Interview
Handball-Nati-Trainer Michael Suter: «Wir wollen unsere Geschichte schreiben: veni, vidi, vici»

Am Dienstag um 22 Uhr ist klar: Die Schweizer Handballer ersetzen an der WM die USA (18 positive Coronafälle). Das Problem: Bereits am Donnerstag um 18 Uhr müssen sie in Ägypten zum ersten Spiel antreten. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Nationaltrainer Michael Suter und Leistungssportchef Ingo Meckes lassen die letzten verrückten Stunden Revue passieren.

François Schmid-Bechtel
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Handball-Nationaltrainer Michael Suter reist mit seinem Team am Donnerstag an die WM in Ägypten.

Handball-Nationaltrainer Michael Suter reist mit seinem Team am Donnerstag an die WM in Ägypten.

Philipp Schmidli

Wie fühlen Sie sich nach dieser aufwühlenden Nacht von Dienstag auf Mittwoch?

Michael Suter: Ich fühle mich gut. Ich habe zwar etwas weniger geschlafen als üblich. Aber mit der WM-Teilnahme geht ein Traum in Erfüllung. Als ich die Mannschaft 2016 übernommen haben, war die Rückkehr an Grossanlässe unser Ziel. Wir qualifizierten uns für die EM 2020. Und jetzt haben wir die WM-Teilnahme erreicht. Ich sage bewusst erreicht. Denn diese Teilnahme ist kein Geschenk. Wir haben sie uns erarbeitet. Wir sind als 16. der letzten EM zu Recht in Ägypten dabei. Denn mit Polen und Russland erhielten Teams eine Wildcard, die an der EM schlechte abgeschnitten haben als wir.

Wie muss man sich die Stunden nach dem positiven Entscheid vorstellen? Mussten Sie erst alle Spieler abklappern?

Suter: Die Ereignisse haben sich überschlagen. Am Samstag ging der Nati-Lehrgang zu Ende. Wir haben uns getrennt. Aber ich sagte den Jungs: Bleibt verfügbar. Denn in den Medien konnte man verfolgen, dass sowohl Tschechien wie auch die USA etliche positive Coronafälle haben. Die USA wollten erst mit einem Rumpfteam an die WM. Der Intertnationale Handballverband hat alles unternommen, damit dieses Teams teilnehmen können. Doch die Anzeichen verdichteten sich immer mehr, dass die USA und Tschechien Forfait erklären. Und meine Spieler wurden langsam nervös, haben immer wieder nachgefragt. Als die Amerikaner nach dem zweiten Test 18 positive Fälle hatten, war eine WM-Teilnahme quasi ausgeschlossen. Ich gab Luka Maros den Auftrag, über den Teamchat alle Spieler zu informieren mit dem Hinweis, sie sollen sich bereit halten. Parallel dazu mussten wir alles aufgleisen, Den Zusammenzug am Mittwoch, den Coronatest, den Charterflug organisieren.

Holz anfassen, damit wir am Donnerstag mit den 19 aufgebotenen Spielern nach Ägypten reisen können.

Noch liegen die Testresultate Ihrer Spieler nicht vor. Sind Sie deswegen beunruhigt?

Suter: Ein bisschen Unbehagen bleibt. Aber wir halten uns strikt an das Schutzkonzept. Wir hatten beispielsweise letzte Woche bei unserem Lehrgang die Anlage in Siggenthal für uns allein. Aber klar: Sollten viele Tests positiv ausfallen, wird es schwierig mit der WM-Teilnahme. Deshalb: Holz anfassen, damit wir am Donnerstag mit den 19 aufgebotenen Spielern reisen können.

Die Schweizer Handball-Nati wird am Donnerstag zirka sechs Stunden vor dem Spiel in Kairo landen. Haben Sie nicht versucht, den Spieltermin zu verschieben?

Ingo Meckes: Wir sind das zweite Team, das nachrückt. Da können wir kaum Ansprüche stellen. Ausserdem habe ich kurz nach dem Entscheid einen Anruf aus Montenegro erhalten. Die wollten wissen, ob wir an die WM reisen werden. Sie sehen, andere Teams würden auch gerne an der WM teilnehmen.

