Jugend + Sport ist ein Schweizer Erfolgsmodell. Seit 1972 unterstützt der Bund Trainingsstunden mit Kindern und Jugendlichen, die unter dem Label von J+S stattfinden – im freiwilligen Schulsport und im Sportverein. Die Zahl der Teilnehmenden steigt kontinuierlich – pro Jahr um rund 5 Prozent. Mehr als 600 000 waren es im letzten Jahr. Das sind 45 Prozent aller Jugendlichen in der Schweiz. Gut 110 Millionen Franken lässt sich der Bund J+S aktuell pro Jahr kosten. Jüngst hat das Parlament zusätzliche Mittel für J+S gesprochen. Also alles im grünen Bereich?

Nicht ganz, denn trotz J+S sinkt die Bewegungsaktivität der Jugendlichen in der Schweiz. Bei den Teenagern um zwei Prozent innerhalb von sechs Jahren, sagt die Studie «Sport Schweiz» von 2014.

Noch beunruhigender erscheint der Vergleich mit unseren Nachbarn. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat eine Untersuchung publiziert, wie viel Prozent der 11- bis 15-Jährigen die WHO-Empfehlung von einer Stunde aktiver Bewegung pro Tag erreichen. Die Schweiz findet sich in Europa im hinteren Mittelfeld wieder. Bei den 15-Jährigen schneidet nur Italien schlechter ab. Lediglich 12 Prozent der Schweizer Knaben und 8 Prozent der Mädchen erreichen gemäss WHO das Minimum. Die Konsequenzen trägt letztlich das Gesundheitswesen.

Kostenloser Zugang zum Sport

Sportlehrer und Vereinsvertreter heben den Warnfinger. Sie verlangen, dass das System des öffentlich-rechtlichen Sports sechs Jahre nach Einführung des Sportförderungsgesetzes überprüft wird. Sie fragen sich, ob das Geld nicht effektiver und effizienter eingesetzt werden kann, denn über 80 Prozent des Bundesgeldes fliessen an den Nachwuchs. Deshalb fordern sie zusätzliche Massnahmen des Bundes neben der Subvention von J+S.

Dazu gehört, dass Sporthallen für Kinder und Jugendliche an 365 Tagen im Jahr kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Eine Erhöhung der Bewegungszeit in der Schule. Ein Sportförderungsfonds ausserhalb von J+S für nachhaltige Projekte in den Gemeinden. Ein Finanzausgleich für Gemeinden mit grosser Sportinfrastruktur. Und ein neuer Finanzierungsschlüssel zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden für Bewegungsräume.

Auch die Politik hat den Ball aufgenommen. Christian Lohr (CVP) hat im Nationalrat eine Motion zur täglichen Stunde Sport eingereicht. 32 Parlamentarier unterstützen den Vorstoss. Lohr will wissen, ob die Schweiz die WHO-Vorgabe erreicht, wo allenfalls Defizite bestehen und welche Fördersysteme von Nachbarstaaten allenfalls auch für die Schweiz interessant sind.

Grosse Projekte erst ab 2024

Das Bundesamt für Sport ist sich der Problematik durchaus bewusst. In seinem Aktionsplan Sportförderung, einer im März 2017 vom Parlament genehmigten konzeptionellen und finanziellen Gesamtschau, sind im Breitensport-Konzept verschiedene Massnahmen definiert. Etwa eine Initiative zur Vereinsentwicklung oder eine «Allianz Breitensport» zur Vernetzung und Weiterentwicklung von Sport- und Bewegungsförderung. Wegen der angespannten Finanzlage des Bundes wurden diese Projekte allerdings auf die Zeit nach 2024 verschoben.

Auch im Bereich des Schulsports diktiert das Geld den Weg. Seit Jahren diskutieren Bund und Kantone leidenschaftlich über das wöchentliche 3-Stunden-Obligatorium für Sportunterricht in der Schule. Das Baspo sieht darin eine dringend notwendige Massnahme, um das im Gesetz festgeschriebene Ziel einer Steigerung der Bewegungsaktivität zu stützen. Die Kantone empfinden es als nicht akzeptablen Eingriff in ihre Bildungshoheit. Erst vor zwei Jahren hat das Parlament im Sinne des Baspo mit knapper Mehrheit am Obligatorium festgehalten.

Tendenz hin zu weniger Sport

Im Rahmen des Finanzausgleichs 2 lässt der Bundesrat die Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen derzeit überprüfen. Im Bericht, den der Bundesrat am 28. September veröffentlicht hat, stehen auch die drei Stunden Schulsport pro Woche wieder zur Debatte.

Falls das Obligatorium fällt, dürfte die Tendenz hin zu weniger Sport führen. 760 Millionen Franken pro Jahr zahlen die Kantone derzeit für die 3 Stunden Sport. Vielerorts steht das Sparpotenzial in dieser Diskussion an erster Stelle. Zum Leidwesen von Sportlehrern und Sportvereinen.