Weltcup
Haben die Schweizerinnen bei Vonns Heimspiel eine Chance?

Dominique Gisin und Lara Gut sind im Riesenslalom schwach in die Saison gestartet. In dieser Woche beim Speed-Auftakt in Lake Louise (Ka) erhalten sie die nächsten Chancen, um wieder in den Rhythmus zu finden. Lindsey Vonn gibt ihr Comeback.

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Lindsey Vonn, die Dominatorin

Lindsey Vonn, die Dominatorin

Keystone

Lake Louise ist für die Schweizerinnen ein willkommener Tapetenwechsel. In den vier technischen Rennen im bisherigen Saison-Verlauf schaute für das Team von Chef-Trainer Hans Flatscher nur eine Top-Ten-Klassierung heraus; durch Michelle Gisin (8.) im Slalom in Levi.

Es fehlte teilweise die Lockerheit. Oder das Gefühl für den Schnee. Den einzigen Höhenflug in der vergangenen Woche in Colorado verzeichnete Dominique Gisin, indem sie als Hobby-Pilotin eine Cessna über Aspen fliegen durfte.

Olympiasiegerin Dominique Gisin kam noch nicht auf Touren.

Olympiasiegerin Dominique Gisin kam noch nicht auf Touren.

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Der Wechsel zu den Speed-Disziplinen kommt deshalb gerade recht. In Lake Louise werden von Freitag bis Sonntag zwei Abfahrten und ein Super-G ausgetragen. Wer dabei wie Flatscher in der Abfahrt eine Olympiasiegerin und eine Olympia-Bronzemedaillengewinnerin in seinen Reihen weiss, befindet sich in einer komfortablen Ausgangslage.

Dominique Gisin und die Überwindung

Erfolge können Kräfte freisetzen. Das ist das, worauf man aus Schweizer Sicht im Fall von Olympiasiegerin Dominique Gisin hoffen darf. Die Engelbergerin hatte im Februar mit ihrem Gold in Sotschi (zeitgleich mit Tina Maze) ein Märchen geschrieben.

Nach neun Knie-Operationen, diversen anderen medizinischen Eingriffen und vielen Ehrenplätzen war sie am Höhepunkt ihrer Karriere angelangt. Gisin fand die Bestätigung, dass sie den richtigen Weg gegangen war, auch wenn dieser lauter Steine aufgewiesen hatte. Die Unermüdliche wurde dafür belohnt, den Glauben an ihre Fähigkeiten nie verloren zu haben.

Der Olympiasieg war für Gisin wie eine Therapie. Sotschi wurde zu einem Wendepunkt in ihrer Laufbahn. Vor den Winterspielen hatte sie sich noch die Sinnfrage gestellt. Weil sie sich nach einem weiteren gesundheitlichen Tiefschlag (Cortina d'Ampezzo 2012) beim Tempobolzen nicht mehr hatte überwinden können, kamen bei der Physik-Studentin Gedanken an den Rücktritt auf. In Sotschi zerstreute sie dann die Zweifel auf die bestmögliche Art.

Durch ihren Gold-Run gewann sie nicht nur Edelmetall, sondern auch Mut, Sicherheit und Vertrauen. Eine riesige Last fiel von ihren Schultern. Gisin fühlt sich seither befreit. Sie sprüht vor Energie und Motivation.

Kein Olympia-Blues

Trainer Flatscher mochte in der Saison-Vorbereitung keine Genügsamkeit bei ihr ausmachen. «Dominique hat massiv Gas gegeben und sich nicht auf den Lorbeeren ausgeruht», berichtet er. Das Karrieren-Ende ist bei Gisin wieder weit weg. Die Erfüllung des Lebenstraums, zu Fuss durch die Antarktis zum Südpol zu wandern, muss noch etwas warten.

Bei Lara Gut hatte die Olympia-Medaille in Sotschi nicht nur Glücksgefühle ausgelöst. Die ehrgeizige Tessinerin betrachtete ihren 3. Rang zunächst als Niederlage. Einen Monat später konnte sie sich auf der Lenzerheide mit dem Gewinn der Weltcup-Gesamtwertung im Super-G trösten. Sie wurde die erste Schweizerin seit Sonja Nef 2002, die sich wieder eine kleine Kristallkugel sichern konnte.

In Sölden im Hintertreffen: Lara Gut

In Sölden im Hintertreffen: Lara Gut

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Im Super-G konnte Gut in der letzten Saison vier von sechs Rennen zu ihren Gunsten entscheiden. Auch in Lake Louise liess sie sich als Siegerin feiern. Hinzu kamen zwei Saison-Siege in der Abfahrt und einer im Riesenslalom.

Wäre sie konstanter gewesen und weniger ausgefallen, hätte sie auch die grosse Kristallkugel errungen. Nun nimmt Gut einen neuen Anlauf. Fragt sich nur, wie sie ihren verpatzten Saisonstart verdaut hat?

Als dritte Kraft im Schweizer Speed-Team gilt Marianne Abderhalden (seit ihrer Trennung von ihrem Mann nicht mehr Kaufmann-Abderhalden). Die Toggenburgerin hat im vergangenen Winter mit ihrem ersten Weltcup-Sieg in der Abfahrt von Val d'Isère demonstriert, wozu sie fähig ist, wenn sie unter keinen körperlichen Beschwerden leidet. Nicht zur Verfügung stehen derzeit aus Verletzungsgründen Nadja Jnglin-Kamer (Knorpelschaden) und die aufstrebende Joana Hählen (Kreuzbandriss).

Rekordjagd in «Lake Lindsey»

Vor einem viel beachteten Comeback steht Lindsey Vonn. Wenn alles nach Plan läuft, bestreitet die 30-jährige Amerikanerin am Freitag ihr erstes Rennen seit mehr als elf Monaten. Nach zwei langen Pausen wegen Kreuzband-Verletzungen möchte sie nochmals angreifen. Vonn, die seit Frühling vom Berner Stefan Abplanalp betreut wird, plant sogar bis zu den Olympischen Spielen 2018. Sie sagt, dass sie im Kopf noch jung sei.

Es dürfte also nur eine Frage der Zeit sein, bis Vonn zur erfolgreichsten Weltcup-Fahrerin aller Zeiten aufsteigt. Die drei Siege bis zur Rekordmarke von Annemarie Moser-Pröll (62) sollten für eine ihres Kalibers Formsache sein. An diesem Wochenende in Lake Louise könnte Vonn mit der Österreicherin bereits gleichziehen.

Dass ihr der Hang im Banff-Nationalpark liegt, hat die Freundin von Tiger Woods zur Genüge bewiesen. Vonn hat hier schon 14 Mal im Weltcup triumphiert. Lake Louise wird deshalb auch «Lake Lindsey» genannt.

Maria Höfl-Riesch, die in der jüngeren Vergangenheit an diesem Ort als einzige Vonns Abfahrts-Dominanz durchbrechen konnte, ist zurückgetreten und neu als TV-Expertin tätig. Die letzte Abfahrts-Siegerin in Lake Louise, die nicht Vonn oder Höfl-Riesch hiess, war Elena Fanchini am 2. Dezember 2005.

Vonn spricht im Vorfeld auf ihrem Twitter-Account von überragenden Abfahrtstrainings – und davon, ihren Hund Leo zu vermissen.