Die dänischen Fussballer 1992: Für Jugoslawien nachnominiert, vom Strand an die Fussball-EM und mit dem Pokal wieder nach Hause

Die dänischen Fussballer 1992: Für Jugoslawien nachnominiert, vom Strand an die Fussball-EM und mit dem Pokal wieder nach Hause

Keystone

Die Geschichte ähnelt jener der dänischen Fussballer, die 1992 für Jugoslawien nachrückten. Die Spieler reisten quasi vom Strandkorb an die WM und wurden Europameister.

Suter: Diesen Vergleich habe ich von vielen gehört. Ich war damals 17 und habe die Fussball-EM sehr interessiert verfolgt. Es war eine super Geschichte, die die Dänen geschrieben haben. Aber man kann sie nicht eins-zu-eins auf den Handball der Gegenwart übertragen. Wir wollen in Ägypten unsere eigene Geschichte schreiben. Veni, vidi, vici, das würde mir gefallen. Es ist klar, dass die Vorgeschichte unserer WM-Teilnahme speziell ist. Umso reizvoller ist dieses Abenteuer.

Kann diese Kurzfristigkeit wie damals bei den Dänen eine gewisse Lockerheit zur Folge haben?

Suter: Jeder Spieler geht mit den Begleitumständen anders um. Ich hoffe und erwarte aber, dass wir Freude am Spiel offenbaren, Ich erwarte vollen Einsatz und mannschaftliche Geschlossenheit. Und natürlich versuche ich die Spieler zu animieren, dass sie die WM geniessen. Am Donnerstag, nach dem wegweisenden Spiel gegen Österreich, werden wir sicher schlauer sein.

Zur Vorbereitung auf dieses erste Spiel gegen Österreich, das wohl bereits über den Einzug in die Hauptrunde entscheiden wird, bleibt Ihnen aber nicht viel Zeit. Ein Nachteil?

Suter: Ich baue auch auf die Erfahrung aus der erfolgreichen EM-Qualifikation und der EM-Teilnahme. Gewiss sollte die Zukunft für unser Team etwas später beginnen. Deshalb habe ich während des Lehrgangs neue Konkurrenzsituationen geschaffen. Nun beginnt unsere Zukunft halt schon am Donnerstag. Ausserdem haben wir einen super Spirit im Team. Allein, dass einer wie Andy Schmid zum Lehrgang kommt und mit ganzem Herzen dabei ist, verdeutlicht, wie gut das Innenleben ist. Oder Alan Milosevic. Er ist extra für das Testspiel gegen Italien von Leipzig nach Tenero gefahren. Der Zusammenhalt zeichnet unsere Mannschaft aus. Und ich habe schon in der Nacht auf Mittwoch die Österreicher intensiv studiert. Auch die Spieler hatten den Auftrag bekommen, sich am Mittwoch per Videostudium mit den Österreichern auseinanderzusetzen. Vor unserem Abflug nach Kairo am Donnerstagmorgen werde ich die Mannschaft nochmals auf die Partie gegen Österreich einstimmen.

Was passiert, wenn des Test eines Nati-Spielers positiv ausfällt? Muss dann die ganze Mannschaft in Quarantäne und in der Schweiz bleiben?

Ingo Meckes, Chefleistungssport beim Handballverband.

Ingo Meckes, Chefleistungssport beim Handballverband.

Alexander Wagner

Meckes: Wir erwarten die Testergebnisse in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Der Abflug nach Kairo ist auf 8 Uhr terminiert. Nach vier Stunden Flugzeit sollten wir in Kairo landen und sechs Stunden danach beginnt das Spiel gegen Österreich. Es ist sehr eng getacktet. Deshalb unternehmen wir alles, um die Spieler zu schützen. Das bedeutet: 15 Quadratmeter für jeden Spieler im Training, was quasi Einzeltraining bedeutet. Alle Spieler haben Einzelzimmer, gegessen wird ausschliesslich auf den Zimmern. Dank diesem Schutzkonzept können selbst bei einem positiven Test alle negativ getesteten Spieler nach Ägypten fliegen.

