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Gedränge in der «Kinderstunde» - Tom Lüthi reift zum Champion

Tom Lüthi ist vor dem GP von Österreich drauf und dran, vom zerbrechlichen Titanen zum Champion zu reifen. Vielleicht werden seine Medienkonferenzen bald nicht mehr "Kinderstunden" genannt.

Klaus Zaugg
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Tom Lüthi ist in den Extremsituationen stärker geworden – ist dies das entscheidende Puzzleteil für den Gewinn des WM-Titels? Keystone

Tom Lüthi ist in den Extremsituationen stärker geworden – ist dies das entscheidende Puzzleteil für den Gewinn des WM-Titels? Keystone

KEYSTONE

Siege verändern alles. In kürzester Zeit. Vor einer Woche war Tom Lüthi (30) in Brünn am Vorabend des GP von Tschechien im Titelkampf kein Thema mehr. 34 Punkte Rückstand auf WM-Leader Franco Morbidelli. Les jeux sont faits.

Dann, am letzten Sonntag, der wundersame Sieg und die schwere Niederlage (8.) des Italieners, dessen Vorsprung auf 17 Punkte schrumpft. Jetzt rockt Tom Lüthi. Im österreichischen Spielberg gab er am Freitag, am Ende des Trainingstages, wie immer im geräumigen Büro des Teamlasters Auskunft über sein Befinden.

Tom Lüthi (rechts) befindet sich momentan in einer starken Phase

Tom Lüthi (rechts) befindet sich momentan in einer starken Phase

KEYSTONE/AP/JENS MEYER

Weil er zu Beginn seiner Karriere noch ein Bub war, heisst diese Veranstaltung seit Jahren nicht Medienkonferenz, sondern «Kinderstunde». In Brünn hatten sich neben den TV-Teams unserer Landessender bloss drei weitere Chronisten für die Neuigkeiten aus dem Lüthi-Lager interessiert. Mehr aus Höflichkeit.

In Spielberg kommt es erstmals in dieser Saison zum Gedränge in der «Kinderstunde». Neun Chronisten plus erstmals der legendäre italienische Töff-Poet Marco Masetti («Motosprint») sind herbeigeeilt, um zu vernehmen, wie es Lüthi geht. Um ihm die Referenz zu erweisen. Weil sich nun ein «Kampf der Titanen» zwischen Morbidelli und dem Schweizer abzeichnet.

Zurück zu den Wurzeln

Die WM ist in eine neue Phase eingetreten. In den Teams von Lüthi und Morbidelli ist nie eine Schraube locker. An technischem Pfusch wird keiner der beiden scheitern. Wer wissen will, wie Tom Lüthis Titelchancen sind, muss sich nicht mehr mit Reifen oder Motoren befassen, sondern mit den «weichen» Faktoren: Konzentrationsfähigkeit, Selbstvertrauen, Nervenkraft. Diese WM wird im Kopf entschieden.

Die grossen Fragen sind: Hat die Wirklichkeit den sensiblen Franco Morbidelli eingeholt? Spürt, ahnt er erst jetzt, was er zu verlieren hat? Zerbricht er unter dem Druck? Oder ist es für ihn in Brünn einfach dumm gelaufen? Er hat sich gut erholt und sich am Freitag am ersten Trainingstag zum GP von Österreich mit Bestzeit zurückgemeldet. Vor dem Zweitplatzierten Tom Lüthi.

Der Emmentaler fuhr nach seinem Sieg in Brünn gleich nach Wien und flog noch am Sonntagabend heim. Um aus dem «System Töff» auszuchecken und sich zwei Tage daheim in Linden zu erholen. Er sagt: «Es hat sehr gut getan.» Seit ein paar Wochen ist Lüthi heimgekehrt in sein Dorf. Er hat seine Wohnung unten im Tal, in Oberdiessbach, aufgegeben und lebt jetzt wieder im Bauernhaus seiner Eltern in Linden.

Tom Lüthi hat sich in den letzten Jahren sehr entwickelt.

Tom Lüthi hat sich in den letzten Jahren sehr entwickelt.

KEYSTONE/AP/GEERT VANDEN WIJNGAERT

Macht ihn diese Rückkehr zu den Wurzeln stark? Sein Cheftechniker und enger Vertrauter Gilles Bigot spricht von einem erstaunlichen Reifeprozess. Tom habe sich in Brünn nach dem missglückten Training nicht verunsichern lassen. «Am Sonntagmorgen hat er gesagt, es werde wohl unter den schwierigen Bedingungen ein ganz besonderer Tag und nun gelte es, die Chance zu packen. Er sagte es mit einer erstaunlichen Ruhe und Entschlossenheit.» Tom Lüthi ist in einer Extremsituation stärker geworden. Und es gibt noch ein gutes Zeichen. Letztmals hatte er in Brünn 2005 gewonnen – in seiner Titelsaison (125 ccm).

In Spielberg musste er bei der «Kinderstunde» die üblichen Fragen beantworten. Er ist ein routinierter Kommunikator geworden. Bei den Fragen nach den Titelchancen sagt er, er nehme «Rennen für Rennen». Und auf Fragen nach seiner Zukunft (Markenwechsel zu KTM) verweist er an seinen Manager. Vieles deutet darauf hin, dass aus dem zerbrechlichen Titanen, dessen Talent nie infrage stand, der aber seit 2005 immer und immer wieder in der entscheidenden Phase der Saison am Druck zerbrochen ist, doch noch ein Champion werden kann.

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