Sie sind überall. Und sie sind sackstark. Dass die Startfelder der 50-Jährigen bei Marathons – egal ob zu Fuss oder auf Ski – oft die grössten aller Kategorien sind, ist kein Geheimnis. Dass das Alterssegment der 45- bis 55-Jährigen die Jungen aber auch leistungsmässig in den Schatten stellt, verwundert hingegen schon.

Die «Schweiz am Wochenende» hat die diesjährige Austragung des Engadin Skimarathons und das letztjährige Rennen des Zürich Marathons, der am Sonntag zum 16. Mal stattfindet, statistisch ausgewertet und Erstaunliches festgestellt.

Am Engadiner beispielsweise haben sich in den besten 10 Prozent der Rangliste genauso viele 45- bis 55-Jährige klassiert wie 20- bis 30-Jährige. Beim Zürich Marathon zeigt die Statistik ein noch überraschenderes Bild. Hier waren es gar doppelt so viele ältere Semester als Junge, die bei den Besten mitliefen.

Wo liegen die Gründe für diese Werte? Sportarzt Patrik Noack, erst kürzlich als Chef der medizinischen Abteilung bei den Olympischen Winterspielen in Südkorea im Einsatz, verwundern die Zahlen nicht. «Es ist bekannt, dass es für einen 50-Jährigen schwieriger ist, sich für den Ironman Hawaii zu qualifizieren, als für einen 25-Jährigen. Weil in der Altersklasse um 50 die leistungsstarke Konkurrenz deutlich grösser ist», sagt Noack.

Es gebe verschiedene Komponenten, wieso dies so sei. Zum einen seien die langen Distanzen auf ältere Läufer eher zugeschnitten als zum Beispiel kurze Stadtläufe. «Dort rennen die Junioren den Senioren um die Ohren, beim Marathon ist es umgekehrt», erklärt Noack. Bei Langdistanzrennen spiele aber auch die Erfahrung eine grosse Rolle, und 50-Jährige profitieren von einer längeren Trainings-Historie.

Die hohe Wahrscheinlichkeit

Vielfach betätige sich ein junger Sportler zuerst im Teamsport und wechsle dann mit rund 40 Jahren zum Individualsport – oft zum Laufsport. Wegen seiner guten Physis beginnt er dort nicht bei null.

Um aber zu den 10 Prozent Schnellsten zu gehören, braucht es doch einen gewissen Trainingsaufwand. Auch hier sieht Noack bei den Älteren gewisse Vorteile. Als junger Athlet sei man im Berufsleben viel häufiger fremdbestimmt und könne sich die notwendige Zeit für das Training weniger gut organisieren.

Sport-Physiologe Severin Trösch forscht an der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen im Bereich der Ausdauer-Physiologie. Er relativiert die Zahlen. «Es ist eine spannende Fragestellung, aber ich möchte aus wissenschaftlicher Sicht bei der Interpretation zur Vorsicht mahnen. Weil deutlich mehr 45- bis 55-Jährige am Start sind, ist die statistische Wahrscheinlichkeit, dass man die Besten davon in den ersten 10 Prozent findet, auch deutlich höher als bei den 20- bis 30-Jährigen.»

Aussagekräftiger wäre seines Erachtens die Durchschnittsleistung aller Gestarteten im entsprechenden Alterssegment. Ohne die Ergebnisse dazu zu kennen, sieht er eine klare Schlussfolgerung: «Es gibt keinen Grund, davon auszugehen, dass die älteren Läufer tatsächlich schneller sind. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Ausdauer-Leistungsfähigkeit von 30-jährigen Menschen klar besser ist als die von 50-Jährigen. Und bei der Elite verjüngt sich die Spitze derzeit tendenziell sogar, sowohl beim Langlauf als auch im Laufsport.»

Hartnäckige Falschannahme

Trösch will zudem mit einem Mythos aufräumen, der sich in der Laufszene hartnäckig hält. «Das Alter ist nicht so wichtig. Nach sechs Monaten gezieltem Training kann man einen Marathon laufen. Wie viel und wie lange man zuvor bereits trainiert hat, ist deutlich weniger relevant, als allgemein angenommen wird.»

Viel wichtigerals der Trainingsumfang seien die genetisch bedingten Voraussetzungen als Marathonläufer. «Etwas überspitzt formuliert kann man also sagen, dass Training überbewertet wird.»

In einem Punkt allerdings sieht Trösch einen Grund, wieso die «Silberlocken» bei Marathons so gut abschneiden. «Das Ausdauersystem eines Menschen baut mit dem Alter weniger schnell ab als der Schnelligkeits- oder Kraftbereich. Deshalb ist es möglich, fünf bis zehn Jahre länger auf einem guten Niveau kompetitiv zu sein.» Graue Haare hin oder her.