Nicht zwei Aussenseiter spielen heute Abend um den letzten Playoff-Platz. Die meisterlichen ZSC Lions sind es, die in Genf zu dieser finalen Auseinandersetzung anzutreten haben. Holen sie nicht mindestens einen Punkt, dann ist die Titelverteidigung gescheitert. Und Sportchef Sven Leuenberger bekäme sein persönliches sportliches Waterloo. Er hätte dann den zweiten Meister in der Abstiegsrunde versenkt. 2014 war der SCB der erste Champion, der die Playoffs verpasste. Der Sportchef damals: Sven Leuenberger.

Meister ZSC taumelte durch die Qualifikation. Davos wusste schon früh, dass es nicht für die Playoffs reicht. Lugano zitterte noch lange nach Neujahr: Die Spielzeit 2018/19 ist die Saison der Kleinen – und der Kompetenz. Nicht mehr Geld, sondern Kompetenz spielt eine zentrale Rolle. Zumindest in der Qualifikation. Geld ohne Geist funktioniert nicht mehr. Geist schlägt auch viel Geld. Das ist ein sehr gutes Zeichen für unser Hockey.

Am Anfang steht die Idee

Ambri und die SCL Tigers haben die Playoffs schon vor der letzten Runde heute Abend gesichert. Die SCL Tigers waren während der ganzen Saison nie unter dem Strich klassiert. Wie ist das möglich? Ambri und Langnau haben endlich aus der Not eine Tugend gemacht: Das ewige Jammern um fehlendes Geld ist der Einsicht gewichen, dass es nur eines gibt: schlauer und kompetenter sein als die Grossen. Am Anfang stand die Einsicht, dass es eine eigene Identität, einen grossen Trainer und einen Sportchef braucht, der eine klare Strategie zu entwickeln vermag. Sozusagen eine «Idee Ambri» bzw. eine «Idee Langnau».

In Ambri orchestriert Paolo Duca als Sportdirektor die Rückkehr zu den Wurzeln. Mit Luca Cereda hat er den richtigen Trainer für diese Mission gewählt. In Langnau haben die Sportchefs Jörg Reber beziehungsweise sein Nachfolger Marco Bayer mit Heinz Ehlers einen Trainer geholt, der aus einem Minimum ein Maximum herauszuholen vermag. Und weil Langnau, wie Ambri, ein exzellentes Scouting-System aufgebaut hat, findet es die Spieler, die zu der Philosophie des Trainers passen. Ein Aussenseiter kann nur bestehen, wenn er auch gutes ausländisches Personal rekrutiert.

Der beste ZSC-Ausländer? Auf Platz 42

Typisch zu diesem Thema: In Zürich hat Sven Leuenberger einfach der Konkurrenz die Ausländer ausgespannt: Fredrik Pettersson, Roman Cervenka und Maxim Noreau. Weil er das Geld hat, jede Konkurrenzofferte zu überbieten. Aber er hat etwas nicht bedacht: Es hatte wohl einen Grund, warum weder Lugano noch Gottéron oder Bern versucht haben, diese Spieler zu halten. Und dieser Grund war die Leistung.

Die ZSC Lions sind unter anderem in die Bredouille geraten, weil der Sportchef nicht fähig war, alle Ausländerpositionen gut bis sehr gut zu besetzen. Langnau und Ambri sind unter anderem deshalb zu den Überraschungsteams der Saison geworden, weil die Sportchefs fähig waren, die vier Ausländerpositionen gut bis sehr gut zu besetzen. Ambris Dominik Kubalik ist sogar Liga-Topskorer und Langnaus Leitwolf Chris DiDomenico die Nummer 6 der Liga-Skorerliste. Den besten ZSC-Ausländer finden wir auf Position 42. Noch Fragen?

Kein Schatten der Stars

Vor 30 Jahren musste ein junger Spieler, wenn er in die Nationalmannschaft wollte, nach Lugano oder Bern wechseln. Weil es nur dort möglich war, professionell zu trainieren. Heute bieten alle Klubs exzellente Voraussetzungen. Will einer seinen Lebenstraum Nationalmannschaft oder NHL erfüllen, spielt es keine Rolle mehr, ob er in Bern, Zürich, Lugano, Ambri, Langnau oder Biel spielt. Ja, ein Spieler kann sich unter Umständen bei einem Kleinen besser entwickeln. Weil er nicht im Schatten der Stars steht und mehr Eiszeit und Verantwortung bekommt. Unter anderen ist diese Rechnung diese Saison für Andrea Glauser (Langnau), aber auch für Dominic Zwerger, Marco Müller (Ambri) oder Samuel Kreis (Biel) aufgegangen.

Im Kampf um den Meistertitel genügt Kompetenz allein allerdings nicht mehr. Da braucht es auch das grosse Geld. Wenn die Kleinen alles richtig machen, kommen sie in die Playoffs. Wenn die Grossen alles richtig machen, gewinnen sie den Titel. In diesem Jahrhundert sind nur Lugano, Davos, die ZSC Lions und der SCB Meister geworden.