Nationalmannschaft

Fussballverband verheddert sich in Debatte um Balkan-Graben

Das Nationalteam demonstriert vor dem Kick-off in Wien Geschlossenheit.

Das Nationalteam demonstriert vor dem Kick-off in Wien Geschlossenheit.

In diesem Fall, in dieser Form, ist Angriff die schlechteste Verteidigung. Der SFV reagiert mit einer Mitteilung auf der eigenen Homepage auf die Debatte über den Balkan-Graben im Nationalteam. Und verstrickt sich dabei in Widersprüche.

Noch am Samstag sagte der Nati-Delegierte Peter Stadelmann, er sehe keinen Graben im Team und habe «eine andere Wahrnehmung». Der Schweizerische Fussballverband (SFV) wollte keine Diskussion über Integration und Identifikation. Nach dem 2:1-Sieg gegen Österreich wäre das kommunikative Kalkül womöglich aufgegangen und die Debatte zumindest für den Moment versandet.

Vladimir Petkovic und Peter Stadelmann im Training.

Vladimir Petkovic und Peter Stadelmann im Training.

Schliesslich balanciert auf einem hohen Seil, wer sich zu den Themen Integration und Identifikation äussert: ein Fehltritt, und man landet in der Grube der politischen Unkorrektheit. Möglich, dass dieser Balanceakt andere Medienschaffende davon abhält, an der Fassade der Nati zu kratzen, die bislang als Musterbeispiel gelebter Integration galt.

Doch mit der Mitteilung auf seiner Homepage ist es nun der Verband selbst, der die Debatte befeuert, die er eigentlich vermeiden möchte. In dem zum Teil pathetisch formulierten Communiqué räumt der SFV nun doch noch ein, wenn auch unfreiwillig, dass der Balkan-Graben innerhalb der Mannschaft ein Thema von Gewicht ist. Die Mitteilung nimmt auf unseren Kommentar vom Dienstag Bezug. Erstaunlich dabei ist zunächst deren eigenwillige Interpretation, was bei der Personalie Valentin Stocker zum Ausdruck kommt.

Stocker ist kein Maulwurf

Wir haben geschrieben, dass die Balkan-Gruppe nach den vermeintlichen Sündenböcken suche, welche die Geschichte angestossen hätten: «Offenbar soll sich die Balkan-Gruppe bereits auf ein Opfer festgelegt haben: Valentin Stocker.» Der Verband repliziert: «Gemäss Zeitungskommentar ist das Valentin Stocker. Dieser wird faktisch als Maulwurf und Verräter dargestellt, ohne dass der Nationalspieler Gelegenheit gehabt hat, seine Position zu erklären. Stocker ist sich keiner Schuld bewusst und findet darum auch, dass er sich weder rechtfertigen noch verteidigen müsse. Mit der besagten Redaktion hat er seit Wochen kein Interview geführt.»

Man rätselt: Wie kann Stocker unser Informant sein, wenn er seit Wochen nicht mit der Redaktion geredet hat? Und man ist verblüfft über das journalistische Verständnis des SFV: Glaubt der Verband im Ernst, eine Redaktion gebe ihre Quellen preis, solange diese anonym bleiben wollen?

Valentin Stocker redet nur im Interview beim ORF.

Valentin Stocker redet nur im Interview beim ORF.

Unsere Recherchen haben ergeben, dass die Balkan-Gruppe Stocker als Sündenbock ausgemacht hat. Das haben wir geschrieben, nicht mehr und nicht weniger. Warum? Um Stocker zu schützen, weil er nichts mit der Sache zu tun hat. Was offenbar gelungen ist, wie wir aus dem Communiqué schliessen: «Der Verband stellt sich voll und ganz hinter Valentin Stocker und schützt diesen, indem betont wird, dass man beim SFV den Fussballer Valentin Stocker seit Jahren als korrekten Menschen kenne und schätze.»

Aufhorchen lässt auch der letzte Satz im Communiqué: «Welchen Wert diese (anonymisierten Berichte) haben, zeigt sich unter anderem daran, dass die in Wien präsenten Schweizer Medienschaffenden sie als billigen Thesenjournalismus einstufen und kaum darauf eingehen.» Solche Propagandazeilen sind seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Regimes selten geworden.

Vielleicht haben gerade diese «wertlosen» Berichte dazu geführt, dass man sich in Wien mit Integration und Identifikation auseinandergesetzt hat. «Wir wollen die ganze Schweiz hinter uns haben. Und nicht, dass die Ur-Schweizer auf einmal sagen: Wir wollen dem Team nicht mehr zuschauen, weil es einen Balkan-Graben gibt», sagt Verteidiger Timm Klose.

Timm Klose will die ganze Nation hinter sich wissen.

Timm Klose will die ganze Nation hinter sich wissen.

Trainer Vladimir Petkovic sagte in seiner Matchanalyse als Erstes, er könne sich vorstellen, dass dieses Spiel «ein Neuanfang nach aller Polemik sei». Auf Nachfrage wenig später allerdings wollte er glaubhaft machen, nichts von den Diskussionen mitbekommen zu haben. «Ich lese nichts. Und was geschrieben wird, interessiert mich auch nicht.» Vielleicht ist der Graben in der Nati nicht mehr so tief wie vor Wien. Es wäre zu wünschen. Um ihn wirklich zuzuschütten, braucht es aber mehr als schöne Worte.

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