Fussball
Gewisse Demütigungen verschwinden nie

Brasilien trifft im Olympia-Final auf Deutschland – aber selbst ein Sieg kann die tiefen Wunden nicht heilen.

Marcel Kuchta
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Brasiliens Captain Neymar schreit seine Freude über den Finaleinzug heraus.

Brasiliens Captain Neymar schreit seine Freude über den Finaleinzug heraus.

Keystone

Die Reaktion ist immer dieselbe: «Deutschland? Oh Gott ...» Wenn man hier in Rio de Janeiro die Einheimischen auf den WM-Halbfinal 2014 von Belo Horizonte anspricht, dann verdrehen sie wahlweise die Augen, zucken zusammen oder machen eine resignierende Handbewegung.

Diese Schmach, diese 1:7-Katastrophe der Brasilianer gegen Deutschland, hat sich tief in die Seele der Leute in diesem fussballverrückten Land eingebrannt. Diese Mutter aller Niederlagen hat das Land in eine gravierende, sportliche Sinnkrise gestürzt – mal abgesehen von den wirtschaftlichen und politischen Problemen, mit denen sich Brasilien dieser Tage auch beschäftigen muss (und die ja eigentlich relevanter sind).

Der Hort des Wohlfühlens

Die «Seleção» galt während Jahrzehnten als Hort der Sicherheit, als Hort des Wohlfühlens. Wenn die Männer mit den gelben Trikots und den blauen Hosen dem Ball nachjagten, dann war das in der Regel Balsam für die im Alltag oftmals geschundene Seele der Brasilianer.

Wenn alles schieflief, dann waren da immer noch die Ballkünstler, die ihr «Joga bonito», ihr schönes Spiel, zelebrierten und von Titel zu Titel eilten. Dieses 1:7 hat die Menschen aber ratlos zurückgelassen. Ihr einstiger Stolz, die Fussballnationalmannschaft, befindet sich seither in einer Sinnkrise. An der Copa América scheiterte man im Juni bereits in der Vorrunde.

Und in die WM-Qualifikation ist man mehr schlecht als recht gestartet. Nach einem Drittel des Pensums ist die «Seleção» lediglich auf Platz 6 klassiert. Stand jetzt, würde die Fussball-WM 2018 in Russland ohne den fünffachen Weltmeister stattfinden. Das gab es noch nie!

Auch darum ist die Euphorie im Lande bezüglich ihres ehemaligen Aushängeschilds sehr gedämpft. Wer nach der Finalqualifikation der brasilianischen Olympia-Auswahl in den Zeitungen nach den grossen Schlagzeilen suchte, wurde nicht fündig. Der Viertelfinal-Sieg der Volleyballer über den Erzrivalen Argentinien war wichtiger. Die Beachvolley-Finalspiele sowieso.

«Deutschland kann kommen», titelte «O Dia» eher defensiv. Der Weg der Fussballer zur Versöhnung mit der Bevölkerung ist noch ein weiter. Selbst ein Finalsieg über Deutschland würde die Wunden nicht heilen: «Gold wird die Schmach nicht vergessen machen. Aber Silber würde sie höchstens noch vergrössern», kommentierte etwa die Zeitung «Globo». Und schrieb weiter: «Wenn wir Olympia-Sieger werden, dann ist das ungefähr gleich wichtig wie der Gewinn einer Stadtmeisterschaft, während der WM-Titel gleichbedeutend wäre mit dem Gewinn der Landesmeisterschaft.»

Neymar als Symbolbild

Die brasilianischen Olympia-Fussballer um Captain Neymar tun derweil alles, um die erkalteten Herzen der Menschen wieder zu erobern. Nachdem man sich nach äusserst holprigem Start ins Turnier gefangen hat und im Halbfinal Gegner Honduras gleich mit 6:0 vom Platz fegte, da war zumindest wieder etwas Liebe zu spüren.

Doch selbst in einem möglichen Olympia-Titel und einer «kleinen Rache» gegen Deutschland sehen nicht alle Leute nur eine positive Entwicklung: «Brasilien muss seinen Fussball grundsätzlich reformieren», erklärt Taxi-Fahrer Rubens. «Wenn wir gewinnen, dann meinen viele Leute schon wieder, alles sei in Ordnung. Das ist es aber nicht. Wir haben im Vergleich zu anderen Ländern viel Terrain eingebüsst.»

Der Hype um Neymar, den grossen Hoffnungsträger der Zukunft, der die Schmach von Belo Horizonte 2014 verletzt verpasste und in Rio als Captain der Olympia-Auswahl amtet, ist für Rubens das Symbolbild für vieles, was im brasilianischen Fussball falsch laufe. «Es ist nicht gut, wenn sich alles nur um einen Spieler dreht. Die erfolgreichen Mannschaften sind stark, weil sie als Team funktionieren, weil sie diszipliniert spielen. Da haben wir viel Aufholbedarf.»

Gegner Deutschland tat nach seiner Finalqualifikation alles, um kein zusätzliches Öl ins Feuer zu giessen. Schon gar nicht in Bezug auf das 7:1. «Dieses Spiel», beruhigte etwa Weltmeister Matthias Ginter die brasilianischen Reporter, «war einzigartig, das wird es nicht mehr geben». Doch der Geist von damals soll die Mannschaft erneut beflügeln.

«Wir haben denselben Teamspirit, wir kämpfen und rennen füreinander – wie 2014.» Wenn morgen Samstag um 22.30 Uhr (MEZ) im legendären Maracanã-Stadion der Anpfiff erfolgt, dann schwelgen vor allem die Deutschen in schönsten Erinnerungen. Dem Triumph gegen Brasilien liess man hier vor etwas mehr als zwei Jahren in Rio den 1:0-Finalsieg gegen Argentinien folgen. Unterschiedlicher könnte die Gefühlslage also gar nicht sein.