Kommentar

Gescheitert? Nein, Tom Lüthi ist ein Held

Klaus Zaugg

Klaus Zaugg

Tom Lüthi beendete wie zuletzt in Australien und Japan auch den GP von Malaysia in den Top 3. Weil aber Alex Marquez in Sepang noch vor dem Berner Zweiter wurde, sicherte sich der Spanier den Moto2-Titel bereits vor dem letzten Saisonrennen in Valencia (17. November).

Warum hat es diese Saison ­wieder nicht zum WM-Titel gereicht? Die Frage muss anders lauten: Wie ist es ­überhaupt möglich, dass Tom Lüthi erneut um Siege und Podestplätze fahren, ein ­Rennen gewinnen und bis zum zweitletzten GP auf den WM-Titel hoffen konnte?

Er ist der erste Fahrer, der nach einem gescheiterten MotoGP-Abenteuer (2018) als Rückkehrer in der Moto2-WM gleich wieder Fuss gefasst hat. Im Alter von 33 Jahren ist ihm diese Saison eines der er­staunlichsten Comebacks der GP-Geschichte gelungen. Lüthi geniesst als «alter Fuchs» im Fahrerlager allergrössten Respekt und ist im GP-Zirkus schon zu Aktiv­zeiten eine Legende geworden. Lüthi ist nach Luigi Taveri und Stefan Dörflinger der grösste Schweizer Solo-Pilot aller Zeiten. Er hat 2003 seinen ersten Podestplatz heraus­gefahren. 2019 ist seine 17. Saison als GP-Spitzenpilot.

Lüthi kann im letzten Rennen zum dritten Mal nach 2016 und 2017 die zweitwichtigste Töff-WM auf dem zweiten Platz beenden. Er tritt 2020 im gleichen Team an und wird erneut zu den Titelanwärtern gehören. Und das gleiche Problem haben wie diese Saison: die Moto2-WM ist eine «Durchgangs-Klasse»: Jeder will so schnell wie möglich nach oben in die «Königsklasse MotoGP». Gegen oft mehr als zehn Jahre jüngere, wildere, rücksichtslosere Gegner kann sich Lüthi nur behaupten, wenn er keinen Fehler macht und keine «Nuller» einfährt. Das ist 2019 ihm nicht ge­lungen und auch sonst keinem Piloten. Selbst Weltmeister Alex Marquez hatte – wie Lüthi – zwei «Nuller». Aber er ist erst 23 und hat die Ausfälle mit fünf Siegen kompensiert. Und da er eine weitere Saison in der Moto2-WM bleibt, wird er im Titelkampf erneut Lüthis härtester Gegner sein.

Es hat also wieder nicht gereicht. Weil auch sein Moto­GP-Abenteuer gescheitert ist, wird Lüthi vielfach als Verlierer wahrgenommen. Nostalgiker verehren sogar den alten Haudegen Jacques Cornu als den grösseren Helden. Er hat 3 GP gewonnen. Tom Lüthi 16. Was zeigt, dass der Vergleich schon statistisch absurd ist.

Es gibt kaum einen anderen Fahrer, der in der öffentlichen Wahrnehmung so unterschätzt wird wie Lüthi. Das liegt einerseits an seiner ruhigen, bescheidenen Art. Er entspricht so gar nicht der Vorstellung des wilden Asphaltcowboys. Er ist zu «normal» – und dazu passt die intelligente Fahrweise des eleganten Stilisten, die ihm oft als zu wenig aggressiv ausgelegt wird. Andererseits liegt es daran, dass er die Erwartungen nach einem WM-Titel von 2005 (125 ccm), der ihn vor Roger Federer zum Sportler des Jahres gemacht hatte, nie mehr ganz zu erfüllen vermochte. Wer einmal Welt­meister war, wird an dieser höchsten aller Auszeichnungen gemessen. Das ist der lange Schatten des Titels von 2005.

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