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Zeit zum Koffer packen beim FC Basel

Nach nur zwei Niederlagen in elf Partien verabschiedet sich der FC Basel von der europäischen Bühne.

Nach nur zwei Niederlagen in elf Partien verabschiedet sich der FC Basel von der europäischen Bühne.

Für den FC Basel endet eine herausragende Kampagne in der Europa League - und beginnt die Zeit der drängenden Fragen.

Es gibt da diesen braunen Koffer. Aus Leder, etwas verranzt. Die Spuren der Zeit sind darauf verewigt. Gefüllt ist er mit Punkten und Erfolgen, verziert mit Wappen der gegnerischen Teams, die auf dem Weg geschlagen und aus dem Wettbewerb geworfen wurden. Dieser braune Koffer war der stete Begleiter des FC Basel in dieser Europa-League-Kampagne. Er war das Symbolbild dieser elf Spiele andauernden Reise. Gehörte er zum Gepäck, wartete ein grosses internationales Abenteuer auf die Basler. Am Mittwochmorgen nun trat er seine letzte Reise an. Zurück von Düsseldorf nach Basel, zurück vom Finalturnier der Europa League in die Heimat.

Der Basler Europa-League-Koffer.

Der Basler Europa-League-Koffer.

Die europäische Reise des FC Basel hat gegen Donezk bekanntlich ein Ende gefunden. Nie keimte Hoffnung auf, dass Basel – bis vor Anpfiff die statistisch beste Mannschaft des Wettbewerbs mit acht Siegen und sieben Partien zu Null aus zehn Spielen und nur zwei Gegentoren – den historischen Schritt in den Halbfinal gehen könnte. Der Koffer, er konnte nicht mit weiteren Erfolgen gefüllt werden. Er blieb verschlossen. Stattdessen befüllten die Spieler des FC Basel ihre eigenen Koffer mit dem mitgebrachten Hab und Gut, das gereicht hätte bis zum Endspiel am 21. August. Aber es hat nicht sollen sein, die letzte Reise der Basler in dieser so speziellen Saison endete frühzeitig. Enttäuschend.

«Wir haben vor dem Spiel in der Kabine gesagt, dass wir über uns hinauswachsen müssen, jeder an seine Leistungsgrenze oder darüber gehen muss und Donezk ausserdem nicht den besten Tag einziehen darf, um weiter kommen zu können», erzählt Valentin Stocker nach dem Spiel. Dass nichts davon zutraf, musste der Captain nicht ausformulieren. Das war offensichtlich. Und dennoch ist es und darf es auch nicht die Enttäuschung sein, die nach dem Ausscheiden auf Schalke überwiegt. Weil der FCB in dieser Saison europäisch eine Glanzstunde an die andere gereiht hat, erreichte, was kaum einer für möglich hielt, und einmal mehr zeigte, was in ihm steckt, wenn er alles abrufen kann.

«Ich würde das als riesigen Erfolg bezeichnen. Wir können stolz sein auf uns», sagt Stocker. Beachtlich sei das Erreichte insbesondere dann, wenn man das Kader mit dem Basler Team, das 2014 letztmals in einem Viertelfinal stand, vergleicht. «Das war eine andere Erfahrung und ein anderer Altersdurchschnitts im Team und daher eine andere Qualität.» Der Erfolg ist folglich vielleicht noch ein bisschen beachtlicher.

Die Kaderkritik des Marcel Koller

Auch aus Marcel Koller spricht nach dem Spiel der Stolz - zurecht. «Es war eine hervorragende Kampagne, in der wir auch in der Gruppenphase bereits schwierige Gegner hatten. Das waren alles Top-Klubs aus ihren jeweiligen Ligen.» Der FC Basel hat zwei Mal Getafe, zwei Mal Nikosia und zwei Mal Frankfurt besiegt. Und ausserdem in Trabzon ein Remis geholt und Krasnodar mit 5:0 aus dem Joggeli geschossen. Das sind beachtliche Resultate und Leistungen.

Hat sich für eine Zukunft in Montpellier entschieden: Jonas Omlin (r.).

Hat sich für eine Zukunft in Montpellier entschieden: Jonas Omlin (r.).

