Sich mit dem entlassenen Chef solidarisieren? Einmal hat das Harry Gämperle gemacht. Einmal und nie wieder. «Das wird mir nie mehr passieren», sagte er 2009, nachdem Lucien Favre als Cheftrainer von Hertha BSC Berlin entlassen wurde. Damals musste auch Assistent Gämperle den Bundesligisten verlassen, weil er sich auf die Seite des angeschlagenen Favre stellte.

Im Gespräch wird spürbar: Ein bisschen bereut Gämperle die Entscheidung «pro Favre» heute noch. Wer weiss – vielleicht hätte er, der den Fuss drin hatte im Fussballzirkus Bundesliga, sich hochgearbeitet und würde heute irgendwo zwischen München und Hamburg als Chef an der Linie stehen. So wie Martin Schmidt, der vor fünf Jahren ebenfalls als Nobody nach Mainz ging und dort seit knapp einem Jahr die Profimannschaft dirigiert.

Der Trainer ist der Chef

Stattdessen arbeitet Gämperle seit 2010 wieder in der Super League als Assistenztrainer. «Ich wollte nicht untätig sein, ich musste arbeiten, meine Familie ernähren», blickt er zurück. Seither überlebte er beim FC Zürich und seit 2013 bei YB fünf Cheftrainer. Was der Meinung vieler Experten, etwa jener des langjährigen FCB- und YB-Profis David Degen, widerspricht. Degen sagt: «Zwischen dem Chef und den Assistenten darf kein Blatt Papier passen. Also muss auch der Assistent gehen, wenn der Chef entlassen wird.»

Gämperle hält dagegen: «Das sehe ich anders. Klar ist es wichtig, dass man bei der Spielidee und der Teamführung übereinstimmt. Ich unterstütze den Cheftrainer immer zu 200 Prozent. Aber mein Chef muss nicht zwangsläufig mein bester Freund sein.» Zudem könnten es sich in der Schweiz die meisten Vereine nicht leisten, jedes Mal den kompletten Trainerstaff auszutauschen.

Mit Fredy Bickel kreuzen sich die Wege immer wieder

Seit 15 Jahren ist der frühere St.-Gallen-, GC- und Xamax-Spieler Assistenztrainer. Gämperle: «Irgendwo musste ich damals nach der Spielerkarriere einsteigen. Da kam das Angebot von YB, Marco Schällibaum zu assistieren.» In Bern lernte er Sportchef Fredy Bickel kennen, der zum Freund und Wegbegleiter wurde. Bickel holte ihn 2004 zum FCZ und 2013 auch zu YB. Letzteres, bevor der neue Cheftrainer der Berner bekannt war. Was die Vermutung nährte, er stehe dem Sportchef näher als dem Cheftrainer, sei sogar dessen Auge in die Mannschaft.

Im Sommer, als Gämperle nach der Entlassung von Uli Forte in die Bresche sprang und während mehr als einem Monat kein neuer Cheftrainer vorgestellt wurde, hiess es: Bickel versucht, seinen Freund Gämperle als neuen Chef zu installieren. Was sich dann wegen der schlechten Resultate von selber erübrigte.

Der Job hat sich verändert

Statt über dieses Thema redet der 47-jährige Gämperle lieber über die Veränderungen des Assistenztrainer-Jobs. Kurz: Vom Hütchen-Aufsteller zum Wissenschafter. «Die Wichtigkeit der Assistenten hat in meinen Augen nicht geändert – sondern der Inhalt der Arbeit. Früher waren die Trainings viel banaler. Heute sind die Trainerteams viel grösser, für jeden Bereich gibt es Experten. Ich leite bei YB einzelne Übungen während der Trainingseinheiten und beschäftige mich vor allem mit Videoanalysen von Gegnern und der eigenen Mannschaft.»

Wichtig sei, so Gämperle, dass das Trainerteam gegen aussen einheitlich auftrete. Innerhalb der Kabinenwände, so Gämperle, werde aber durchaus auch kontrovers diskutiert. «Ich sehe es als eine meiner Aufgaben, den Cheftrainer auf allfällige Alternativen aufmerksam zu machen. Mir ist eine gewisse Selbstständigkeit wichtig.»
Gerade deshalb stellt sich die Frage: Hat Gämperle in all den Jahren nie den Drang verspürt, selber Chef zu sein? Hat er nicht Blut geleckt im vergangenen August, als er nach der Entlassung von Forte und bis zur Einstellung von Adi Hütter Interimscheftrainer war? Bleibt er lieber Assistent, weil als solcher die Gefahr, entlassen zu werden, kleiner ist?

Bald Cheftrainer? 

Gämperle: «Wenn sich irgendwo eine Türe zu einem Cheftrainer-Posten öffnet, würde ich nicht Nein sagen. Das Problem war bis anhin, dass ich nicht im Besitz der Uefa-Pro-Lizenz war.» Dieses Problem hat sich gelöst – seit diesem Herbst ist der Ostschweizer im Besitz des begehrten Diploms. Harry Gämperle bald Chef statt Assistent? Geht es nach ihm, lautet die Antwort «Ja».