FC Basel

Heitz zu seinem Abgang beim FCB: «Es wird wehtun, nicht nur am Freitag»

Erfolg ist keine Selbstverständlichkeit. «Auch beim FCB nicht», sagt Georg Heitz.

Erfolg ist keine Selbstverständlichkeit. «Auch beim FCB nicht», sagt Georg Heitz.

Georg Heitz, Sportdirektor beim FC Basel, gilt als rationaler Mensch. Nach acht Jahren beim FCB verlässt er den Verein nach der heute zu Ende gehenden Saison. Ein emotionales Gespräch zum Abschied.

Einerseits im Feiermodus, andererseits auf Abschiedstour – wie ist Ihre Gefühlslage?

Georg Heitz: Nach dem Cupsieg war es schon intensiv. Am Freitag beim letzten Saisonspiel wird es wehmütig, am Samstag soll es ein Volksfest geben.

Kommen Sie aus sich raus, wenn Sie feiern?

Nein. Ich bin einfach sehr erleichtert. Es gibt nichts Befriedigenderes, als die Freude der Menschen über unsere Erfolge zu spüren. Als Funktionär muss man ein bisschen die Etikette wahren.

Gäbe es eine Situation aus den letzten acht Jahren als Sportdirektor, die Sie nochmals angehen könnten: Welche wäre das?

Es gibt bei dieser Flut von Spielern, die uns angeboten wurden, immer wieder solche, die wir nicht genauer angeschaut haben und dann zwei Jahre später bei Liverpool spielen. Da wir uns mit diesen Spielern nicht befasst haben, wussten wir aber nie, ob wir sie auch tatsächlich bekommen hätten.

Welcher Transfer löst bei Ihnen die grösste Befriedigung aus?

Am meisten Freude bereitet mir, wenn es ein eigener Spieler wie Xhaka oder Shaqiri schafft. Mit ihnen sitzt man schon mit 16 zusammen, gibt ihnen den ersten Profivertrag und sagt: Wir warten auf dich in der ersten Mannschaft.

Irgendwann hat der FCB Spieler für fünf Millionen Franken verpflichtet. Bereitet Ihnen eine Transaktion in dieser Höhe schlaflose Nächte?

Nein. Für mich ist die Gesamtbilanz entscheidend. Sprich: Machen wir ein Transferplus oder -minus. Am Anfang meiner Zeit habe ich eher mal schlechter geschlafen, weil wir damals noch nicht die Reserven hatten. Aber eine Barriere im Kopf hatte ich stets, wenn es um vier, fünf Millionen Franken gegangen ist. Aufgrund der Ertragskraft des Klubs sollte der FCB nicht viel mehr für einen Spieler ausgeben. Vielleicht mal sechs oder sieben Millionen, weil es dem Klub so gut geht. Aber Spieler für zweistellige Millionenbeträge zu verpflichten, ist für uns nie infrage gekommen.

Aber der FCB könnte sich eine solche Extravaganz leisten.

Theoretisch schon. Aber die Ablösesumme ist immer auch an den entsprechenden Lohn gekoppelt.

Knapp 30 Millionen Franken Reingewinn. Da können Sie mir doch nicht weismachen, beim FCB hätte man nie mit der Verpflichtung eines Starspielers geliebäugelt.

Doch, das kann ich. Wer das Gegenteil glaubt, kennt die Löhne nicht, die in den Top-Ligen bezahlt werden. Die Lohndifferenz zu uns ist so gross, dass es schlicht undenkbar ist. Ausserdem ist es auch undenkbar, weil eine Mannschaft nicht funktioniert, wenn ein Spieler viermal mehr verdient als alle anderen Leistungsträger.

Was hat Sie am meisten überrascht, als Sie vor acht Jahren ins Abenteuer FCB eingetaucht sind?

