Geschwächtes Team
Sie müssen nicht, sie dürfen: Warum Joel Wicki und die Innerschweizer beim Kilchberger Schwinget die grossen Sieger werden könnten

Die Innerschweiz hat eine reichhaltige Schwingtradition und den grössten Teilverband. Doch meistens triumphieren bei den grossen Festen die Berner. Nun treten die Innerschweizer mit einem geschwächten Team beim Kilchberger Schwinget an. Es könnte die grosse Chance sein.

Claudio Zanini
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Es ist August 2019, in Zug findet das Eidgenössische statt. Am Start steht ein bärenstarkes Innerschweizer Team, das kurz zuvor auf dem Brünig alles in Grund und Boden stampfte. Zwei Innerschweizer gelten als Topfavoriten auf den Königstitel. Einer schafft es in den Schlussgang.

Am Ende jubelt der Berner.

Christian Stucki nach seinem Schlussgang-Sieg in Zug. Für den Kilchberg-Schwinget musste er verletzt Forfait geben.

Christian Stucki nach seinem Schlussgang-Sieg in Zug. Für den Kilchberg-Schwinget musste er verletzt Forfait geben.

Toto Marti/Freshfocus

In Kilchberg findet am Samstag der nächste Eidgenössische Anlass nach Zug statt. Einige Innerschweizer Leistungsträger sind mittlerweile zurückgetreten, potenzielle Mitfavoriten (Pirmin Reichmuth, Marcel Bieri) sind verletzt und der Leader (Joel Wicki) hat eben erst sein Comeback gegeben. Diesmal müssen sie nicht gewinnen. Sie dürfen.

Die Ausgangslage vor dem grossen Fest 2021 verhält sich diametral zur Ausgangslage vor dem grossen Fest 2019. Kurz vor dem Eidgenössischen 2019 standen die Innerschweizer Schwinger versammelt in einem riesigen Festzelt auf dem Zuger Areal. Der letzte Medientermin vor dem Wettkampf stand an. Es gab Schwinger, die sich nicht mehr wohl fühlten in ihrer Haut. Eine Teamstütze erschien gar nicht. Pirmin Reichmuth, vielleicht der grösste Favorit, sagte im Nachhinein: «Zwei Wochen vor dem Eidgenössischen war der Druck abnormal. Ich war froh, als das Fest vorbei war.»

Nach zwei Gängen war der Traum vom Königstitel bereits geplatzt: Ein enttäuschter Pirmin Reichmuth beim Eidgenössischen 2019.

Nach zwei Gängen war der Traum vom Königstitel bereits geplatzt: Ein enttäuschter Pirmin Reichmuth beim Eidgenössischen 2019.

Andy Mettler/Swiss-image

Ein riesiger Verband – doch nur ein König

Besagter Medienanlass, der immer vor grossen Festen durchgeführt wird, fand letzte Woche wieder statt. In einem Zelt vor der «Horseshoe-Bar» in Oberarth im Kanton Schwyz. Wenn Innerschweizer Schwinger etwas zu feiern haben, landen sie nicht selten dort. An diesem Abend waren die selektionierten Athleten, die Technischen Leiter, die Kampfrichter und der Präsident vor Ort. Die Atmosphäre erinnerte an ein Klassentreffen. Die Sprüche sassen locker, Einzelne liessen sich ein Feierabendgetränk ausschenken. Nervosität? Druck? Weder noch.

Der Star dieses Teams ist Joel Wicki. Natürlich würde er sich selbst nie so bezeichnen. Auf einer Bank sitzend hörte er sich die Fragen an. «Wichtig ist, dass ich mich mehr mit mir selbst beschäftige, als mit anderem», sagte er. Zu «anderem» gehört das Thema, dass die Innerschweizer seit 1990 auf einen Kilchberg-Sieg warten. Wicki sagt: «Ich will mein Bestes geben, die Leute begeistern und mit der Spitze mithalten.» Und was macht die Rolle des Mitfavoriten mit ihm? «Ach, ich bin mit der Favoritenrolle gross geworden. Ich war schon bei den Jungschwingern oft Favorit.»

Innerschweizer Durststrecken und schmerzhafte Niederlagen sind ein bekanntes Motiv in der Geschichte des Schwingsports. Zwingend wäre das Thema nicht, denn die Innerschweizer haben eine lange Schwingtradition und den grössten der fünf Teilverbände. Doch den Königstitel gewannen sie nur einmal, 1986, durch Harry Knüsel in Sion.

Hasler trank eine Cola und revanchierte sich

Für eine besonders bittere Niederlage sorgte Eugen «Geni» Hasler. Der Schwyzer gilt als bester Schwinger, der nie König wurde. 1989 hatte er eine Hand an der Krone beim Eidgenössischen in Stans. Hasler marschierte in den Schlussgang und galt als haushoher Favorit. Sein Gegner war Adrian Käser, ein 18-jähriger Jungspund.

Am Ende jubelte der Berner.

Eugen Hasler (links) im Eidgenössischen Schlussgang 1989 gegen Adrian Käser.

Eugen Hasler (links) im Eidgenössischen Schlussgang 1989 gegen Adrian Käser.

Martin Ruetschi/Keystone

Ein Jahr nach Stans folgte der Kilchberg-Schwinget 1990, die Revanche. Hasler überstrahlte in dieser Saison alles. Er gewann die Bergfeste auf dem Brünig und der Rigi, das Innerschweizer Verbandsfest sowie zwei Kantonalfeste. Doch für Kilchberg war er schlecht vorbereitet. Er arbeitete als Disponent in einer Möbelfabrik. «Täglich von 4 Uhr bis 19 Uhr», erzählt Hasler. «Ich weiss noch, wie ich nach Kilchberg gefahren bin und im Auto hastig ein Sandwich gegessen und eine Cola getrunken habe.» Die Erholung kam zu kurz, doch die erfolgreiche Saison gab ihm Selbstvertrauen. Unverkrampft und ohne Druck ging er ins Fest. Im ersten Gang liess er sich von Adrian Käser nicht mehr düpieren, es gab einen Gestellten. Die folgenden fünf Gänge gewann der Innerschweizer souverän und holte sich den Kilchberg-Titel.

Hasler glaubt, es gibt nur einen Innerschweizer, der an diesem Samstag die Chance hat, die Durststrecke zu beenden: Joel Wicki, «sofern er 100-prozentig fit ist». Wickis Saison war nicht ideal, hinzu kommt das geschwächte Team. Sie müssen nicht, sie dürfen. Vielleicht liegt darin die grosse Chance.

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