Super League
GC kämpft mit allen Mitteln um den Klassenerhalt - und sorgt dabei für Unruhe ohne Ende

In der Woche, in der GC mit Stephan Rietiker einen neuen Präsidenten erhält, holt der neue Trainer Stipic den Holzhammer hervor. Gleich fünf Profis werden überraschend aussortiert. Nicht die einzige Hiobsbotschaft: Noch immer fehlen dem Verein CEO, Sportchef und Stadion - sowie eine klare Linie.

Markus Brütsch
Merken
Drucken
Teilen
Ein Bild spricht Bände: Der rausgeschmissene GC-Spieler Raphael Holzhauser ist am Boden.

Ein Bild spricht Bände: Der rausgeschmissene GC-Spieler Raphael Holzhauser ist am Boden.

KEYSTONE

Was für ein Hammer! Am Tag, als eine wunderbare Frühlingssonne auf den Campus strahlt und die perfekten Rasenplätze zum lustvollen Fussballspiel einladen, platzt drinnen in der Klubzentrale eine Bombe.

Gezündet von Tomislav Stipic, dem neuen Trainer des Grasshopper Clubs. Der 39-Jährige sitzt in einem Sitzungsraum, um den Medien vor dem Spiel gegen den FC Lugano Auskunft darüber zu geben, wie es um seine Mannschaft bestellt ist.

Umbruch im Kader

Seit 23 Tagen ist er erst hier, doch es scheint, als habe er die GC-Philosophie «Hire and Fire», gepaart mit schlechter Kommunikation, schon ganz verinnerlicht. Sigurjonsson und Kastrati seien verletzt und könnten nicht spielen, sagt Stipic.

Erwähnt indes mit keinem Wort, dass fünf weitere Profis ebenfalls fehlen. Jene, die er selber vor einer Woche aussortiert hat. Ein Glück, fragt ein Journalist nach, was eigentlich mit Holzhauser sei. Er habe ihn im Training vermisst.

Stipic druckst herum und sagt dann: «Raphael ist nicht mehr hier. Er hat die Erwartungen nicht erfüllt und trainiert individuell.» Damit nicht genug. Auch Tarashaj, Ngoy, Gjorgjev und Asllani seien nicht mehr erwünscht, lässt Stipic wissen.

Ihre Rückkehr sei ausgeschlossen. Vorgefallen sei nichts und er wolle damit auch kein Zeichen setzen, sagt der Deutsch-Kroate. Die Spieler hätten schlicht die Leistung nicht erbracht. Im Sommer ist der Österreicher Holzhauser noch als Königstransfer bezeichnet worden, Ngoy und Tarashaj waren Hoffnungsträger.

Rietiker, der Menschenfänger

So ist es Holzhauser und den anderen Verstossenen vergönnt geblieben, den neuen Präsidenten Stephan Rietiker kennen zu lernen. Dieser ist am Mittwoch, zwei Tage nach dem Rücktritt von Stephan Anliker, vorgestellt worden und hat tags darauf die Mannschaft im Campus besucht. Stipic ist begeistert vom Neuen: «Ein Menschenfänger mit viel Energie und Kraft. Die Begegnung mit ihm war sehr berührend.» Ob Tränen geflossen sind, erzählt er nicht.

Solche – allerdings aus Wut – hätte es zwei Wochen zuvor in Sion geben können, als GC-Fans beim Stand von 2:0 für die Walliser mit Leuchtfackelwürfen einen Spielabbruch erzwangen. «Ich bin stolz, welch fantastische und emotionale Fans wir haben», sagt Stipic.

Allen Ernstes, aber ohne zu begründen, weshalb er im Tourbillon nach dem Marsch in die Kurve kein Gespräch mit diesen fantastischen Fans führen konnte und sehr rasch rechtsumkehrt gemacht hat.

Immerhin glaubt er zu wissen, weshalb ihn seine Mannschaft in Sion erstmals und zum bisher einzigen Mal in der noch frischen «Ehe» enttäuscht hat. Herausrücken will er mit seiner Erkenntnis aber nicht. Dafür Wichtigeres loswerden.

Stipic dankt dem Platzwart, dem Koch und dem Zeugwart für ihre Arbeit. «Ich bin stolz, GC-Trainer zu sein. Es ist ein Glück.» Und: «Ich weiss den gesunden Nährboden hier zu schätzen.»

Ein alter Bekannter

Kommt dieser Mann von einem anderen Planeten? Gut für die Zürcher, dass wenigstens Rietiker die Situation nüchtern betrachtet. «Der ganze Fokus ist auf den Klassenerhalt gerichtet», hat der 62-Jährige angekündigt. Elf Runden vor Schluss liegt GC vier Punkte hinter Xamax auf dem Abstiegsplatz. Es droht erstmals seit 70 Jahren der Fall in die Zweitklassigkeit.

