Porträt

Zinédine Zidane – wer ist der Mann, der plötzlich wieder Trainer bei Real Madrid ist?

Zinédine Zidane.

Der Mann bindet sich eine Krawatte um und bleibt doch Strassenwolf. Und sein Rufname – «Zizou» – hat zwei Synonyme: «Instinkt» und «Genie». Dreimal gewann Zinédine Zidane die Champions League mit Real Madrid. Gestern holte man ihn dahin zurück – ist das nun der Weisheit letzter Schluss oder der nackte Fussball-Aberglaube?

Die Woche des Schreckens brachte jetzt die Entscheidung zum Trainerwechsel: Real Madrid, der Titelverteidiger, schied letzte Woche in der Champions League aus – nach einer 1:4-Niederlage zuhause gegen Ajax Amsterdam. Im Cup scheiterten die Madrilenen am Erzrivalen FC Barcelona. Und in der Meisterschaft, elf Runden vor Schluss, beträgt der Rückstand Reals auf den Leader zwölf Punkte.

Nun begaben sich Reals Granden offenbar in ihre eigene Hall of Fame, zur Meditation in den Trophäen-Gral. Am Ende ihres Lateins stellten sie einfach eine Figur im Schrein auf „Reset“: den Überirdischsten aller Galaktischen, Zinédine Zidane. Er einigte sich offenbar mit Real auf einen Vertrag bis Juni 2022.

Was Fakt bleibt im Märchen: Während Zinédine Zidane Trainer von Real Madrid war, gewann das Team stets die Champions League. Der dritte Triumph hintereinander liess ihn vollends zum Fixstern werden. In der Meisterschaft hatte auch er Mühe bekundet. Aber er hatte die Saison eben gerettet mit dem Triple. Was ist Zidanes Geheimnis?

Was wir beim Tier «Instinkt» nennen, zu dem sagen wir beim Zweibeiner «Genie». Auf der Ebene des Fussballrasens gibt‘s seit Jahren dazu ein Synonym: «Zizou». Der Kosename, 1992 dem Zwanzigjährigen verpasst von Rolland Courbis, dem damaligen Trainer bei den Girondins Bordeaux, klingt ein wenig auch so, als riefe man zuzelnd einen Hund. Das wird man wohl noch sagen dürfen, nach fünfzehn roten Karten für «Zizou»: Dieser Fussballgott war auf dem Platz stets beides: Gladiator und Hund. Egal ob Bolzplatz in La Castellane, dem Problemviertel von Marseille, wo er aufwuchs. Oder das Olympiastadion Berlin beim WM-Final 2006. Da brach in der 109. Minute aus dem Genie noch einmal der Instinkt, verwandelte sich der Gladiator in ein Tier.

Fast unisono war man damals entgeistert und bezeichnete es als «tiefen Fall». Dabei war Zidane auch hier auf gewohnter Höhe. Folgte weiter bloss seinem Wesen und Stil: der Deckungsgleichheit von Instinkt und Genie. Wer genau hinschaute – nicht als Moralist, sondern als Ästhet –, musste anerkennen: Zidanes Kopfstoss gegen Italiens Hühnerbrust Marco Materazzi hatte die gleiche wuchtige Eleganz wie seine zwei Kopfball-Tore gegen Brasilien im Endspiel der Fussball-WM 1998.

Stärker als die «Legenden»

Zwölf Jahre nach Berlin zeigt sich: Der Kopfstoss wurde nicht zu Zidanes Imagegrab. Von wegen «tragischer Abgang». Der Mann ist in der Fussballgalaxie gegenwärtiger denn je. Leuchtet aus kaum viel mehr als Schüchternheit oder Zurückhaltung und Schweigen bald höher, stärker als die «Legenden des Fachs»: Guardiola, Ancelotti oder Cruyff.

Nach dem Triple der Champions League war Zidane vollends in der Fixsphäre des Ruhms angelangt. Egal ob er nur wenige Wochen vor jenem Triumph in den Niederungen der nationalen Meisterschaft vollends zu erlöschen drohte.

«Wie soll man Millionen von Kindern erklären», fragten nach jenem WM-Final in Berlin die Gazetten bang, «wie man so die Kontrolle über sich selbst verlieren kann?» Das muss man gar nicht erklären, man braucht bloss die Kinder zu schützen vor allen Kitschkommentaren.

