Rio 2016
Grosser Augenblick: Weshalb Ralph Stöckli auf Giulia Steingruber als Fahnenträgerin setzte

Klaus Zaugg, Rio de Janeiro
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Giulia Steingruber posiert mit der Schweizer Fahne am Strand von Rio de Janeiro.

Giulia Steingruber posiert mit der Schweizer Fahne am Strand von Rio de Janeiro.

KEYSTONE

Der Ruhm überdauert die Zeiten, die Ehre ist gross. Die Augen von mehr als einer Milliarde TV-Zuschauer waren beim Einmarsch der Nationen in der Nacht auf heute auf die Fahnenträgerinnen und Fahnenträger gerichtet. Für Schweiz hat der flatternde Stoff sowieso seit je eine grosse symbolische Bedeutung. Die einzelnen eidgenössischen Orte scharrten sich einst um ihr Banner, wenn sie auszogen und eine Niederlage war nur halb so schlimm, wenn es gelang, die Fahne zu retten.

Giulia Steingruber mit der Schweizer Fahne

Giulia Steingruber mit der Schweizer Fahne

Keystone

Der Schweizer Olympiageneral (Chef de Mission) hat das Privileg, die Fahnenträgerin oder den Fahnenträger alleine zu bestimmen. Ralph Stöckli waltet in Rio zum ersten Mal seines Amtes. Er bestimmte Giulia Steingruber. Nicht Fabian Kauter, nicht Fabian Cancellara und nicht Nino Schurter.

Frauenpower hat sich in dieser Sache längst durchgesetzt. Zwar wagten es die helvetischen Funktionäre nicht, vor der Annahme des Frauenstimmrechtes (1971) die Fahne den Frauen zu überlassen. Erst 1980 in Lake Placid war es so weit. Marie-Therese Nadig war die Erste, der das bestickte Tuch anvertraut worden ist. Giulia Steingruber ist nun bereits die siebte Fahnenträgerin. 1984 und 1988 sind die Schweizer Frauen sowohl bei den Winter- und Sommerspielen mit dem Banner voranmarschiert. Christine Stückelberger in Los Angeles, Erika Hess in Sarajevo, Cornelia Bürki in Seoul und Michela Figini in Calgary.

Seine Wahl für Rio begründet Ralph Stöckli so: «Giulia hat durch ihre Erfolge Charisma, und es ist eine Freude zu sehen, wie bescheiden und konsequent sie ihren Weg geht. Sie trägt den olympischen Traumin sich. Und die Wahl soll auch ein Zeichen für die Frauenpower in unserem Team sein.»

Eine besondere Motivation

Ralph Stöckli, Sportlehrer und ehemaliger Weltklasse-Curler, will seine Wahl auch als Anerkennung für die Leistung verstanden wissen. «Die Erwartungen an Giulia sind nach ihren Erfolgen bei den Europameisterschaften sehr hoch und ich bin nicht ganz sicher, ob sich das Publikum bewusst ist, welche Leistungen sie in Rio erbringen muss, um eine Spitzenklassierung zu erreichen. Es gibt Athletinnen oder Athleten, die auch dann einen Wettkampf gewinnen, wenn die Leistung nicht perfekt ist, wenn sie 90 Prozent ihres Leistungsvermögens ausschöpfen. Das reicht im Turnen nicht. Es braucht die perfekte Leistung.»

Die Ehre, die eidgenössische Standarte zu tragen, solle auch eine Motivation sein. Und weil er weiss, wie gross die sportliche Herausforderung ist, hat Stöckli die Wahl mit dem Trainer von Giulia Steingruber abgesprochen. Hat die «Störung» des Tagesablaufes keinen Einfluss auf die Wettkampfvorbereitung? Immerhin wurde die Fahnenträgerin am Freitagabend anderthalb Stunden beansprucht. Giulia Steingruber sagt, dies sein kein Problem. «Am Samstag habe ich einen ruhigen Tag mit einem Training erst am Nachmittag. Ich fühle mich geehrt und bin sehr stolz. Die Ehre gibt mir Kraft für die kommenden Wettkämpfe.»

Federer wäre es nicht gewesen

Rio beginnt für die die fünffache Europameisterin am Sonntagnachmittag mit der Qualifikation (Boden, Sprung, Stufenbarren und Schwebebalken). 2012 wurde sie beim Olympia-Debüt in London im Mehrkampf 14. und im Sprung verpasste sie wegen eines Sturzes die Final-Teilnahme (9.) knapp. Das soll nicht wieder passieren. Sie sagt: «Es gibt immer noch eine leere Seite, die ich mit guten Olympia-Erfahrungen zu füllen habe.» Mit acht Medaillen, davon fünf goldene, ist sie seit 2012 Europas beste Turnerin. Edelmetall ist in Rio am Boden und beim Sprung möglich.

Die Frage ist natürlich immer, wer denn gestern sonst noch als Fahnenträger oder Fahnenträgerin infrage gekommen wäre. Was, wenn Roger Federer nicht abgesagt hätte? Ist es denkbar, dass der grösste helvetische Sportler aller Zeiten dann unserBanner nach 2004 (Athen) und 2008
(Peking) nicht ein drittes Mal hochgehalten und hinten mitmarschiert wäre? «Ja», sagt Ralph Stöckli. «Ich habe mich bereits vor seiner Absage für Giulia Steingruber entschieden.» Frauenpower ist also stärker als Roger Federer.

Aber auch Fabian Kauter als Fahnenträger wäre eine wunderbare Geschichte gewesen. Sein Vater Christian, auch er ein Fechter und 1972 im Degen-Silberteam von München, trug 1976 in Montreal unsere Fahne ins Stadion und holte bei diesen Spielen mit dem Team erneut eine Medaille (Bronze). Was für eine Story! Die Fahne, vom Vater an den Sohn weitergegeben. Das hat es so in der olympischen Geschichte noch nie gegeben.

Oder warum nicht Fabian Cancellara? Doch er muss bereits heute zum Strassenrennen antraben. Es hätte ihm trotzdem gutgetan, wenn ihn Ralph Stöckli gefragt hätte. Was der der Olympia-General unterlassen hat. Auf eine entsprechende Frage, ob er sich denn zum Thema mit unserem Velo-Titanen unterhalten habe, sagt Stöckli: «Ich habe nur mit Giulia Steingruber gesprochen ...»

Die Fahnenehre bringt aber keine zusätzlichen Vermarktungsmöglichkeiten und Privilegien. Nicht einmal einen Rückflug in der Businessklasse. Ralph Stöckli sagt, ein Upgrade für die über zehnstündige Rückreise gebe es nur für Medaillengewinner. Da hat Steingruber also trotzdem Chancen.

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