Die einen hofften, die anderen bangten - doch die litauischen Schiedsrichter liessen sich von den hochkochenden Emotionen im Hexenkessel von Zagreb nicht aus der Ruhe bringen. 

Fast sieben Minuten starrten die Referees auf ihren kleinen Bildschirm am Zeitnehmertisch. Sie spulten die Fernsehbilder immer wieder hin und her, um herauszufinden, ob die Spielzeit beim Anwurf für Deutschland durch Paul Drux bereits abgelaufen war oder nicht. Drei slowenische Spieler hatten nicht genügend Abstand gehalten und den Wurf vom Mittelkreis von Drux verhindert. Die Entscheidung: Siebenmeter nach Videobeweis. Tobias Reichmann blieb cool und traf in letzter Sekunde zum 25:25.

Die dramatischen Schlusssekunden in Zagreb.

"Wir können glücklich sein, dass es zu unseren Gunsten war und Tobi die Eier hatte, den rein zu machen", sagte Deutschlands Uwe Gensheimer und outete sich dabei nicht unbedingt als Fan der neuen Technik. Die Situation sei "für alle Beteiligten katastrophal" gewesen. Die Entscheidung der Unparteiischen basiert auf einer im Sommer 2016 eingeführten Regel, wonach ein grobes Vergehen und eine regelwidrige Wurfausführung binnen der letzten 30 Sekunden zwingend mit einem Siebenmeter und einer Roten Karte zu ahnden ist.

Den Videobeweis im Handball gibt es hingegen auf internationaler Ebene seit der Weltmeisterschaft 2015 in Katar. In Kroatien feiert das technische Hilfsmittel derzeit seine Premiere bei einer Europameisterschaft. Dabei gehen die Befugnisse des Handball-Schiedsrichters laut offiziellen Turnier-Statuten weit über die Möglichkeiten im Fußball hinaus.

Die "Instant Replay"-Technologie, die bereits im EHF-Cup-Finale 2016 angewendet worden ist, eröffnet den Unparteiischen die Möglichkeit, sämtliche strittige Situationen, die sie auf dem Feld nicht vollständig überblicken konnten, auf eigenen Wunsch anhand von Videobildern sofort zu überprüfen. Dabei dürfen die TV-Bilder ebenso benutzt werden wie die einer zusätzlichen Kamera, die das ganze Spielfeld im Blick hat.