Giro d'Italia
Heute fährt der Giro in der Schweiz – und hinauf in den Schnee zum Stelvio

Am Giro d'Italia steht die Königsetappe an. Sie macht mit der Überfahrt des Umbrailpasses einen Abstecher in die Schweiz. Dazu steht der höchste Punkt der Rundfahrt auf dem Programm, das Stilfserjoch.

Ralf Meile
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Der Italiener Aldo Moser kämpft sich 1965 über den Stelvio.

Der Italiener Aldo Moser kämpft sich 1965 über den Stelvio.

wikipedia/giorgio lotti, mondadori publishers

Fällt heute eine Vorentscheidung im Kampf um den Gesamtsieg beim 100. Giro d'Italia? Der Holländer Tom Dumoulin geht als Leader in die Königsetappe, 2:41 Minuten liegt die Maglia Rosa vor ihren Verfolgern. In Frage kommen für den Gesamtsieg wohl nur noch drei weitere Fahrer: Nairo Quintana aus Kolumbien, der Franzose Thibaut Pinot (+ 3:21 Min.) und Vincenzo Nibali, der italienische Vorjahressieger (+ 3:40 Min.).

Nach dem Ruhetag gestern folgt die «Woche der Wahrheit» in den Alpen und in den Dolomiten. Sie startet gleich mit der Königsetappe des Jubiläums-Giros. 222 Kilometer ist sie lang, unterwegs ins Ziel in Bormio müssen der Mortirolo und das Stilfserjoch (Passo dello Stelvio) bezwungen werden – und als letzter Pass der Umbrail, der vom Münstertal her befahren wird. Rund 5400 Höhenmeter kommen so zusammen.

Der Stelvio ist ein beeindruckender Pass.

Der Stelvio ist ein beeindruckender Pass.

Keystone

Der Umbrailpass ist zwar der höchste Pass der Schweiz und wunderschön. Doch geht es nach seiner radsportlichen Bedeutung, steht er klar im Schatten seines berühmten Nachbarn. Denn der Stelvio ist ein Mythos. Hoch oben, auf 2758 Metern über dem Meer, liegt seine Passhöhe. Gerne ist die Rede von der «Königin der Alpenstrassen».

Die erste Stelvio-Passage ...

1953 werden die Fahrer des Giro d'Italia erstmals über den Stelvio gejagt. Der Schweizer Hugo Koblet fährt in der Maglia Rosa, es ist die vorletzte Etappe. Schon tags zuvor hat sich Koblet einen spektakulären Zweikampf mit Fausto Coppi geliefert. Nun, am Stelvio, will sich die auf Rang 2 liegende italienische Legende den Gesamtsieg holen.

In den Tagen zuvor hat es geschneit, meterhoch türmen sich am Strassenrand die Schneemauern. Coppi greift an, setzt «einen scharfen Angriff, den seine Gegner nicht parieren können», beschreibt die NZZ. Koblet befindet sich nun in einer heiklen Lage: «Er stieg beschwerlich und fiel zusehends zurück.» Oben auf dem Stelvio hat der Zürcher einen Rückstand von über vier Minuten. Zwar gelingt es dem guten Abfahrer Koblet bis ins Ziel in Bormio noch, Zeit gut zu machen. Aber der Giro-Sieg ist weg, Coppi hat ihn um eineinhalb Minuten überflügelt und gewinnt die Italien-Rundfahrt zum fünften Mal. Bis heute hat keiner öfter gewonnen als der «Campionissimo».

Heute steht auf dem Stelvio ein Denkmal, das an den grossen Fausto Coppi, der nur 40-jährig an Malaria starb, erinnert. Und jedes Jahr, wenn der höchste Punkte eines Giro d'Italia passiert wird, gibt es dort eine Sonderprämie für den ersten Fahrer: die «Cima Coppi».

... und die bislang letzte

2014, als der Stelvio letzmals befahren wird, ist Dario Cataldo als erster oben. Doch nicht der Italiener schreibt die Geschichte des Tages, sondern Nairo Quintana. Bei Regen und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt setzt der Kolumbianer in der Abfahrt zur Attacke an, um später in Martell als Etappensieger und neuer Leader zu jubeln.

Es ist indes ein höchst umstrittener Erfolg, denn wegen des fürchterlichen Wetters macht im Aufstieg zum Stelvio die Meldung die Runde, wonach die Abfahrt neutralisiert sei. Quintanas Konkurrenten jagen ihm deshalb nicht nach – und sind im Ziel die Gelackmeierten, denn die Meldung von der Neutralisation stellt sich als falsch heraus.

Für heute ist die Wettervorhersage günstig. Wird Quintana erneut Vollgas geben, wenn es von der Passhöhe des Umbrails hinunter ins Ziel in Bormio geht?

Der Blick auf die Webcam auf der Passhöhe des Stelvio heute Morgen.

Der Blick auf die Webcam auf der Passhöhe des Stelvio heute Morgen.

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