Champions League
Grössenwahn oder clevere Strategie? Wie Real Madrid galaktisch wurde

Heute Abend fordert der FC Basel die Stars von Real Madrid im ersten Champions-League-Gruppenspiel (Anpfiff 20.45 Uhr). Die «Nordwestschweiz» wagt einen Versuch, den schillerndsten Fussballverein des Planeten zu erklären.

Etienne Wuillemin, Madrid
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Real Madrid ist ein Verein, den man mit keinem anderen vergleichen kann.

Real Madrid ist ein Verein, den man mit keinem anderen vergleichen kann.

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Beginnen wir mit einer einfachen Frage: Warum ist Real Madrid der wertvollste und faszinierendste Fussballverein der Welt? Die Antwort darauf ist ein wenig komplizierter. Vielleicht hilft es, wenn man versucht, sich in die Gedanken von Florentino Pérez einzuschleichen.

Pérez ist ein milliardenschwerer Unternehmer und Präsident von Real Madrid. Stellen wir uns also vor, wie Pérez zu Hause vor dem Fernseher sitzt, ein kühles Bier öffnet und Fussball schaut. Es ist WM in Brasilien. Und dieser eine Kolumbianer – wie heisst er schon wieder? Genau, James Rodriguez! – verzaubert mit seinem Spiel die Fussballwelt.

Die teuersten FCB-Transfers

seit 2009/2010
in Millionen Euro

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(Borussia Dortmund)

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(Young Boys)

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(Benfica)

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(Boca Juniors)

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(FC Sion)

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(Anderlecht)

1 Aleksandar Dragovic
(Austria Wien)

Pérez ist fasziniert. Er fragt sich: «Wird dieser Junge bald der beste Spieler der Welt?» Am Ende der WM ist James, wie ihn alle nennen, Torschützenkönig. Für Pérez ist klar: «Den muss ich zu Real holen!»

So wird das Denken von Florentino Pérez überliefert. Und dann überweist er Geld. 80 Millionen Euro nach Monaco für James. Und gleich noch 30 Millionen nach München für Toni Kroos – der spielte ja auch eine grossartige WM.

80 Millionen Euro, das ist viel Geld für einen einzigen Fussballer. Aber Real Madrid rechnet anders. Zwei Tage nach der Vertragsunterzeichnung waren bereits 345 000 Trikots der neuen Nummer 10 verkauft, die meisten in Asien und Kolumbien. Knapp die Hälfte des Erlöses eines ca. 100 Euro teuren Trikots geht dabei auf das Konto von Real. Heisst: Fast 15 Millionen Euro Einnahmen. In nur zwei Tagen.

Der Traum des kleinen Jungen

Real Madrid als Fussballverein ist längst zur weltweiten Marke geworden. Das Wirtschaftsmagazin «Forbes» bewertet Real mit 3,44 Milliarden Dollar als wertvollsten Klub weltweit. Vor Barcelona (3,2 Mrd.), Manchester United (2,81 Mrd.) und Bayern München (1,85 Mrd.). Einer wie James taugt perfekt, um die Marke Real in Südamerika weiter zu stärken. Die weltweite Verankerung ist Konzept. Die Fans kommen von überall her.

Vor dem Derby Real-Atlético am letzten Samstag trifft man dann vor dem Stadion beispielsweise eine Gruppe Norweger. Die Buben alle eingekleidet mit den neusten Trikots von James, Kroos, Bale oder Cristiano Ronaldo.

Szenenwechsel. Es ist der Tag vor dem ersten Spiel der diesjährigen ChampionsLeague. Um 11 Uhr beginnt Real Madrid auf dem Vereinsgelände in Valdebebas das Training. 15 Minuten lang dürfen Kameras und Fotografen die Real-Stars filmen und ablichten. Es scheint, als hätten diese die Niederlage gegen Atlético schon ein wenig verdaut. Cristiano Ronaldo unterhält die Fotografen und Filmteams mit einigen Showeinlagen.

Zwei Stunden später sitzt James Rodriguez auf dem Podium. Erst vergewissert er die spanischen Journalisten, dass er sich nicht übermässig unter Druck fühle, aber er sich eben erst an die neue Umgebung, die neue Liga und so weiter gewöhnen müsse.

James ist ein Schatten des WM-James», schrieb am Sonntag die Sportzeitung «Marca». Die Real-Welt zeichnet sich nicht durch übermässige Geduld aus. Auf die Frage der «Nordwestschweiz», seit wann er denn wusste, einmal für Real Madrid spielen zu wollen, sagt er: «Dieser Traum hat als kleiner Junge begonnen. Ich hoffe, ich kann ihn einige Jahre leben.»

Das Versprechen: Nur die Besten!

James ist am 12. Juli 1991 in Cúcuta geboren. Schauen wir zurück in die Zeit, als er ein kleiner Junge war, sagen wir: 9-jährig.

Im Juli des Jahres 2000 wird Florentino Pérez Präsident von Real Madrid. Und Pérez bringt eine Vision mit. Real Madrid soll wieder die Ansammlung der besten Spieler werden. Wie früher das «weisse Ballett» mit Di Stefano, Kopa und Puskas, das zwischen 1956 und 1960 fünf Mal in Serie den Europapokal der Landesmeister (Vorgänger der Champions League) gewann.

Also verspricht Pérez: «Wir holen jedes Jahr den Besten.» Zuerst aber muss er ein Problem beseitigen. Der Verein ist mit 278 Millionen Euro verschuldet. Doch Pérez ist kreativ. Das damalige Vereinsgelände liegt ziemlich zentral in der Stadt. Er fädelt einen Deal ein: Die Stadt kauft das Vereinsgelände und kann es bebauen. Die Kosten: 480 Millionen Euro. Damit ist der Weg frei für die Zeit, in der die «Galaktischen» begründet werden. Galaktisch, weil alles Irdische den Dimensionen von diesem Real Madrid nicht mehr gerecht würde.

Wie ein Film mit Pitt und Jolie

Zwischen 2000 und 2003 verpflichtet Real Madrid nacheinander Luis Figo, Zinédine Zidane, Ronaldo und David Beckham. Dank Beckham steigt der Trikot-Verkauf innert eines Jahres von 900 000 Stücken auf 3 Millionen.

Real gibt viel Geld aus. Aber Real nimmt auch viel Geld ein. Bei 603,9 Millionen Umsatz resultierte im letzten Geschäftsjahr ein Gewinn von 38,5 Millionen Euro. Ihr Geschäftsmodell erklären die Madrilenen mit einem Vergleich aus Hollywood. Wer einen Film mit Brad Pitt und Angelina Jolie dreht, muss mit höheren Lohnzahlungen rechnen, als wenn Amateure in der Hauptrolle stehen.

Aber die Chance ist gross, dass dann der Film auch besser wird. Und mehr Erfolg hat. Und Erfolg vergrössert die Popularität auf der ganzen Welt. Was wiederum zu höheren Gewinnen führt – und die Voraussetzung dafür ist, erneut die besten Spieler kaufen zu können.

Die Kehrseite: Wer immer neue Superstars kauft, verärgert Leistungsträger der «alten» Mannschaft. Cristiano Ronaldo und Gareth Bale sind zwar schon noch da. Aber Ángel di María und Xabi Alonso sind gegangen. Zwei, die grossen Anteil am Gewinn der Champions League im letzten Mai hatten.

Präsident Pérez kümmert das kaum. Er will, dass die Galaxie Real in Bewegung bleibt. Nur Veränderung macht interessant. Die nächste EM kommt bald. Mit Pérez am Fernseher. Prost!