Das allerdings ist nicht die einzige Baustelle Rietikers. Er will zügig die offenen Stellen des CEO und des Sportchefs besetzen. Weil bekannt ist, dass sein Fussballnetzwerk bescheiden ist, werden ihm von diversen Interessensgruppen viele Namen zugetragen.

Dass darunter auch jener von Fredy Bickel ist, kann nicht erstaunen. Dieser ist von 1992 bis 1999 bei GC in verschiedenen Funktionen tätig gewesen und hat in Zürich noch viele Bekannte.

Unruhe auch in Wien

Allerdings sitzt dieser Bickel jetzt 600 Kilometer Luftlinie weiter östlich in einem Wiener Büro, das mit Sportdirektor angeschrieben ist. In einer schlechten Gemütslage, denn wie dem Schweizer Rekordmeister GC (27 Titel) geht es auch dem österreichischen Pendant Rapid (32) nicht gut.

Nicht gar so mies wie GC zwar, doch der blamable Verweis in die Abstiegsrunde hat die Grün-Weissen doch so schwer getroffen, dass man sich fragt, wo in den vergangenen Wochen mehr Unruhe geherrscht habe, bei GC oder bei Rapid.

Was Rapid aber von GC und auch dem FC Zürich markant unterscheidet: Es hat ein topmodernes neues Stadion mit Platz für 28 000 Zuschauer. «Es hat uns, ungeachtet der jetzigen Situation, einen gehörigen Schub gegeben», meldet Bickel aus Wien.

Es ist genau das, wovon die Verantwortlichen der Zürcher Vereine seit Jahren träumen und was sie predigen lässt: Mit einem neuen Stadion wird alles besser. Gross ist daher Ende November 2018 der Jubel gewesen, als das Zürcher Stimmvolk sich für den Bau des neuen Stadions ausgesprochen hat.

Kein Schlüssel zum Glück

Und als Stephan Anliker am Montag seine Abschiedspressekonferenz als GC-Präsident gibt, verbindet er seine Zukunftshoffnungen mit dem neuen Stadion. Als Nachfolger Rietiker sich den Medien stellt, ist auch seine Zuversicht geprägt von der neuen Arena.

Bloss: Diese ist noch längst nicht gebaut. Noch sind Rekurse möglich. Dass wie erhofft schon 2022 der Ball rollt, ist unwahrscheinlich. Und es gibt Beispiele wie Neuenburg, Genf oder Schaffhausen, die zeigen, dass ein neues Stadion noch längst nicht der Schlüssel zum Glück sein muss.

«Es kommt eben ganz darauf an, was man damit macht», sagt Bickel. Wenn sich einer auf diesem Parkett auskennt, dann er, der bereits in Bern für die Young Boys in einem neuen Stadion gearbeitet hat. «In Wien haben wir 2000 VIP-Plätze, die immer ausverkauft sind. Es wird den Leuten unheimlich viel geboten. Das Stadion ist während sechs Stunden geöffnet und aus dem Spiel wird ein Event gemacht.» Der Aufwand ist enorm.

Neues Stadion ist unabdingbar

Bickel, der nach seiner Tätigkeit für GC auch während sieben Jahren Sportchef des FCZ war, ist ein exzellenter Kenner des harten Zürcher Fussballpflasters. Seine Meinung ist klar: «Ein neues Stadion ist für GC und den FCZ unabdingbar.» Bickel geht sogar noch weiter: «Die Zürcher Klubs brauchen es, um zu überleben.»

Bei Rapid sei der Zuschauerschnitt im ersten Jahr um 9000 gestiegen. «Das neue Stadion hat uns viel gebracht. Wir konnten das Budget um ein Drittel erhöhen.» Aber, warnt Bickel, «die Erwartungshaltung steigt ins Unermessliche.»

Zur aktuellen Situation bei GC mag er sich nicht äussern. Auch nicht die Frage beantworten, ob ihn die Aufgabe des Sportchefs allenfalls reizen würde und er schon kontaktiert worden ist. Stattdessen sagt er: «Ich habe bei Rapid zu viel zu tun, um noch über GC nachzudenken.» Gemäss österreichischen Medien wird sein Abgang bei Rapid aber in Bälde erfolgen.

Kein gutes Omen

Stress bei Rapid hin oder her: auch Bickel wird gespannt nach Zürich blicken, will wissen, was sich tut bei GC. Weil das neue Stadion lediglich am fernen Horizont steht, müssen zuerst einmal die nächsten Jahre überstanden werden.

Dies kann nur gelingen, wenn Rietiker es schafft, Ruhe in den Verein zu bringen. Wenn aber Trainer Stipic unmittelbar nach dessen Amtsantritt für neuen Wirbel sorgt, ist das kein gutes Omen.