Wegen einer Verletzung an der linken Hand muss Petra Kvitova ihre Teilnahme bei den French Open absagen. Lange ist nicht klar, ob die Tschechin in Wimbledon überhaupt antreten kann. «Ich war froh, als ich nach ein paar Wochen wieder normale Dinge tun konnte - zum Beispiel trinken.» Erst zwei Tage vor dem Turnier hält sie erstmals wieder den Schläger in der Hand. «Es fühlt sich an wie vor zwei Jahren», sagt die Tschechin.

Es ist im Dezember 2016, morgens um 08.30 Uhr, als Kvitova einem Mann die Tür zu ihrer Wohnung in Prostejov öffnet, der sich als Spengler ausgibt. Als sie das Wasser aufdreht, hält er ihr ein Messer an den Hals. Kvitova umklammert die Klinge mit der linken Hand, stösst den Täter von sich. Dabei verletzt sie sich schwer. Betroffen sind Sehnen, Nerven, alle fünf Finger.

In einer fast vierstündigen Notoperation wird ihre linke Hand gerettet. «Die Verletzungen waren grauenvoll und die Chancen, dass die Hand so gut verheilt, dass Petra wieder Tennis spielen kann, gering», sagt der Chirurg Radek Kebrle nach dem Eingriff.

Drei Tage nach der Attacke tritt Petra Kvitova vor die Medien.

Drei Tage nach der Attacke tritt Petra Kvitova vor die Medien.

Kvitova selber lässt indes nie Zweifel aufkommen. Drei Tage nach dem Überfall gibt sie eine Medienkonferenz, die linke Hand dick bandagiert. Kvitova sagt, sie habe noch keine Sekunde daran gezweifelt, dass sie zurückkehren werde. Nach zwei Monaten darf sie die Schiene entfernen, übt, Gegenstände zu ergreifen. Sie nimmt auch wieder den Schläger in die Hand, allerdings in die rechte, und sie spielt auch noch kein Tennis, sondern erst Tischtennis oder Badminton. Nach vier weiteren Wochen greift sie zum Tennisracket, wegen der verlorenen Schlagkraft spielt sie mit weichen Bällen und in Netznähe postiert. Zunächst spielt sie nur beidhändige Rückhandschläge, bald schmerzen die Vernarbungen, die Finger schwellen an.

Bis heute kann sie mit links die Faust nicht richtig ballen, Daumen und Zeigefinger sind nicht mehr voll funktionstüchtig.

«Ich hätte tot sein können»

Doch keine fünf Monate später spielt Petra Kvitova bei den French Open 2017. Acht Titel hat sie seither gewonnen – und damit mehr als jede andere Frau in dieser Zeit. Bis auf Rang zwei der Weltrangliste stiess sie vor. Mehrmals hatte die inzwischen 29-Jährige die Chance, die Führung in der Weltrangliste zu übernehmen.

Zum Jahresbeginn 2018 erreichte sie bei den Australian Open den Final. Sie findet, ihr sei eine zweite Karriere geschenkt worden, und daraus will sie das Beste machen. Sie sagt:

Der Überfall habe die Perspektive auf ihr Leben fundamental verändert. Sie habe die Tennis-Tour früher als zermürbend empfunden. Irgendwann sei sie abgestumpft gewesen. Erst, als sie nicht mehr Teil davon gewesen sei, habe sie bemerkt, wie privilegiert dieses Leben sei.

Doch die Dämonen von damals, diesem Morgen in Prostejov – sie verfolgen Petra Kvitova noch immer. «Ich vertraue den Menschen nicht mehr. Speziell Männern», sagt sie vor Wimbledon zu einer britischen Zeitung. Mit einem Mann im Taxi fahren? Unvorstellbar. Nur selten ist sie in der Stadt unterwegs. Und wenn, dann immer mit der Angst im Nacken.

Erst zwölf Monate nach der Attacke wird der Täter verhaftet. Kvitova besucht in der Zeit der Ungewissheit einen Kurs an der Universität und begibt sich in psychologische Betreuung. «Das hat mir gut getan.» Erst im März 2019 wird ihr Angreifer, Radim Zondra, zu acht Jahren Haft verurteilt. «Das hatte für mich eine kathartische Wirkung, sagt die Tschechin, die in Wimbledon ihr erstes Grand-Slam-Turnier seit dem Urteil bestreitet.

2011 gewann Petra Kvitova zum ersten Mal in Wimbledon.

2011 gewann Petra Kvitova zum ersten Mal in Wimbledon.

Bewegendes Treffen mit Monica Seles

Hier gewann die damals 21-jährige Petra Kvitova erstmals vor acht Jahren. Martina Navratilova, mit neun Titeln im Einzel Rekordsiegerin, sagte damals, sie glaube, Kvitova werde diese Marke ebenfalls erreichen. Doch es dauert drei Jahre, bis Kvitova ihren Titel bestätigt – mit ihrem zweiten Wimbledon-Sieg. 2015 wird sie vom Drüsenfieber ausgebremst, und Ende 2016 sorgt die Messerattacke für die grösste Zäsur in ihrem Leben. Seither kämpft Kvitova nicht nur mit der Angst im Nacken. Sie kämpft auch dafür, als Tennisspielerin gesehen zu werden. Und nicht als Opfer, «nicht als das Mädchen, das attackiert worden ist», wie sie sagt. Ihr soll das Schicksal von Monica Seles erspart bleiben.

Die frühere Weltnummer 1 war 1993 von einem Anhänger ihrer Rivalin Steffi Graf in Hamburg auf dem Platz niedergestochen worden. Seles war damals erst 19-jährig, hatte aber schon acht Grand-Slam-Titel gewonnen. Ihre Grenze, so schien es, war der Himmel. Nach ihrem Rücktritt bekannte Monica Seles, dass sie nach der Messerattacke unter Depressionen und Essstörungen gelitten habe. Vor einem Jahr trafen sie und Kvitova sich erstmals. «Wir sagten uns, wie sehr wir uns gegenseitig bewundern dafür, dass wir zurückgekommen sind», erinnert sich Kvitova. «Plötzlich hatte ich jemanden, der Ähnliches erlebt hat wie ich.» Auch Seles hatte danach Mühe, in ihr Leben zurückzufinden. «Aber sie gewann noch einmal ein Grand-Slam-Turnier», sagt Kvitova.

Und vielleicht tut sie es Seles in Wimbledon gleich. Mit der Angst im Nacken.