Sotschi
Gigantische Schneelager sorgen dafür, dass keine Piste grün bleibt

Was, wenn es nicht schneit in Sotschi? Dann zapfen die Russen ihre Schneedepots für Olympia an. Bereits im letzten Winter wurden Berge von Schnee produziert. Schneefarmen sind auch in der Schweiz im Trend.

Andreas Frey
Merken
Drucken
Teilen
Dank dem Schneedepot hat Sotschi auch für die Mächtigen Rampen der Freestyle-Snowboarder genug Schnee.

Dank dem Schneedepot hat Sotschi auch für die Mächtigen Rampen der Freestyle-Snowboarder genug Schnee.

Epa/Key

Die Angst vor Terroranschlägen ist die grösste Sorge in Sotschi, aber nicht das einzige Sicherheitsproblem. Auch um die Schneesicherheit sorgen sich viele.

Aber Putin wäre nicht Putin, wenn er nicht sogar das Wetter in die Planungen für seine Spiele einbezogen hätte. Gigantische Berge aus Schnee sollen die Wettkämpfe garantieren.

Das Konzept dahinter heisst Snowfarming. Dazu wurden bereits im vorangegangenen Winter Berge von Schnee produziert, abgedeckt und über den Sommer gebracht. Wie gut diese schneekonservierende Methode funktioniert, hat sich erst Mitte Dezember in Titisee-Neustadt beim Weltcup der Skispringer gezeigt.

Bereits im März türmten Schneekanonen einen weissen Berg auf. Diesen ebneten die Schneefarmer ein und bedeckten ihn anschliessend mit Styroporplatten. Darüber wurde eine handelsübliche Baufolie gezogen und mit Brettern beschwert, damit sie nicht wegweht. Fertig war die perfekte Isolation des «Gletschers» direkt neben der Sprungschanze. Der Schnee konservierte sich selbst.

Die Finnen habens erfunden

Der Trend, Schnee übersommern zu lassen, stammt wahrscheinlich aus Finnland. «Snowfarming wird dort seit längerer Zeit betrieben und garantiert bereits im Herbst eine Loipe», sagt Hansueli Rhyner vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos, wo man das Schneemanagement genauer erforscht.

Schneefarmen sind in der Schweiz im Trend

2008 begannen die Davoser damit, Kunstschnee für eine 500 Meter lange Langlaufloipe zu übersommern. Nun will ein Sportler in Unteriberg (Schwyz) im grossen Stil Schnee farmen. Auf 925 Metern über Meer will er eine Schneefabrik bauen, die 10 000 Kubikmeter Kunstschnee produziert. Damit soll dann Ende Oktober eine Langlaufloipe gebaut werden. Weniger geeignet ist die Methode hingegen, um alpine Skipisten damit zu präparieren. Da der Schnee dabei durch unwegsames Gelände transportiert werden muss.(NCH)

Es ist denn auch eine finnische Firma namens Snow Secure, die gigantischen Schneelager für die Olympischen Winterspiele in Sotschi erzeugt hat. Auf neun Haufen bunkert Russland rund 700 000 Kubikmeter Schnee. Nach eigenen Angaben verfügt der Ausrichter über das grösste Lager Europas, dick verpackt unter aluminiumbeschichteten Planen, die Wärme und Strahlung reflektieren. «Ich sorge mich nicht um die Spiele», sagt der olympische Schneeverantwortliche Mikko Martikainen von Snow Secure.

Im subtropischen Sotschi werden solche wichtigen Dinge nicht dem Zufall überlassen, kein einziger Wettkampf soll wegen grüner Pisten ausfallen. Das war vor vier Jahren in Vancouver noch anders. Damals flogen Hubschrauber vor dem Snowboard-Wettbewerb im letzten Moment frisches Weiss heran und sicherten so die olympischen Titelkämpfe.

Am Schwarzen Meer ist der Winter noch launischer, Schneesicherheit ist im kontinentalen Klima des Kaukasus geradezu ein Fremdwort. Zwischen zwanzig Grad plus und eisigem Schneesturm ist alles möglich.

Solche Kapriolen sind in Mitteleuropa sehr selten. Dennoch sind weisse Pisten und Loipen die grösste Herausforderung im Wintertourismus. Das Snowfarming könnte eine Möglichkeit sein, den Launen des Winters und dem Klimawandel gleichermassen zu begegnen. Allerdings existiert immer noch viel Forschungsbedarf darüber, wie man den Schnee am besten konserviert.

Sägespäne statt Vlies

Am WSL-Schneeforschungsinstitut in Davos will man nun die neue Technik mit wissenschaftlichen Daten unterfüttern. Den ersten Grossversuch unternahmen die Forscher um Hansueli Rhyner vor fünf Jahren im Flüelatal. Dafür deckten sie im Frühjahr zwei grosse Haufen Kunstschnee ab, den einen mit Vlies und den anderen mit einer vierzig Zentimeter dicken Schicht aus Sägespänen. Das Ergebnis erstaunte selbst die Forscher.

Während das Depot unter dem Vlies nahezu komplett geschmolzen war, liess der Sommer den Sägespanhaufen kalt. Siebzig Prozent Schnee in bester Qualität blieben übrig.

Das Naturmaterial konservierte deshalb so hervorragend, weil es – im Gegensatz zum Vlies – das Regenwasser davon abhielt, in das Depot einzusickern. Die obere Schicht aus Sägespänen speicherte das Wasser und hielt die Holzabfälle darunter trocken. Das war gleich doppelt von Vorteil: Das verdunstende Wasser an der Oberfläche kühlte das gesamte Lager, und das Luftpolster in der darunter liegenden Schicht wirkte wie eine riesige Dämmschicht – Luft ist ein schlechter Wärmeleiter.

Der Sommer konnte dem abgedeckten Schnee damit kaum etwas anhaben, die Temperatur blieb meist konstant um den Gefrierpunkt. Nur an den heissesten Tagen kam der Haufen gelegentlich ins Schwitzen.

Doch es braucht nicht immer Sägespäne, um gute Ergebnisse zu erzielen. Bei weiteren Versuchen im Labor fanden die Davoser Forscher um Rhyner heraus, dass Vlies sehr gut konserviert, wenn es in Höhen oberhalb von 2200 Metern eingesetzt wird. Zudem testeten sie verschiedene Schichten in unterschiedlichen Kombinationen, um den Isolationseffekt zu optimieren. Dabei zeigte sich, dass eine zusätzliche Luftschicht eine sehr positive Wirkung auf die Konservierung von Schnee hat. Durchgefallen im Test waren Schaumstoffmatten und Erosionsschutzgitter.

Depots, so gross wie Häuserblocks

Um die eigenen Modelle an die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten anzupassen, haben die Davoser Forscher eigens ein Computermodell erstellt. Dieses ist in der Lage, auch andere Einflussfaktoren wie Schneemenge, Höhe und Isolationsschicht mit in die Voraussagen einzubeziehen. Auf diese Weise könne man mittlerweile, heisst es in dem Institut, relativ präzise vorhersagen, wie viel Schnee an einem Ort nach einem Sommerhalbjahr noch übrig ist.

Bleibt noch die Frage, wohin mit dem Schneehaufen? Nicht selten nehmen die Depots die Ausmasse von ganzen Häuserblocks an. Nicht jede zu präparierende Anlage hat in ihrer Nähe so viel Platz zu bieten. Aber an der Grösse ist man bei Putins Lieblingsprojekt Sotschi bisher eher selten gescheitert.