In Amerika lieben sie sie, die bedeutungsschwangeren Momente. Und wer wie Roger Federer gleich mehrfach für solche sorgt, wird zuweilen verehrt.

Als er sich am Montag zwei Stunden vor seinem Achtelfinal bei den US Open einspielt, sind mehrere Kamerateams zugegen, die Zuschauer drücken sich die Gesichter am Drahtzaun platt, einige haben selbst gemalte Plakate mitgebracht. Für Federer ist es der ganz normale Wahnsinn. Doch etwas ist anders als sonst.

Auf der anderen Seite des Netzes steht nicht einer seiner Trainer oder ein begabter Junior, sondern ein 10-Jähriger, dem diese Momente die Welt bedeuten: Marc Krajekian aus North Carolina.

Leid und Freude so nah beisammen

Vor zwei Jahren hatte dieser Schmerzen am rechten Knöchel verspürt, die sich später als eine seltene Form von Krebs herausstellte. Um die Ausbreitung zu verhindern, musste das Bein amputiert werden. Marc berichtet in einem Brief an Federer von seinen dunklen Stunden. Dieser schickt ihm signierte Fanartikel und eine Botschaft: «Werde schnell gesund, Marc. Dann werde ich mit dir Tennis spielen.»

Federer und Marc Krajekian

Am Labour Day, an dem die Organisatoren auch eine Spende über 500 000 Dollar für die Opfer des Hurrikans Harvey in Texas aussprechen, auch das kann kein Zufall sein, ist es so weit. «Es ist auch für mich ein Privileg, zu erfahren, dass ich manchmal mehr bin als ein Tennisspieler, sondern auch Idol, Inspiration oder Motivation», sagt Federer.

Er hat sich schon früher für solche Aktionen einspannen lassen. 2013 spielte er in Wimbledon mit der vom Krebs geheilten Beatrice Tinoco. Die Geschichte, wonach ein spanischer Fan namens Jesus nach elf Jahren im Koma erwacht sei und nach ihm gefragt habe, erwies sich hingegen als Schwindel.

Sicher ist, dass Aktionen wie diese seiner Popularität zusätzlich Auftrieb verleihen. Und es ist auch Ausdruck davon, wie entspannt Federer nach dem harzigen Start ins Turnier inzwischen ist.

Zurück zu alter Stärke

Das zeigt sich auch in der Fortsetzung des Abends. Mit einem 6:4, 6:2, 7:5 in 109 Minuten gegen den Deutschen Philipp Kohlschreiber (33, ATP 37) bleibt er zum zweiten Mal in Folge ohne Satzverlust und muss nicht einmal einen Breakball abwehren.

«Er spielt, als hätte es diese erste Woche nie gegeben», sagt Boris Becker. Nur einmal kommt so etwas wie Unruhe auf, als Federer nach den ersten beiden Sätzen für eine Behandlung in der Kabine verschwindet. «Ich habe ein leichtes Ziehen im Hintern gespürt, das machte mir kurz Angst und ich wollte sofort reagieren. Es war eine Vorsichtsmassnahme», sagt er danach.

Der steinige Weg des Juan Martin Del Potro

Als er sich massieren lässt, schwappen die Anfeuerungsrufe des Nebenplatzes in die Garderobe. Dort setzt sich Juan Martin Del Potro (28, ATP 28) nach 0:2-Satzrückstand, 2:5-Rückstand im vierten Satz und zwei abgewehrten Matchbällen mit 1:6, 2:6, 7:6, 6:1, 7:6, 6:4 gegen den Österreicher Dominic Thiem (24, ATP 8) durch. Mit weit ausgebreiteten Armen und gegen den Himmel gerichteten Augen grüsst er danach seine bei einem Autounfall mit acht Jahren verstorbene ältere Schwester.

Zuvor schleppt er sich mit Fieber über den Platz, denkt daran, aufzugeben, weil ihm das Atmen schwer fällt. «Man darf nie aufgeben. Wenn man es geschafft hat, die Hürden, die einem das Leben in den Weg stellt, zu überwinden, wird es viel einfacher, positiv zu sein», sagt er danach.

Wie Federer gehört Del Potro zu den populärsten Spielern. Das hat viel mit seiner Geschichte zu tun. Vier Operationen an den Handgelenken hat er hinter sich. Sein grösster Erfolg liegt bereits acht Jahre zurück. Damals bezwang er in New York erst Nadal und beendete danach im Final Federers seit 2003 anhaltende Siegesserie.

Federer sagt heute, dieses Spiel sei eines jener, die er gerne noch einmal spielen würde. «Wären die Verletzungen nicht gewesen, er hätte die Nummer eins werden können». Nun kommt es zur Reprise des Finals von 2009, dem 22. Duell, von denen Federer 16 gewonnen hat. Es ist wieder so ein bedeutungsschwangerer Moment, wie ihn die Amerikaner lieben.

Das Warten auf das Königsduell

Doch er soll nur die Vorstufe dessen sein, auf das alle seit Monaten hinfiebern: Das erste Duell von Roger Federer (36) und Rafael Nadal (31)bei den US Open, bei dem es auch um den Weltranglistenthron geht. Noch trennt beide je ein Sieg vor diesem Moment.

Nadal besiegte Alexandr Dolgopolow souverän und trifft nun auf den 19-jährigen Russen Andrey Rublev (ATP 53). Zwar führt Nadal im Vergleich mit Federer 23:14, hat in diesem Jahr aber alle drei Duelle verloren. Obwohl er ständig danach gefragt wird, weigert er sich, über Federer zu sprechen. Es sei nicht der Moment, noch habe er ein Spiel zu gewinnen. Und doch scheint es unausweichlich, das Duell der Giganten. Es wäre der nächste bedeutungsschwangere Moment.