Nie zuvor wurde an Olympischen Spielen so viel Gigantismus zelebriert: Sotschi kostet 50 Milliarden Franken, 20 000 Hektaren Wald wurden gerodet, 41 000 Hotelzimmer erstellt, 5500 Überwachungskameras installiert, 100 000 Personen für die Sicherheit abbestellt, und, und, und.

In Russland alles kein Problem: Hier rollt der Rubel so, wie es Präsident Wladimir Putin will.

Einsprachen sieht sein System nicht vor. Nicht wie im Bündnerland oder in München, wo viel bescheidenere Olympia-Projekte an der Urne keine Mehrheit fanden.

Man kann die russische Art, die Spiele zu inszenieren, mit guten Gründen kritisieren. Jetzt aber plötzlich aufschreien, ist scheinheilig.

Der stolze russische Präsident Wladimir Putin neben IOC-Präsident Thomas Bach (links)

Der stolze russische Präsident Wladimir Putin neben IOC-Präsident Thomas Bach (links)

Das Internationale Olympische Komitee IOC kannte das russische Projekt bei der Vergabe im Jahr 2007 - es war eine bewusste Entscheidung für Gigantismus.

Für Russland haben diese Spiele eine grosse Bedeutung. Erstens, weil sich das Land nun zwei Wochen lang der Weltöffentlichkeit präsentieren kann.

Zweitens, weil es versuchen wird, die Geschichte zu korrigieren. Die Sommerspiele von 1980 fanden in Moskau statt, doch weil russische Truppen kurz zuvor in Afghanistan einmarschiert waren, sagten 42 Staaten ihre Teilnahme ab.

Genützt hat es nichts, der Krieg dauerte bis 1989. «Nordwestschweiz»-Sportchef François Schmid-Bechtel analysierte es so: «Wladimir Putin will diese Schmach tilgen. Und dafür ist ihm nichts zu kostspielig.»

Immerhin das ist gelungen: Die Sportler aller Nationen sind angereist. Und das, obwohl kaum ein Sportanlass der jüngeren Geschichte derart infrage gestellt wurde wie dieser - wegen der Menschenrechtslage in Russland, wegen des Anti-Schwulen-Gesetzes, wegen Umweltsünden, wegen Pussy Riot.

US-Präsident Barack Obama bleibt zu Hause, ebenso der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck, Frankreichs Präsident François Hollande, der britische Premier David Cameron und weitere Top-Politiker. Dafür ernten sie Applaus. Trotzdem ist das Fernbleiben falsch.

Der Boykott ist kontraproduktiv: Wer politisch etwas erreichen will, muss sich nicht abschotten, sondern Kontakte pflegen.

Das garantiert freilich keinen Erfolg. Doch wer seine Gesprächspartner brüskiert, erreicht garantiert nichts.

In der internationalen Politik werden Fortschritte im vertraulichen Kreis erzielt, nicht im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit.

Man kann es auch so sehen: Nur dank Sotschi werden die miserablen Minderheitenrechte und demokratischen Mängel Russlands überhaupt so intensiv diskutiert.

Der Boykott ist unsportlich: In Sotschi geht es um die Athletinnen und Athleten. Für die meisten ist die Teilnahme an Olympischen Spielen der Höhepunkt ihrer Karriere - egal, wo dieser weltumspannende Wettkampf stattfindet. Es ist primär ihr Anlass - und nicht der von Herrn Putin.

Der Boykott ist aber vor allem scheinheilig. Mancher Staatschef, der den Spielen aus Protest fernbleibt, hat null Hemmungen, mit Schurkenstaaten zusammenzuarbeiten, wenn es ihm gerade nützt - selbst mit Staaten, die viel schlimmer sind als Russland.

Auch wenn man das im Westen nicht gern hört: Putin ist demokratisch gewählt worden. Und vermutlich vertritt er in vielen Positionen, die uns schockieren, durchaus den Mainstream seines Volkes.

Für einmal ist unser Bundesrat standfest geblieben und reist nach Sotschi. Ein Schweizer Boykott wäre besonders heuchlerisch: Unsere Regierung pflegt enge Bande zu Russland, die erst kürzlich durch den Besuch des russischen Aussenministers weiter gefestigt wurden.

Ein Freihandelsabkommen ist in Ausarbeitung, und dank Russland war die Schweiz erstmals an ein G-20-Finanzminister-Treffen eingeladen.

Das kann man gut finden oder nicht - konsequent jedoch ist es, wenn der Bundesrat der Einladung nach Sotschi folgt.

Ob es allerdings gleich drei Bundesräte sein müssen, ist ein anderes Thema. Weniger wegen Russland als vielmehr wegen der Frage: Haben die denn nichts Besseres zu tun?

Seit gestern Abend um 17.14 Uhr sind die Winterspiele von Sotschi eröffnet. Geben wir den Russen eine Chance, auf ihre Weise unvergessliche Spiele zu zelebrieren.

Freuen wir uns über die sportlichen Leistungen - und hoffentlich über viele Medaillen für die Schweiz!