Fussball
Heimspiel in der Schweiz: FC Bayern-Präsident Uli Hoeness über Briefe und Bratwürste

Uli Hoeness ist zum zweiten Mal zum Präsidenten des FC Bayern gewählt worden. Und dass, obwohl er acht Monate im Gefängnis sass. Im Interview kritisiert die Bayern-Legende den WM-Modus – und die Chinesen.

Samuel Schumacher
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Uli Hoeness regiert wieder «seinen» FC Bayern München.

Uli Hoeness regiert wieder «seinen» FC Bayern München.

KEYSTONE/EPA DPA/ANDREAS GEBERT

Frisch aus dem Knast und schon wieder voll im Saft: Acht Monate in einer Zelle im bayrischen Gefängnis Landsberg, 14 Monate offener Strafvollzug und der Stempel als rechtskräftig verurteilter Steuerhinterzieher konnten Uli Hoeness offenbar nichts, aber wirklich gar nichts anhaben.

Im vergangenen November wählte die Vollversammlung des FC Bayern «ihren Uli» nach 2009 zum zweiten Mal zum Präsidenten – mit 98,5 Prozent der Stimmen. «Ich war doch ein bisschen überrascht ob dieser Deutlichkeit», sagte die Bayern-Legende gestern am Alpensymposium in Interlaken. Mit 80 Prozent der Stimmen hätte er schon gerechnet. «Die 98,5 Prozent haben mich aber überwältigt.»

Deutlich ist aber nicht nur Hoeness’ Wiederwahl zum Bayern-Präsidenten. Deutlich sind auch seine Ansichten. Die Zeit hinter Gittern habe ihn nachdenklicher gemacht, sagte Hoeness gestern, gerade zurück aus dem Bayern-Trainingslager in Katar.

Uli Hoenss zurück an FC-Bayern-Spitze
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Rückblick: Hoeness wurde im März 2014 vom Landgericht München II wegen Hinterziehung von 28,5 Millionen Euro Steuern zu einer Freiheitsstrafe von 3,5 Jahren verurteilt.
Er trat daraufhin von seinen Funktionen als Präsident des FC Bayern München und als Vorsitzender des Aufsichtsrats der FC Bayern München AG zurück. An der damaligen Mitgliederversammlung wird er von Medienvertretern belagert.
Die Fans von Uli Hoeness stärkten ihm an jener Mitgliederversammlung, an der er wegen seiner Gefängnisstrafe als Bayern-Präsident zurücktritt, den Rücken.
Seine Haftstrafe trat Hoeness am 2. Juni 2014 in der Justizvollzugsanstalt Landsberg an.
Ein Beispiel: Im Internet wurde Uli Hoeness verballhornt.
An Weihnachten 2015 konnte er nach Hause: Das Bild zeigt ihn mit Ehefrau Susanne.
Uli Hoeness nahm im Gefängnis ab, wie dieses Bild zeigt: darf ein Jahr nach Haftantritt nicht nur ausserhalb der Gefängnismauern arbeiten, sondern auch vermehrt im eigenen Bett übernachten.
Nachdem er die halbe Haftzeit verbüsst hatte, wurde er am 29. Februar 2016 entlassen. Die Reststrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. (Archiv)
Höhepunkt als aktiver Fussballer: Uli Hoeness wird Fussball-Weltmeister 1974. Hier im Bild mit Franz Beckenbauer nach dem 2:1-Finalsieg gegen die Niederlande im Münchner Olympiastadion. 1972 war Hoeness mit Deutschland schon Europameister geworden. Mit dem FC Bayern gewann er auusserdem einige Titel: Dreimal den Europapokal der Laandesmeister (Vorgänger der Champions League), einmal den Weltpokal, drei Deutsche-Meisterschaften und einmal den DFB-Pokal.. 1979 beendete er im Alter von 27 Jahren eines Karriere wegen eines irreparablen Knorpelschadens. er wechselte ins Management des FC Bayern München.
Schwarze Stunde für Hoenss und den deutschen Fussball: Bei Deutschlands Final-Niederlage gegen die Tschechoslowakei an der EM 1976 verschoss Uli Hoeness einen Elfmeter im Elfmeterschiessen.

Uli Hoenss zurück an FC-Bayern-Spitze

KEYSTONE/AP/MATTHIAS SCHRADER

Milde gemacht hat ihn die Haftstrafe aber ganz offensichtlich nicht. Da ist zu viel, über das man sich derzeit aufregen kann, ja aufregen muss. Dass ab 2026 neu 48 statt wie bisher 32 Teams an der Fussball-WM teilnehmen werden, zum Beispiel. «Ich glaube einfach nicht, dass es auf der Welt 48 sehr, sehr gute Mannschaften gibt, die unter sich eine WM austragen sollten», betonte Hoeness. «Diese qualitative Verwässerung tut dem Elite-Ereignis Fussball-WM nicht gut.»