Die Dynamik, die fehlende Planungssicherheit. Mich stört, wenn Fussballer nur aufs Geldverdienen reduziert werden und man nicht verstehen kann, dass sie den FCB verlassen. Ich will uns alle mal sehen, wenn wir die Möglichkeit haben, von einem Tag auf den anderen an einer neuen Stelle fünfmal mehr zu verdienen. Nehmen wir Salah: Der hat einen Lohnsprung gemacht, als er zu Chelsea gegangen ist …

… das würde ich gerne wissen.

Da reden wir von einem Faktor zwischen 10 und 15. Dann will ich denjenigen von uns Normalbürgern sehen, der sagt: Nein, ich gehe nicht zu Chelsea, ich bin erst 18 Monate beim FCB und sollte aus sportlichen Gründen noch hier bleiben. Vergessen Sie es!

Sie hätten auch viel mehr verdienen können, wenn Sie ohne Herz und Verstand Ihre Aktien einem Investor aus China statt dem einheimischen Bernhard Burgener verkauft hätten.

Mag sein. Es ist aber schon ein Unterschied, ob wir über den Lohn oder den Verkauf von Aktien sprechen. Der FCB lebt von seiner Verankerung. Da kann Maximierung nicht das Ziel sein.

Arbeiten müssen Sie trotzdem nicht mehr.

Doch, selbstverständlich. Zwischen dem Verkaufspreis für die AC Milan (760 Millionen Euro; die Red.) und jenem des FC Basel liegen Galaxien.

Könnte es Sie irgendwann mal wieder reizen, Teilhaber eines Fussballklubs zu sein?

Unser grosser Vorteil waren die Unabhängigkeit und die kurzen Entscheidungswege. Ob dieses Modell in jedem Fall schlau ist, weiss ich nicht.

Sie weichen aus.

Ich glaube nicht, dass wir uns bei einem nächsten Klub beteiligen werden. Was wir hier hatten, war kein Finanzvehikel.

Künftig werden Sie zusammen mit Präsident Bernhard Heusler Fussballklubs und Ligen beraten. Überspitzt formuliert sind Berater immer auch ein bisschen Killer, die aber nicht selber töten.

Ich verstehe. Vielleicht tut es uns gut, wenn wir mal nicht so viel Verantwortung haben. Aber Bernhard und ich haben noch nicht mal ein richtiges Brainstorming gemacht. Wir haben zwei, drei Ansätze für Ideen. Aber nicht mehr.

Was haben Sie als Sportdirektor gelernt?

Den Spieler weder zu früh abschreiben noch zu früh hochjubeln. Eine gute Arbeits-Atmosphäre führt zu besseren Leistungen. Und: Sei immer fair, korrekt und respektvoll, spiele mit offenen Karten.

Bernhard Heusler – der Emotionale. Georg Heitz – der Rationale. Besetzen Sie zum Wohl des Gesamtgefüges diese Rolle?

Nein. Erstens spiele ich keine Rolle. Zweitens beschränkt sich Heuslers Emotionalität vornehmlich auf die 90 Minuten. In seinen Entscheidungen hingegen ist Heusler sehr rational.

Woher nehmen Sie die emotionale Distanz während der Spiele?

Allein schon, indem ich nicht auf der Bank, sondern auf der Medientribüne sitze, wo ich mich stärker zusammenreissen muss. Ausserdem sehe ich das Spiel von oben besser als von unten. Es gab Trainer, die mich immer wieder gefragt haben, wie es von oben aussieht.

Apropos Trainer …

… kommen Sie bloss nicht damit, dass es keine Rolle spielt, wie der Trainer heisst, weil der FCB sowieso Meister wird. Das ärgert mich masslos. Es ist sehr schwierig, diese Mannschaft zu führen, auch wenn sie pflegeleicht ist. Das People-Management ist heute absolut entscheidend. Wie geht der Trainer mit den Spielern um? Auf welche Art enttäuscht er sie?

Mussten Sie die Trainer führen?

Führen ist ein starkes Wort. Allein schon die Kabine ist tabu für mich. Dort ist der Trainer der Chef.

Aber Sie waren schon in der Kabine?

