Fussball
Gerhardt: "Ich musste weg aus Bagdad"

Nachdem der Berner Patrick Nyema Gerhardt den Durchbruch bei YB nicht geschafft hatte, begab er sich auf eine Reise, die nun über sechs Jahre andauert. Für die «Schweiz am Sonntag» erzählt er seine Geschichte.

Aufgezeichnet von Markus Brütsch
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Ob als Innenverteidiger oder defensiver Aufbauer: Patrick Gerhardt (vorne) geht keinem Zweikampf aus dem Weg – wie hier im Spiel mit Melbourne Heart gegen den FC Sydney.

Ob als Innenverteidiger oder defensiver Aufbauer: Patrick Gerhardt (vorne) geht keinem Zweikampf aus dem Weg – wie hier im Spiel mit Melbourne Heart gegen den FC Sydney.

Imago

Weit über 100 Schweizer spielen berufsmässig im Ausland Fussball. Während von Stars wie Xherdan Shaqiri und Valon Behrami jede Zuckung in die Heimat übermittelt wird, kämpfen andere völlig unbeachtet um ihr Auskommen. Bisweilen aber in äusserst spannenden oder gar abenteuerlichen Karrieren, die ein bisschen Scheinwerferlicht durchaus verdienen würden. Das trifft insbesondere auf Patrick Nyema Gerhardt zu. Zuerst ging es nach Rumänien, dann nach Kanada, Bosnien, Australien und schliesslich in den Irak. Dazu spielte er auch für Liberia, das Land seiner Mutter. Für die «Schweiz am Sonntag» erzählt er seine Geschichte.

«Zu Beginn hörte ich die Bomben nur aus der Ferne. Später erlebte ich drei Anschläge in unmittelbarer Nähe. Einen bei meinem Hotel, einen bei unserem Trainingsplatz und einen, als ich einkaufen ging. Ich sah, wie im Hotel die Scheiben zersplitterten. Die Krieger des Islamischen Staates kommen täglich mit Autos in die Stadt und lassen ihre Wagen in die Luft gehen. Sie wollen den Menschen in Bagdad Angst und Schrecken einjagen.

Ende August hatte ich beim irakischen Rekordmeister Al Zawraa Sportclub mittrainiert, um zu sehen, ob ich mich da wohlfühlen würde. Ich unterschrieb den Vertrag dann aber in erster Linie aus finanziellen Gründen. Ich habe noch nie so viel verdient wie im Irak. Ich bin 29 Jahre alt und habe keine derartige Topkarriere hinter mir, dass ich sagen könnte, ich müsse nicht mehr aufs Geld schauen. Die Iraker vergöttern die Fussballer, die Klubbesitzer geben den Spielern Geld ohne Ende. Bei Al Zawraa hat ein 14-Jähriger mittrainiert, der als grosses Talent gilt und bereits 130 000 Dollar verdient.

Die bestbezahlten Spieler sind aber nicht die Ausländer, sondern die Einheimischen. Diese verdienen Millionen. Ich hatte Teamkollegen – alle fahren natürlich die teuersten Schlitten – die mir erklärten, sie wüssten nicht, was sie mit dem vielen Geld anfangen sollen. Ich selber hatte kein Auto, aber jederzeit einen vom Klub gestellten Fahrer. Bagdad hat viele Ölfirmen, die aus Prestigegründen eine Fussballmannschaft unterhalten. Mit Al Zawraa habe ich vor 30 000 Zuschauern gespielt, andere Vereine haben fast gar kein Publikum.

Schicksal nicht in den eigenen Händen

Ich habe die Iraker als liebevolle Menschen kennen gelernt. Aber sie sind müde vom Krieg. Die meisten Leute sagen, dass sie früher mit Saddam Hussein ein zufriedeneres Leben gehabt hätten. Nach zweieinhalb Monaten im Irak weiss ich wieder, wie gut ich es habe. Viele Menschen auf der Welt haben ihr Schicksal nicht in den eigenen Händen. Sie wissen am Morgen nicht, ob sie am Abend wieder nach Hause kommen.

Das galt auch für mich. Deshalb habe ich, nach nur sechs Spielen als unbestrittener Stammspieler, Schluss gemacht und bin letzte Woche aus Bagdad abgehauen. Das Risiko war einfach zu gross geworden. Sobald man den Fuss auf die Strasse setzt, besteht unweigerlich die Gefahr, dass in der Nähe eine Bombe explodiert. Ich hoffe, dass ich am 1. Januar woanders unterschreiben kann. Ich denke, dass ich treffende Gründe für meinen Abgang gehabt habe, sodass Vertragsbruch kein Thema ist.

Lob von Del Pierro

Bis im Mai hatte ich für Melbourne City in Australien gespielt. Vorher hat dieser Klub Melbourne Heart geheissen. Aber dann ist er von Manchester City gekauft worden. Das war auch der Grund, warum ich gehen musste. Die neuen Besitzer wollten grosse Namen verpflichten. Dennoch hat es für mich sportlich in diesen zwei Jahren in Melbourne gut gepasst. Mein erstes Spiel war das Derby gegen Victory vor 44 000 Zuschauern.

