Ski alpin
Grünschnäbel im Seniorenalter: Wieso unsere Abfahrtscracks den Zenit noch vor sich haben

Für Abfahrer beginnt das Leben mit 30 – dies besagt ein Blick auf die Statistik. Unter 30-jährige Abfahrtsgewinner haben Seltenheitswert. Eine Suche nach Gründen und Antworten. Aus Schweizer Sicht positiv: Unsere Abfahrer haben den Zenit noch vor sich.

Richard Hegglin, Val Gardena
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Wird am Tag der WM-Abfahrt von St. Moritz 30 Jahre alt: Beat Feuz.

Wird am Tag der WM-Abfahrt von St. Moritz 30 Jahre alt: Beat Feuz.

Keystone

Keine Regel ohne Ausnahme. Aber diese sind selten. Bis 30 gehört ein Speedfahrer zu den Grünschnäbeln, die ihr Metier erlernen müssen. Zur Entfaltung kommenihre Qualitäten oft erst im Seniorenalter. Oder wie Didier Cuche sich ausdrückt: «Ein Abfahrer ist wie guter Wein. Er wird im Alter immer besser.»

Bei Cuche war es offensichtlich: 16 seiner 21 Weltcupsiege feierte er, als er über 34-jährig war. Und Weltmeister wurde er mit 35. Stephan Eberharter, ein anderer Weltklassse-Abfahrer, gewann sein erstes Weltcuprennen mit 29, seine erste Abfahrt mit 32. Insgesamt siegte er 29 Mal.

Das sind zwei Beispiele von «alten» Seriensiegern. Auch heuer war bei
der ersten Abfahrt in Val d’Isère die Dominanz der Senioren erdrückend: Sechs der ersten sieben waren über 30, die Hälfte über 34. Und im Val Gardena geben seit Jahren die «Alten» den Ton an. In den letzten zehn Rennen siegten sieben Mal Ü-30-Piloten, dazu einmal Kjetil Jansrud und einmal Silvan Zurbriggen als 29-Jähriger. Die krasse Ausnahme bildet das Phänomen Beat Feuz. Er gewann 2011 als 24-Jähriger den Super-G.

In den 70er-Jahren betrug das Durchschnittsalter der Sieger 21 Jahre. Dieses stieg in den 90er-Jahren auf 25, als einer wie Pirmin Zurbriggen schon mit 27 Jahren zurücktrat. Im vergangenen Jahr betrug der Altersdurchschnitt der Sieger 29,5 Jahre. Tendenz steigend.

Im Schweizer Team ist Patrick Küng mit 32 Jahren der Älteste. Sonst ist nur noch Carlo Janka, der im Oktober 30 wurde, im Seniorenalter. Sogar bei ihnen stellt sich die Frage: Sind sogar sie für Seriensiege noch zu jung? Küng sagt schmunzelnd: «Ich fühle mich schon noch jung. Aber noch wichtiger als das Alter ist die Gesundheit. Das hat mir die vergangene Saison gezeigt.»

Küng, immer wieder verletzt, ist erst 2009 in den Weltcup eingestiegen. Er hat erst 58 Weltcup-Abfahrten auf dem Konto, wenig für einen 32-Jährigen. Einer wie Aksel Lund Svindal hat schon 92 Abfahrten auf dem Konto, Peter Fill deren 125. Schon aus dieser Optik darf spekuliert werden: Küng hat den Zenit noch vor sich. Er lächelt wieder und zuckt die Schultern: «Wenn die Gesundheit mitspielt ...»

Auch für Carlo Janka, trotz WM-, Olympia- und Weltcup-Gesamtsiegen, scheint die Erfolgsskala nach oben noch offen. Er selber sieht das ähnlich: «In der Abfahrt habe ich sicher noch Steigerungspotenzial. Es gibt Strecken, die einem sofort liegen. Und solche, die gewisse Anpassungszeit brauchen – wie hier.» Im Val Gardena ist er nie über einen 9. Platz hinausgekommen und selten unter die ersten 20.

«Diesmal», stellt Janka nach dem ersten Training fest, «lief es mir überraschend gut.» Erstmals glückte ihm der verpönte Start- und Flachabschnitt. Dafür fuhr er in der Ciaslat an den Toren vorbei. Trotzdem zieht er ein positives Fazit: «Früher hätte ich alle Tore auslassen können und wäre trotzdem weit hinten gewesen. Jetzt reicht es mit ‹Bschiss› immerhin zur zweitbesten Zeit.»

Training ist nicht gleich Rennen

Janka ist einer der wenigen, der schon in jungen Jahren hervorragende Abfahrten zeigte. «Einige können es einfach», sagt Peter Fill, «andere wie ich brauchen länger und müssen hart kämpfen.» Erst mit 34 gewann er Kitzbühel und den Abfahrtsweltcup. Vorher siegte er nur einmal. Auch Hannes Reichelt zählt zu den Spätberufenen: «Wenn man jung ist, fährt man einfach drauflos. Im Alter riskiert man im Training weniger, fährt überlegter und weniger mit der Brechstange. Das ist unser Vorteil. Auch materialmässig besitzt man mehr Erfahrung.»

Aksel Lund Svindal bringt den Altersvorteil auf den einfachen Nenner: «Man hat einfach mehr Rennen auf dem Buckel. Und kein Training ist so gut wie ein Rennen. Diese Erfahrung haben wir den Jungen voraus.» Zu diesen wird auch Beat Feuz bald nicht mehr zählen: Er wird am 11. Februar 30 und tritt ins Seniorenalter ein. An genau diesem Tag findet die Abfahrts-WM statt. Wenn das kein gutes Omen ist?