Selbstverständlich. Aber wenn man dort die Spieler zu stark spüren lässt, das es noch eine andere Ansprechperson als den Trainer gibt für das, was auf dem Platz passieren soll, wird es gefährlich. Das ist einer der grössten Fehler, der begangen wird, weil zu viele Leute das Gefühl haben, sie müssten in der Kabine auch noch mitreden.

Es heisst: Der FCB braucht auch einen neuen Impuls, weil im Umfeld eine gewisse Abstumpfung stattfindet. Werden die Erfolge tatsächlich nicht mehr wertgeschätzt?

Nein. Erfolg ist keine Selbstverständlichkeit. Auch beim FCB nicht. Es ärgert mich, wenn das Gegenteil behauptet wird. Auf der anderen Seite ist es völlig klar, dass der FCB allein aufgrund seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten um den Titel spielen muss. Es gibt Stimmungen, die durch die Medien multipliziert werden. Es wurde zuletzt so oft von unattraktiven Spielen geschrieben, dass die Menschen irgendwann glaubten, die FCB-Spiele seien unattraktiv.

Haben Sie Missgunst gespürt von ehemaligen Fussballer-Grössen, als Sie als Quereinsteiger den Job beim FCB gekriegt haben?

Nein, aber Skepsis. Der Fussball ist ein derart volatiles Geschäft, dass jeder in einem neuen Job mit Skepsis begleitet wird. Meist werden die Skeptiker bestätigt. Weil viele die Ziele nicht erreichen, die sie kommunizieren.

Dann ist vielleicht etwas an der Zielsetzung falsch.

Kommunikation sowohl nach innen als auch nach aussen ist in diesem Geschäft das A und O. Wie viele Klubs haben den Anspruch, die Champions League zu gewinnen?

Etwa acht. Aber ab den Viertelfinals kann alles passieren. Deshalb sollte die Enttäuschung nicht allzu gross sein, wenn es nicht klappt.

Einverstanden. Aber die Enttäuschung wird von aussen eingeredet und dadurch multipliziert. Man soll sich eher zu hohe als zu tiefe Ziele setzen.

In Bern sendet man das Signal, dass man chancenlos ist gegen den FCB. Und blendet aus, dass YB vor sieben, acht Jahren die gleich guten, wenn nicht sogar die besseren Voraussetzungen hatte als der FCB.

Jeder Klub muss sich seine Welt zurechtlegen. Ich kann und will es aber nicht beurteilen, ob YB damals auf Augenhöhe mit uns war. Dafür habe ich zu wenige Informationen. Mein Credo lautet: Grösstmögliche Zurückhaltung, wenn es um die Beurteilung anderer Klubs geht. Umso mehr, weil Fussball ein unglaublich geschwätziges Geschäft ist.

Wenn Sie mit dem Berater-Job tatsächlich ernst machen, könnte doch YB die Dienste beanspruchen.

Auch wenn es unspektakulär tönt: Aber es ist meine feste Überzeugung, dass YB genug Know-how, genug gute Leute hat, dass sie uns nicht brauchen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass Christoph Spycher ein sehr guter Sportchef ist und die richtigen Leute holen wird. Die Frage ist aber: Hat YB und dessen Umfeld die nötige Geduld? Es geht nicht von heute auf morgen. Erst recht nicht, wenn man ein Monster von einem Gegner hat.

Was werden Sie vermissen, wenn Sie in Ihrem Büro das Licht löschen?

Die Menschen. Das Kribbeln und die Rituale vor dem Spiel.

Am Freitag erleben Sie das zum letzten Mal. Ist Ihnen das bewusst?

Ja, absolut.

Ist das wie ein bisschen sterben?

Nein. Das ist zu viel.

Jetzt sind Sie wieder rational.

Nein. Wenn man so gehen darf wie wir, mit dem Double…

…umso grösser die Wehmut.

Es wird wehtun am Freitag. Und es wird nicht nur am Freitag wehtun. Aber die Gewissheit, ein Projekt gut abgeschlossen zu haben, ist unglaublich wertvoll.

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Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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