Ich habe dann auch gegen Alessandro Del Piero gespielt. Ein sehr intelligenter Spieler, der die Duelle aber nicht sucht. Im Gegensatz zu Emile Heskey. Der englische Nationalspieler kam im selben Jahr wie ich nach Australien. Die Medien haben ihn dann gefragt, wie es gewesen sei in den ersten Wochen; und dann hat er mich erwähnt als seinen härtesten Gegenspieler. Ich habe auch gegen Vidosic, der jetzt in Sion ist, gespielt – und ihn abgemeldet.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, nach dem Fussball in Australien zu leben. Es entspricht meiner Lebensart. Ich liebe das australische Leben. Man lebt draussen, hat das Meer, und das Wetter ist meistens gut. Die Leute laden einen immer ein, sie sind sehr sozial. Alle leben nach dem Motto: Geniesse dein Leben, du lebst jetzt!

Vorbild meines besten Freundes

Die ersten zwei Jahre meines Lebens fanden in Liberia statt, nachdem ich am 31. Juli 1985 in Bern auf die Welt gekommen war. Mein Schweizer Vater leitete in Afrika eine Bierfabrik. Dann brach der Krieg aus und wir flohen in die Schweiz. Danach habe ich bei der Grossmutter in Boston gelebt und bin als Sechsjähriger nach Bern zurückgekehrt. Ich machte später eine Anlehre als Maler und durchlief die Nachwuchsabteilung von YB.

Ich spielte ein Mal in der Super League, aber den Durchbruch schaffte ich nicht. Ich war noch bei Concordia und Delémont, aber dann wollte ich ins Ausland. Nach dem Vorbild meines besten Freundes Johan Vonlanthen, der damals nach Holland gegangen war.

Berater Steven Semeraro fand für mich im Spätsommer 2008 mit dem Aufsteiger Otopeni Bukarest einen Verein. Der Trainer hatte mich gern, ich spielte gut, doch er wurde entlassen. Dann kam ein älterer Rumäne, und ich war weg vom Fenster. Der neue Trainer sagte, er möge keine Spieler, die nicht rumänisch sprechen. Es war sehr hart, aber diese Zeit machte mich zum Mann. In der Schweiz hatte ich nie den Mut, meine Meinung zu sagen. Das musste ich in Rumänien lernen, um mich zu behaupten.

Ich bekam sechs Monate keinen Lohn, und wir mussten die Fifa einschalten. Bitter war, dass ich im Training einen Bandscheibenvorfall erlitt, der mich acht Monate ausser Gefecht setzte. So kam ich für Otopeni nur zu drei Einsätzen. Aber in diesem Jahr lernte ich beissen. Bukarest war der beste Entscheid für meine Entwicklung gewesen. Ich wusste jetzt: Ich, Patrick Gerhardt, kann mich behaupten und durchsetzen.

Angst um Karriere

Ein Kollege fragte mich: Willst du für sechs Monate nach Kanada? Das war eine gute Idee. Ich konnte herausfinden, ob mein Rücken die Belastung noch aushält. Zwischendurch hatte ich sogar befürchtet, meine Karriere wegen des Bandscheibenvorfalls beenden zu müssen. Obwohl die höchste kanadische Liga nicht gerade Spitzenklasse ist, war es dort hart am Anfang. Nach ein paar Monaten jedoch war ich fit und wurde mit den Brantford Galaxys – einem Verein in Ontario – kanadischer Landesmeister.

Durch einen Bekannten kam ich danach nach Bosnien zu Zeljeznicar Sarajevo. Es wurden grossartige anderthalb Jahre. Ich war Stammspieler in der Innenverteidigung und wurde Meister und Cupsieger. Wir stellten einen Rekord auf, als wir 27-mal ungeschlagen blieben. Wie gross die Rivalität im Derby zwischen Zeljeznicar und dem FK Sarajevo ist, erlebte ich eindrücklich. Ich hatte einen ganzen Abend mit einer Frau geflirtet und schon für den nächsten Tag abgemacht. Am Schluss fragte sie mich, was ich eigentlich in Sarajevo mache. Als ich sagte, dass ich Spieler von Zeljeznicar sei, sagte sie sorry, ihre ganze Familie sei für den FK Sarajevo und es gehe nicht, dass wir uns noch einmal sähen.

Acht von zehn Mal krank

2011 und 2012 spielte ich für Liberia, das Land meiner Mutter. Dort bin ich als «The white man» bekannt. Wir traten gegen die Kapverden und Senegal an. Insgesamt war ich zehn Mal zu einem Zusammenzug in Liberia und wurde dabei acht Mal krank – Durchfall. Man muss schon sehr gut spielen, damit man hier respektiert wird. Für die Spieler dort ist die Nati die einzige Möglichkeit, aus dem Land zu kommen. Also sehen sie mich zuerst einmal als Konkurrenten, der ihnen diese Chance nimmt. Mal schauen, ob ich noch zu weiteren Länderspielen komme.

Denn langsam spüre ich, wie sich bei mir der Wunsch mehrt, sesshaft zu werden. Ich lebe seit vielen Jahren aus dem Koffer. Ich denke darüber nach, in Australien ein Haus zu kaufen und es zu vermieten, bis ich dann mal einziehe. Ich frage mich oft: Kann ich mich auch im richtigen Leben durchsetzen? Kann ich geschäftlich etwas erreichen? Ich bin jetzt schon ganz aufgeregt.

Aber vorderhand will ich noch Fussball spielen. Ich bin mit meiner Karriere zufrieden. Das Ausland ist eine Lebensschule. Ich war dort, wo nicht viele hinkommen, habe erlebt, was nicht viele erleben. Ich will mal sagen können: Patrick, du hast das Leben in vollen Zügen genossen. Das Einzige, was ich bedaure: Meine Familie hat mich in der Schweiz nie richtig spielen sehen.»