Der FCB hat als Underdog aufgetrumpft, «wir sind aber gerade auch gegen Nikosia unserer Favoritenrolle zwei Mal gerecht geworden», fügt Stocker an. Und sagt: «Ab dem Moment, an dem wir mit Frankfurt einen Bundesligisten zwei Mal geschlagen haben, war es für mich klar, dass das eine sehr, sehr erfolgreiche Kampagne war.» Egal, was am Dienstagabend passierte.

Die Frage bleibt, was möglich gewesen wäre, wenn der Verein seine Mannschaft hätte zusammen halten können. Die definitive Bestätigung von gestern, dass Jonas Omlin seine Koffer in Basel gepackt hat und nach Montpellier wechselt, war nur die letzte in einer Reihe zahlreicher Abgänge. Omlin wird beim Achten der letztjährigen Ligue 1 einen Vierjahresvertrag unterschreiben und dem FCB kolportierte fünf Millionen einbringen. Doppelt so viel also, wie ein Einzug in den Halbfinal der Europa League gebracht hätte.

Und doch: Man hätte Omlin am Dienstag gerne dabeigehabt. Ebenso wie die nicht mehr bei Basel spielenden Noah Okafor, Edon Zhegrova und Kevin Bua. Durch ihr Fehlen hat Breite und Flexibilität gefehlt auf den Flügeln, durch Omlins Absenz ein Ruhepol und Führungsspieler.

Hat noch nicht über seine Zukunft entschieden: Marcel Koller.

Hat noch nicht über seine Zukunft entschieden: Marcel Koller.

Auf die Frage, ob nach all diesen substanziellen Abgängen der Viertelfinal das Maximum ist, äussert sich Koller erstmals und für seine Verhältnisse dezidiert kritisch. «Die Mannschaft hat nicht nur im Hinblick auf diesen Viertelfinal viel hinnehmen müssen (das Fehlen Omlins, d. Red.), sondern auch vorher schon. Es gab viele Transfers weg von uns. Wir haben Qualität verloren, vor allem in den Bereichen Schnelligkeit und Dribbling in der Offensive. So hat es schliesslich nicht gereicht, um sagen zu können: Das hätte perfekt laufen können, um Schachtar Paroli bieten zu können.» Eine laute Kritik des Trainers zur Transferpolitik der Basler, wie man sie nicht kennt. Er, der sonst alles stoisch hingenommen hat, äussert Unzufriedenheit.

Die offene Zukunft des Marcel Koller

Es mag an der Müdigkeit liegen, welche die strapaziösen letzten Wochen gebracht hat. Oder an der Niedergeschlagenheit, dass der FCB ausgerechnet in diesem K.o.-Spiel seine erst zweite Niederlage in dieser Kampagne hat hinnehmen müssen. Es kann aber auch ein Zeichen sein, dass Marcel Koller ebenfalls daran denkt, seine Koffer zu packen. Nicht nur jene für den Heimflug von Düsseldorf, sondern jene, die er seit zwei Jahren in Basel abgestellt hat und die mit noch mehr Punkten und Erfolgen gefüllt sind als der Reisekoffer des FCB.

Als Koller am Dienstag gefragt wird, wie es um seine Zukunft steht, sagt er, «dass ich noch nicht entschieden habe.» Er, nicht der Klub. Gut möglich, dass Koller genug hat und nicht bleiben möchte – falls diese Option überhaupt bestünde. Dass er keine Lust hat, ein immer jüngeres und ärmer an Routiniers werdendes Team weiter zu trainieren.

In den nächsten Tagen jedenfalls wird er Zeit haben, nachzudenken. Nach der Ankunft in Basel stehen ein paar Tage Urlaub an. Lange aber nicht. In zwei Wochen ist Cuphalbfinal. Bis dann wird die europäische Enttäuschung europäischem Stolz gewichen sein. Wird Koller vielleicht wissen, ob er bleiben darf, ob er das überhaupt mag, und wer nach Okafor, Bua, Zhegrova und Omlin alles noch seine Koffer packen wird im Hinblick auf nächste Saison. Kandidaten gibt es genug. Und bis dann wird auch der braune Koffer versorgt sein. Irgendwo, wo er für immer das Symbol einer der besten europäischen Kampagnen des FC Basel sein wird.

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