Ski-WM St. Moritz

Heute Abfahrts-Knüller: Titelverteidiger Patrick Küng ist im Kopf schon wieder Weltmeister

Der amtierende Abfahrts-Weltmeister Patrick Küng.

Der amtierende Abfahrts-Weltmeister Patrick Küng.

2015 wurde Patrick Küng Abfahrts-Weltmeister. Der 33-Jährige erklärt für die «Nordwestschweiz» die WM-Piste in St. Moritz, wo er heute Samstag seinen Titel verteidigen will.

Im Kopf ist Patrick Küng schneller als auf der Piste. Immer kurz vor dem Start ins Rennen fahren die Abfahrer die Strecke noch einmal geistig ab. Visualisierung nennt sich das. Wer die Athleten beobachtet, hat das Gefühl, einem Pantomimen zuzuschauen.

Sie bewegen ihre Hände und legen sich in die Kurve. «Wenn die Zeit aus meinen Gedanken zählen würde, würde ich wieder Weltmeister», sagt Küng und lacht. Vor dem geistigen Auge rast er die WM-Piste viel schneller runter, als er es heute tun wird.

Die Arbeit, das Füllen des Datenspeichers im Kopf also, passiert davor. Um im Geist auf die Strecke zugreifen zu können, muss sie Patrick Küng zuerst speichern, also auswendig lernen. Dafür dürfen die Athleten jeweils vor den Rennen oder den Trainings bereits am frühen Morgen auf die Piste, um diese zu besichtigen.

Dort prägt sich Patrick Küng alles ein, um es später intuitiv abrufen zu können. «In St. Moritz haben wir den Vorteil, dass wir Schweizer als einzige Nation bereits vor der WM auf der Piste trainieren konnten. Vieles ist damit bereits tief in meinem Kopf», sagt Küng.

Die Schlüsselstellen

Trainer Simon Rothenbühler, der seit gut zehn Jahren eng mit Patrick Küng zusammenarbeitet, sagt: «Patrick lässt sich vor allem bei der ersten Besichtigung sehr viel Zeit. Meist kommt er als einer der letzten Athleten auf die Strecke, damit er in Ruhe alles anschauen kann und nicht dauernd gestört wird.»

Aber auch wenn die Kurssetzung identisch bleibt, die Piste verändert sich laufend. Neuschnee, Regen, kalte Temperaturen, warmes Wetter – alles kann einen Einfluss auf die Beschaffenheit der Rennstrecke haben und damit auf die Entscheidung, welche Passage wie zu fahren ist. Darum ist die Besichtigung immer von zentraler Bedeutung.

Besonders bei den Schlüsselstellen verweilen die Athleten auf der Besichtigung lange. Sie beobachten, schliessen die Augen und prägen sich alles ein. Erst dann fahren sie die Passage langsam ab. Und steigen vielleicht noch einmal hoch, um es zu wiederholen. Manche tun das still, andere tauschen sich mit Kollegen und Trainern rege aus.

Bruno Kernen ist für das SRF die Männer-Abfahrt an der Ski-WM 2017 in St. Moritz gefahren, mit der 360-Grad-Kamera.

Bruno Kernen ist für das SRF die Männer-Abfahrt an der Ski-WM 2017 in St. Moritz gefahren, mit der 360-Grad-Kamera.

Simon Rothenbühler verrät: «Patrick hat sich besonders die Einfahrt zur Mauer und zum Felsen genau eingeprägt.» Sein Schützling, der heute seinen WM-Titel von 2015 verteidigen will, erklärt, wieso: «Das sind zwei Schlüsselstellen dieser Abfahrt. In diesen zwei Passagen ist es sehr wichtig, intuitiv die richtige Linie zu treffen.»

Speziell an der WM-Abfahrt in St. Moritz ist auch die hohe Anzahl Sprünge. «Oft kommen sie direkt nach einer Kurve», erklärt Küng. «Schwierig ist, dass man meist nicht sieht, wo man hinspringt.» Am frühen Morgen auf der Besichtigung stehen darum die Trainer dort und zeigen mit Ski oder Skistöcken die Richtung an.

Küng und Co. prägen sich ein, wie sie den Sprung anfahren müssen. Später bei Renntempo werden sie «blind» abspringen, ohne zu wissen, wo sie landen werden. «Es ist enorm wichtig, gut vorbereitet zu sein. Die Anfahrt muss intuitiv richtig passieren», sagt Küng.

Am späten Nachmittag nach den Trainings trifft sich der Glarner im Hotel mit seinem Trainer zur Videoanalyse. Dort besprechen sie die wichtigsten Passagen der Strecke noch einmal genau. Was war gut, was weniger? «Wir analysieren die Linie und versuchen, der Konkurrenz die Hundertstel abzujagen», erklärt Rothenbühler. Denn allzu oft entscheiden viele Kleinigkeiten darüber, wer Weltmeister wird.

Wieder nur Aussenseiter

Das Duo Patrick Küng und Simon Rothenbühler harmoniert hervorragend. Vor zwei Jahren in Beaver Creek haben sie für die WM-Abfahrt die goldene Linie gefunden. Kaum jemand hatte den Schweizer auf der Rechnung. Nach dem Rennen durfte er sich als Weltmeister feiern lassen.

Wiederholt sich die Geschichte? Denn auch heute geht der 33-Jährige als Aussenseiter an den Start. Seit dem WM-Titel stand er nie mehr auf dem Podest eines Weltcuprennens. «Das ist vielleicht sogar ein Vorteil», sagt Küng. «Ich kann ganz ohne Druck und ohne Erwartungen an den Start gehen.» Die bisherige Saison verlief harzig, erst in St. Moritz wurde sein Gefühl auf dem Ski wieder besser.

Auf das gestrige Abschlusstraining hat der amtierende Weltmeister verzichtet. Stattdessen stand eine intensive Konditionseinheit auf dem Programm. «Damit er für die Abfahrt spritzig und explosiv ist», sagt Rothenbühler. Auch dies braucht es. «Ich bin zwei Jahre älter als 2015 und habe ein paar graue Haare mehr», sagt Küng.

Im Kopf aber ist er frisch wie je. Wie gut er die WM-Piste in St. Moritz kennt, beweist er, als er sie für die «Nordwestschweiz» erklärt (siehe Grafik oben). Während sich der 33-Jährige mit Worten dem Ziel nähert, bewegt er seine Arme. Gedanklich ist er auf der Piste. Im Training braucht er für die knapp über drei Kilometer lange Strecke eine Minute und 42 Sekunden. Wenn er verbal runter rauscht, erreicht er das Ziel nach gut einer Minute. Im Kopf ist Küng schon Weltmeister.

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