Euro 2016

«Harry Hektik» nennen sie ihn – doch Penaltyheld Hector ist die Bodenständigkeit in Person

Jonas Hector musste am Mittwoch pausieren

Jonas Hector musste am Mittwoch pausieren

«Hector wer?», wird sich wohl gestern der eine oder andere nach dem nervenaufreibenden Penaltyschiessen gefragt haben. Deutschlands Matchwinner Jonas Hector ist vielen (noch) kein Begriff. Doch zum sympathischen Linksverteidiger gibt es Fakten, die du kennen solltest.

Jonas Hector macht im EM-Viertelfinal ein gewohnt ruhiges Spiel. In Deutschlands 3-5-2/5-3-2-System gegen Italien begeht er als linker Flügel respektive Aussenverteidiger in der Defensive keine Fehler. Offensiv hat er deutlich weniger Aktionen als Joshua Kimmich, der dieselbe Position auf der rechten Seite bekleidet – dafür die entscheidenden.

Zum einen bereitet der 26-jährige Linksfuss das 1:0 durch Mesut Özil nach einem Tempovorstoss vor und zum anderen behält er als neunter und letzter Penaltyschütze der Deutschen im alles entscheidenden Moment die Nerven. So wird Hector ohne wirklich aufgefallen zu sein zum Mann des Spiels, was durchaus zu ihm passt.

Deutschland - Italien - 1:0 Özil

Deutschland - Italien - 1:1 Bonucci

Deutschland-Italien: Penaltyschiessen

Der Jamie Vardy Deutschlands

Dass Jonas Hector überhaupt eine EM spielt, ist erstaunlich. Seinen Werdegang beschreibt der «Guardian» als «deutsche Version von Jamie Vardy – nur ohne Fussfessel». Als einziger des deutschen Teams hat er nie eine Fussballakademie besucht. Bis 20 spielte der gelernte Spielmacher in seiner Heimat Saarland für den SV Auersmacher in der fünfthöchsten Liga und hatte keine Transfergelüste. «Ich war glücklich dort und wollte weiter mit meinen Freunden spielen», sagte er.

2010 wechselte Hector dann aber doch in die U21-Mannschaft des FC Köln und von da an ging es steil aufwärts. 2012 wurde er in die erste Mannschaft berufen und gab im August (Cup gegen Unterhaching) sein Profidebüt. Hector wurde zum Linksverteidiger umfunktioniert und erarbeitete sich allmählich einen Stammplatz. Am Aufstieg der Kölner in die Bundesliga vor zwei Jahren war er bereits massgeblich beteiligt.

Lahms Erbe

Diese Entwicklung wurde auch in der Nationalmannschaft nicht übersehen, die nach dem Rücktritt von Philipp Lahm auf der linken Seite Alternativen brauchte. Mit nur zehn Bundesligaspielen Erfahrung debütierte Hector im November 2014 (gegen Gibraltar) für die Nationalelf. Bundestrainer Joachim Löw imponierte die Verlässlichkeit des Neuen und entschloss sich, auf ihn zu setzen.

Auf die Frage, wer 2015 in der deutschen Nationalmannschaft am meisten Arbeitszeit bekommen hat, würde man spontan auf Manuel Neuer, Thomas Müller, Toni Kroos oder vielleicht Mesut Özil tippen. Aber du, lieber Leser, ahnst es schon: Es war Jonas Hector. Er spielte sämtliche Spiele durch, nur im abschliessenden Spiel gegen Frankreich musste er verletzt ausgewechselt werden (Total 754 Einsatzminuten).

Unterdessen darf man Hector bei Deutschland als gesetzt betrachten und er hat auch schon sein erstes Länderspieltor erzielt, diesen März im Testspiel gegen ... Italien (4:1). Löw schätzt am 26-Jährigen die Bodenständigkeit, die im Fussballmanchem abhanden kommt.

Hector bleibt sich selbst

Und an ebendieser Bodenständigkeit will Jonas Hector auch festhalten. Er hält sich bewusst aus sämtlichen sozialen Netzwerken fern und hat immer noch regen Kontakt mit seinen Freunden aus Auersmacher. Auf die Frage, was er mit all dem Geld als Fussballprofi kaufen werde, antwortete er einst: «Einen grösseren Fernseher ... und ein grösseres Bett.»

Podolski und Hector

In ironischer Anspielung auf seine ruhige Art nennen sie Hector beim 1. FC Köln «Harry Hektik». Diesen Harry schätzen sie sehr, auf und neben dem Platz, und hoffen, dass er ihnen noch lange erhalten bleibt. Hector hat einen Vertrag bis 2018, doch beispielsweise der FC Liverpool hat bereits die Fühler nach dem Linksverteidiger ausgestreckt.

Im Falle des bescheidenen Deutschen würde es aber ausnahmsweise nicht überraschen, wenn er seinem Verein die Treue halten würde – Millionensummen zum Trotz. So bleibt er auch nach dem Italien-Spiel sich selbst: «Die anderen haben ihre Sache auch gut gemacht, darum sollte das ganze Lob jetzt nicht nur auf mir lasten. Wir sind eine Mannschaft, wir gewinnen und verlieren zusammen.»

Ja, sympathisch der Typ.

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