NLA-Spitzenkampf
Gute Unterhaltung beim ZSC dank dem «Bayern-München-Syndrom»

ZSC-Niederlage gegen den SCB (2:3 n.P) – und dafür Sieg im Poker um Luca Cunti? Die ZSC Maschinerie sorgt auch neben dem Eis für beste Unterhaltung, weil der Konkurrenzkampf bei den Stadtzürchern derart gross ist.

Klaus Zaugg, Zürich
Merken
Drucken
Teilen
Maxim Noreau (rechts) nimmt nach dem entscheidenden Penalty die jubelnden Kollegen in die Arme. Keystone

Maxim Noreau (rechts) nimmt nach dem entscheidenden Penalty die jubelnden Kollegen in die Arme. Keystone

KEYSTONE

Wenn wir denn bei den Hockeygöttern einen Wunsch frei hätten, dann diesen: Beschert uns im nächsten Frühjahr ein Finale zwischen den ZSC Lions und den SC Bern. Als Zusatzwunsch eine Serie über sieben Spiele. Nur so lässt sich verlässlich herausfinden, wer besser ist. Die Berner haben gestern ein schnelles, intensives, hochstehendes Spiel im Penaltyschiessen 3:2 gewonnen. Aber waren sie wirklich besser? Nein, das waren sie nicht. Sie haben gewonnen, weil das Reglement vorschreibt, dass ein Sieger zu ermitteln ist und es passt ins Bild, dass es dafür eben ein Penaltyschiessen braucht.

Beide Teams sind mit der Programmumstellung von nordamerikanischem auf skandinavisches Hockey beschäftigt. Beide wurde im letzten Herbst noch von NHL-Bandengeneräle kommandiert (Guy Boucher, Marc Crawford) und werden jetzt von skandinavischen Hockey-Pädagogen (Kari Jalonen, Hans Wallson) betreut. Die Umstellung ist in Zürich und in Bern schon recht gut gelungen.

Deshalb sind wir gestern von zwei Mannschaften so gut unterhalten worden, die das Spiel als Spiel verstehen und sich nicht in defensiven taktischen Schützengräben einlochen. Diese Ausgeglichenheit führt uns zum Ursprung des Spiels zurück: Nicht das System ist entscheidend. Sondern die individuelle Heldentat. Die grossen Paraden der Goalies. Die Courage und Schussgewalt der Verteidiger. Die Tricks und Geistesgegenwart der Stürmer. Gestern haben zwei Verteidiger drei Heldentaten vollbracht. Justin Krueger, der Bub des legendären Ralph Krueger, versenkte einen und Maxim Noreau verwertete beide Penaltys.

Auch ohne Skorerpunkt omnipräsent: Luca Cunti.

Auch ohne Skorerpunkt omnipräsent: Luca Cunti.

key

Cuntis Ansprüche

Wenn es denn eine kleine Differenz zwischen diesen beiden Teams gibt, dann ist es die grössere Ausgeglichenheit der ZSC Lions über vier Blöcke. Und die beschert uns, als «Bayern-München-Syndrom» auch neben dem Eis gute Unterhaltung. Um auf allen der Hochzeiten zu tanzen und dabei nicht aus dem Takt zu geraten (Meisterschaft, Cup, Champions Hockey League) beschäftigen die Zürcher am meisten Alphatiere – so wie eben grosse Fussballteams wie Bayern München Spieler für fast zwei Teams unter Vertrag haben. Aber die grossen Tiere wollen spielen. Deshalb ist der «Fall Cunti» so interessant.

Der Vertrag dieses spielstarken 27-jährigen Centers läuft aus. Gestern wohnte sein Agent Roly Thompson dem Spektakel bei. Er deckte seine Karten nicht auf, zeigte Verständnis für die Notwendigkeit der ZSC Lions einen breiten Kader zu unterhalten und liess schlau durchblicken, dass sein Klient gerne viel Eiszeit und eine wichtige Rolle hat. «Es stimmt, Roly Thompson lotet die Möglichkeiten aus» sagt Luca Cunti. Aber er konzentriere sich aufs Hockey. «Ich will jetzt möglichst viele gute Spiele zeigen und auch Skorerpunkte beisteuern.» Auf die Frage, ob es seine Priorität sei, in Zürich zu bleiben, sagt er diplomatisch und klug: «Es ist alles offen.»

Der «Fall Cunti» ist für die Zürcher wichtig. Der Mittelstürmer hat in 15 Partien zwar erst vier Punkte gebucht. Aber die Statistik verschweigt den Wert dieses grandiosen Mittelstürmers. Sportchef Edgar Salis hat längst reagiert. Beim letzten Spitzenkampf im Hallenstadion am 18. Oktober hatte Trainer Hans Wallson Luca Cunti zum Hinterbänkler degradiert und ihm bloss 9:37 Minuten Eiszeit eingeräumt, die Unzufriedenheit seines wichtigsten Schweizer Centers und die Hoffnungen des stark interessierten SC Bern auf einen Transfer befeuert.

Gestern bekam Luca Cunti 15:48 Minuten Eiszeit und obwohl sein Name in der Skorerliste nicht auftaucht: Er war der dominierende, überragende Einzelspieler eines grossen Hockeyabends. Die ZSC Lions haben gestern zwar ein Spiel gegen den Meister verloren – aber nun deutet einiges darauf hin, dass sie das Werben um Luca Cunti gewinnen werden. Edgar Salis wird es seinem Trainer bis zu einer allfälligen Vertragsverlängerung nicht mehr erlauben, dem WM-Silberhelden weniger als eine Viertelstunde Eiszeit pro Match zuzuteilen.