, der beim Stand von 1:1 einen Penalty hält. In der Nachspielzeit schiesst Jean-Pierre Nsame das 2:1, YB ist Meister. Als er sich aus dem Menschenhaufen über ihm gegraben hat, sagt Wölfli einem Reporter: «Wenn man schon mal ein Märchen schreibt, dann doch gleich richtig!»

Gespräche mit dem toten Vater

Die «Berner Zeitung» schreibt: «Die Tragik seines Werdegangs, die Romantik seiner Rückkehr, der Kitsch der Krönung. Marco Wölfli, der König von Bern». Steve von Bergen, Wölflis Freund und Nachfolger als Captain, sagt: «Jetzt müssen die Berner ihm ein Denkmal bauen. Keiner hat den Titel so sehr verdient wie Marco.» Der letzte Satz deckt sich mit der Meinung der Menschen ausserhalb Berns: Nach seiner Geschichte mögen alle Marco Wölfli den Triumph gönnen, auch die Fans der grossen YB-Rivalen in Basel und Zürich.

Was viele nicht wissen: Hinter dem Wölfli-Märchen steckt noch mehr. Im Oktober 2017 stirbt sein Vater. Er sagt: «Ein grosser Verlust. Wir haben jeden Tag miteinander gesprochen, und plötzlich ist er nicht mehr da.» Die Trauer ist noch omnipräsent, als drei Monate nach dem Tod des Vaters die wichtigste Phase in der Karriere von Marco Wölfli beginnt. Andere wären emotional an der Situation zerbrochen, Wölfli nicht. «In schwierigen Momenten kann man sich entweder verkriechen und bemitleiden oder das Beste daraus machen. Ich habe in vielen Spielen mit meinem Vater gesprochen. Und ich habe mir Sicherheit geholt, indem ich mir eintrichterte: Wenn ich an einen Ball nicht rankomme, dann hilft er mir. Ich glaube, mein Vater war es, der beim Penalty gegen Luzern dafür sorgte, dass der Ball von der Latte in meine Hände zurück und nicht ins Tor fiel.»

Zurück ins zweite Glied

Sein Vater war auch ein wichtiger Berater in Zukunftsfragen. In den Sommerferien nach dem Meistertitel hätte sich Wölfli gerne mit ihm ausgetauscht. Als es um die Frage geht: «Bei YB bleiben oder gehen?» Nur eines steht fest: Die Karriere auf dem Höhepunkt zu beenden, ist keine Option. Bei YB lautet die Perspektive für die neue Saison: Zurück ins zweite Glied, der Stammplatz gehört dem wiedergenesenen David von Ballmoos. Damit musste Wölfli rechnen, einfach zu akzeptieren ist die Situation nach seinen Verdiensten im Meisterfrühling 2018 jedoch nicht. Kommt dazu: Von Ballmoos ist ein guter Goalie, aber kein Supertalent, wie es 2014 Yvon Mvogo war. «Ich weiss, dass es nicht an meinen Qualitäten liegt, dass ich nicht spiele. David ist der Jüngere und hat die Zukunft vor sich.»

Wölfli hat im Sommer Angebote als Stammgoalie auf dem Tisch. Er schaut alle an, kommt aber jedes Mal zum Schluss: «Ich bleibe. YB erfüllt mich, und dazu kommt: Ich liebe die Trainings und die Zeit mit den Teamkollegen in der Garderobe.» Ende Saison läuft der Vertrag aus – ist dann der Zeitpunkt gekommen, zu wechseln oder mit dem Profifussball aufzuhören? Wölfli: «Ich möchte weitermachen, bei YB. In der Winterpause rede ich mit der Klubführung. Ich gehe davon, dass wir eine Lösung finden. Ich bin mit 36 zu jung, um aufzuhören.»