Katar top, China flop

Genauso sieht Hoeness das auch im Bezug auf die Europameisterschaften. «Als ich 1972 mit Deutschland Europameister wurde, nahmen vier Mannschaften am Turnier teil. Es gab zwei Halbfinals, einen Final, fertig. Jetzt sind wir bei 24 Teams. Da frage ich mich schon, wo das alles enden soll.»

Hoeness’ Kritik geht an die Adresse der Fussballverbände Uefa und Fifa, die die Spieler nicht bezahlen müssten, deren Gesundheit und Begeisterungsfähigkeit mit dem steten Ausbau der internationalen Turniere aber arg strapazierten. «Ich werde den Verdacht nicht los, dass es hier vor allem um Gewinnmaximierung geht und nicht um die Begeisterung für den Fussball», sagte Hoeness.

Grund zur Besorgnis gibt Hoeness aber nicht nur die neue WM, sondern auch der vermeintliche neue Fussball-Riese China, der derzeit mit spektakulären Summen Top-Spieler aus den europäischen Ligen abzuwerben versucht. «Das macht mir Angst, diese Summen sind völlig gaga», meinte Hoeness und schickte eine Warnung Richtung Peking. Wenn China 2030 die WM austragen und zur neuen Fussball-Supermacht aufsteigen wolle, dann müsse im Reich der Mitte ein radikales Umdenken stattfinden.

«Man kann nicht den dritten Schritt vor dem ersten tun, Hunderte Millionen für Spieler ausgeben, aber keine rechte Infrastruktur im Land haben.» Auch Bayern habe schon Angebote von über 100 Millionen für einzelne Spieler erhalten. «Die haben wir aber mit voller Überzeugung abgelehnt.»

Weit weniger kritisch ist der Bayern-Präsident gegenüber WM-Gastgeber Katar, der wegen der Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen und wegen Bestechungs-Verdacht bei der WM-Vergabe seit längerem in der Kritik steht.

Dass der FC Bayern ausgerechnet nach Katar ins Trainingslager fliege, da sehe er gar keine Probleme, betonte Hoeness. «Wir sind mal wieder klüger gewesen. Die meisten Clubs frieren jetzt nämlich gerade in Spanien oder in Portugal. In Doha hatten wir 25 Grad und einen Rasen, der mit der Nagelschere gepflegt wird. Perfekte Bedingungen.»

Und was ist mit der moralischen Frage, mit den Arbeitsbedingungen, Herr Hoeness? «Die Arbeitsbedingungen werden nicht besser, wenn wir nicht nach Katar fahren», meinte Hoeness. «Das ist wie beim Kriegführen: Solange man miteinander redet und aufeinander zugeht, kann man was ändern, sonst nicht.»

Ulis Bratwurst-Mission

Reden, auf Leute zugehen: Das konnte Hoeness während seiner Haft nicht. «Das war eine harte Zeit», sagte der Ex-Sträfling gestern Morgen. Mehr als 5500 Briefe hat er in seinen acht Monaten hinter Gittern erhalten. Welches war der Schönste? «Ein handgeschriebener Brief von ex-ManU-Trainer Alex Ferguson.» Und die wöchentlichen Briefe eines Freundes, der ihm immer ein Sudoku auf die Rückseite gemalt habe.

Doch abgesehen von den Briefen sei da nichts, das er an dieser Zeit vermisse. Auch nicht das Börsenzocken, das im März 2014 schliesslich zu seiner Verhaftung führte? «Für mich war das damals ein unglaublicher Spass, heute nicht mehr», betonte Hoeness. Er sei auch nie ernsthaft krank oder süchtig gewesen, habe keine Therapie gemacht.

Statt einer Therapie macht Hoeness lieber Ferien. Er sei jetzt gerade 65 geworden und gönne sich ein paar ruhige Tage mit seiner Frau in seiner Schweizer Ferienwohnung in Lenzerheide. Danach gäbe er wieder Vollgas für den FC Bayern.

Und dann sei da noch ein kleines Seitenprojekt. Mit seiner Wurstfabrik, die er vor seiner Haft an seinen Sohn übergeben habe, tüftle er gerade an einer Kopie der St. Galler Olma-Bratwurst herum. «Wir wollen die Kultur der Bratwurst auf der ganzen Welt durchsetzen», erzählte Hoeness.

Bayern, Bratwürste, Briefe beantworten: Es bleibt viel zu tun für den umtriebigen Uli.