Gschobe #8

Gömmer Tattoo?

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 45 und 48, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell. David, Lehrer, Speicher AR. Tobias, Consultant, Zürich. Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG. François, Journalist, Windisch.

Pius: Früher war alles besser. Selbst unser obligater Olma-Besuch.

François: Ja, klar. Früher war Gott ein DJ. Früher fuhr längst keine Bahn mehr, als wir nach Hause wollten. Früher mussten wir am nächsten Tag nicht die Hausaufgaben unserer Kinder kontrollieren. Aber die Olma verfluchten wir am nächsten Tag erst recht. Wir werden alle älter. Wieso meinst du, war die Olma früher besser?

Pius: Früher prosteten wir an der Olma nicht selten einem Spieler des FC St. Gallen zu. Und heute sehen wir nicht mal Tranquillo Barnetta. Obwohl er Olma-Botschafter und verletzt ist.

David: Ein Olma-Besuch liegt für einen Fussballer in der heutigen Leistungsgesellschaft offenbar nicht mehr drin.

Pius: Aber von Barnetta wird doch jetzt gar keine Leistung auf dem Platz erwartet.

David: Schon, aber heute ist der Skandal konstruiert, geht die Geschichte viral, längst bevor Quillo den letzten Schluck genommen hat.

Flavio: Sehr bitter. Aber das war doch auch in der analogen Welt nicht viel anders. Früher wusste am nächsten Morgen doch auch die halbe Stadt, wenn Hampi Zwicker mal abstürzte. Seiner Popularität hat das nicht geschadet.

Pius: Im Gegenteil. Zwicker war einer von uns. Mir fehlen heute solche Typen. Da redet man ständig von Identifikation. Aber wo, wenn nicht an der Olma, soll die Identifikation zwischen Fussballern und Zuschauern hergestellt werden?

François: Vielleicht im Tattoo-Studio. Oder beim Coiffeur. Oder beim Shoppen. Oder bei Facebook. So läuft das heute.

Flavio: Ja, alles schön glattgeschliffen und auf Hochglanz poliert. Aber wahrscheinlich sind einfach die Resultate zu gut. Es gibt für die St. Galler keinen Grund, irgendeinen Frust zu ertränken.

David: Teambuilding nennt man das heute. Dabei geht man eher barfuss über Scherben als sorglos durch die Olma.

Pius: Selbst wenn sie dürften. Die Mehrzahl der Spieler hat doch gar kein Interesse, sich unters Volk zu mischen. Heute hier, morgen da. Ausserdem wette ich, dass mehr als die Hälfte der St. Galler Spieler nicht mal weiss, was die Olma ist.

Tranquillo Barnetta verkleidet an der Olma ?

Tranquillo Barnetta verkleidet an der Olma ?

Flavio: Da lobe ich mir Daniela Ryf.

Pius: Wieso, ist sie hier?

François: Kaum, sie sitzt jetzt vielleicht irgendwo auf Hawaii in einer Imbissbude und geniesst einen Burger.

Flavio: Gut möglich. Aber auch deshalb fasziniert mich die Frau. Sie spielt weder sich noch uns etwas vor. Sie ist so ... wie soll ich sagen ... so Hampi Zwicker, so normal. Wenn sie nach dem Rennen Lust auf Cola und Burger hat, besorgt sie sich eben Cola und Burger. So what. Die Fussballer geben sich vordergründig immer so korrekt und angepasst. Aber hintenrum und versteckt schlagen sie bestimmt auch mal über die Stränge. Dabei ist doch nichts Schlimmes daran, mal einen Burger zu verdrücken, ein Bier zu trinken oder sich die Nacht um die Ohren zu schlagen.

David: Jungs, apropos Ohren. Es wird langsam Zeit. Ich bin müde. Machen wir uns doch auf den Heimweg.

Pius: Es ist zwar erst 22 Uhr. Aber okay. Es muss ja nicht immer neun Stunden dauern wie bei Daniela Ryfs Plackerei beim Ironman.

François: Stimmt. Übrigens: Schaut mal da hinten. Ja, genau der Typ am Ende der Bar. Das ist doch nicht etwa Barnetta mit Perücke?

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François Schmid-Bechtel

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