Heute sollen doch – umgekehrt – die Kinder mal den Zeitungen erklären, dass der Gute im Spiel oder Film halt immer gewinnt am Ende. Blöd, dass es dreimal mit Real Madrid geschah, diesem gewiss auch hasswürdigen Verein. Tröstlich, dass wenigstens einer wie Zinédine Zidane an der Seite das vollauf verdiente.

Cäsaren mit schlaffem Hintern

Der Mann spielte in der Sphäre der Kunst. Kunst ist das Gegenteil von Kitsch, auch im Fussball. Kunst hat andere Gesetze, als etwa Fussballmoderatoren am Fernsehen kennen. Kommentatoren leiden an einem Andrew-Lloyd-Webber-Syndrom: Ein Fussballspiel empfinden sie, wo nicht als Oper, dann gewiss als Musical. Zuckrig genug kann die Melodie zum Schlager gar nicht sein. Statt «Don’t cry for me Argentina» heulten sie in Berlin einfach «We cry for you, Zidane.»

Damals schon nannte man ihn einen müden gesättigten Mann, ohne Biss und Hunger nach mehr. Obwohl man damals schon wusste, wie zäh, wie eisern Zidane jeweils auf ein Turnier hin zu trainieren pflegte. Und diese Woche rügte man wieder Zidanes gesamtes Millionärs-Ensemble als «zu wenig hungrig». Damit aber spielt man dem Meister bloss in die Füsse. Zidane rückt gern den Gegner in die Favoritenrolle: Paris St. Germain, Juventus Turin, Bayern München – alle standen sie in der Favoritenrolle. Und der schweigsame Sohn algerischer Berber meisterte sie alle. Ob er ein Taktikgenie ist, ist – wohl zu Recht – umstritten.

Im Quartier von Marseille

Aber er hat mehr Instinkt als Taktiker. Wie sollte er verlernt haben, was er nie lernen musste? Was er als Naturgabe seit Kindsbeinen an in den Füssen hatte – das haben noch viele –, aber auch in der Nase.

Zidanes Fussballkraft ist nach wie vor unverweichlicht vorhanden. Das ist schon eine Leistung bei den Luxus-Pussys des bis in die Sterilität hochgejazzten Klubfussballs der grossen Ligen. Im kies-staubigen Quartier von Marseille gegen alle Rotzbengel anzutreten oder vor ein paar Cäsaren mit schlaffen Hintern auf Nappaleder – was macht das schon für einen Unterschied?

Zidane kennt die Scheinheiligen, er ist als Fussballfunktionär irgendwo vielleicht auch einer (Katar!). Aber er weiss genau, wo alle Scheinheiligkeit zerschlagen wird. Pelé ist ein Plüschbär geworden nach jahrelangem Fifa-Schaumbad. So viele Ex-Heroes sitzen gleich ihm hablich und mit Schmer ums Kinn in der Promiloge. Oder sie treiben Unfug als Narr wie Maradona. Zinédine kann sich eine Krawatte umbinden und bleibt doch der Strassenwolf. Fussball schreibt seine Geschichten immer wieder neu, wild, anarchisch.

Millimeter bis zum Versager

Aber ein Gesetz ist auch das nicht. Wie auch bei Zidanes Penalty im WM-Final gegen Italien – erinnern Sie sich? Ein paar Millimeter, und er hätte versagt. Buffon, Instinkt-Tier und abgekochter Schlaumeier, war in die rechte untere Ecke gesprungen, weil Zidane schon Portugals Ricardo dort erwischt hatte. Manch einer hätte rechts hinaufgeschossen, nicht wahr? Ein Künstler aber schlenzt, braucht keinen Anlauf. War das blasiert? Nein. Das ist nur der Unterschied zwischen Klopfen und Kunst; es gibt keinen anderen.

Derweil kämpft sich im Staub und im Schmutz irgendwo ein anderer genialer Rotzlöffel empor. Und die Wette gilt: Später gefragt, wer sein Idol gewesen sei, wird er im Doppelpack den letzten Buchstaben des Alphabets nennen. Den einzigen Buchstaben, weswegen er dieses verdammte Alphabet überhaupt gelernt hat: «Zizou!»

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