Hielten sich am Dienstag, als die WM-Teilnahme definitiv wurde, alle Spieler in der Schweiz auf?

Meckes: Als wir die Spieler am Samstag nach dem Lehrgang entliessen, haben sie sich in häusliche Quarantäne begeben. Einzig Andy Schmid und Alan Milosevic reisten zu ihren Familien nach Deutschland.

Wie sind die beiden Bundesliga-Legionäre in die die Schweiz gereist?

Meckes: Wir haben ihnen für den Mittwochmorgen Tests vor Ort organisiert. Danach sind sie losgefahren. Andy Schmid ist unterdessen eingetroffen. Alan Milosevic sollte in Bälde (Meckes sagte es am Mittwoch um 16.30 Uhr) eintreffen.

Dimitrij Küttel ist an Lymphknotenkrebs erkrankt und fehlt der Schweiz in Ägypten.

Dimitrij Küttel ist an Lymphknotenkrebs erkrankt und fehlt der Schweiz in Ägypten.

Oliver Baumgart / imago sportfotodienst

Mit Dimitrij Küttel und Lucas Meister müssen Sie auf zwei Leistungsträger verzichten. Wie schwer wiegen diese Ausfälle?

Suter: Natürlich wiegen sie schwer. Die Krebserkrankung von Dimitrij Küttel hat eine ganz andere Bedeutung. Ich habe ihm mitgeteilt, dass wir mit ihm sind, auch wenn er alleine kämpfen muss. Und ich habe ich am Mittwoch bei ihm bedankt, weil wir auch dank ihm nun an dieser WM teilnehmen dürfen. Auch Lucas Meister ist sehr, sehr wichtig und eigentlich nicht zu ersetzen. Aber ich hoffe auch auf die Entwicklung unserer jungen Spieler. Ich bin überzeugt, dass wir diesbezüglich an diesem Turnier die eine oder andere positive Überraschung erleben werden.

Ingo Meckes, an Ihnen lag es, die WM-Teilnahme zu organisieren. Fanden Sie in der Nacht auf Mittwoch überhaupt Schlaf?

Meckes: Das Telefon lief heiss. Aber das spielte keine Rolle. Schliesslich ist die WM ein absolutes Highlight. Da geht man um 4 Uhr ins Bett und steht um 6 wieder auf, weil es sehr viel zu erledigen gab Den Flug und, die Coronatests organisieren, den Staff zusammenstellen, den Transfer vom Flughafen ins Teamhotel organisieren. Und einer realisierte, dass sein Pass vor einem halben Jahr auslief.

Einer realisierte, dass sein Pass vor einem halben Jahr auslief. So wie es im Moment aussieht, kriegen wir das Problem noch rechtzeitig gelöst.›

Bei welchem Spieler ist der Pass abgelaufen?

Meckes: Es handelt sich nicht nur um eine Person. Aber so wie es im Moment aussieht, kriegen wir das Problem noch rechtzeitig gelöst. Am kritischsten ist

Michael Suter, Sie erwähnten, dass die Partie gegen Österreich wohl entscheidend ist, ob es eine erfolgreiche WM für die Schweiz wird oder nicht. Wie stufen Sie die Österreicher ein?

Suter: Sie haben eine Mannschaft mit einer guten Ambiance. Das hat man an der EM gesehen, wo sie Platz 8 erreicht haben (Red; die Schweiz landete auf Rang 16). Sie sind deshalb Favorit gegen uns. Auch wenn ihnen mit Bilyk (Red; 46 EM-Tore) und Bozovic (Red; 34 EM-Tore) zwei wichtige Stammspieler fehlen. Nichtsdestotrotz erwarte ich ein Spiel auf Augenhöhe. Wir werden versuchen, den Österreichern das Leben so schwer wie möglich zu machen. Uns ist allen bewusst, dass es eine wegweisende Partie ist.