Wenn das nur kein schlechtes Zeichen ist. Die Nationaltrainerin kränkelt. So sagt das Martina Voss-Tecklenburg ins Telefon. Es ist die Woche vor den WM-Barrage-Spielen Schweiz gegen Belgien, eine Bronchitis machte ihr zu schaffen, die kalten Temperaturen im gut 30 Kilometer östlich von Brüssel gelegenen Louvain helfen auch nicht wirklich.

Heute Abend beginnen für die Schweizer Fussballerinnen die Tage der Wahrheit. Es gilt, sich via Umweg doch noch für die WM in Frankreich vom nächsten Sommer zu qualifizieren. Der erste Anlauf ist missglückt. Die Schweizerinnen verspielten vor gut einem Monat gegen Schottland (1:2) und Polen (0:0) die hervorragende Ausgangslage auf den Gruppensieg in ihrer Qualifikationsgruppe. Und verpassten damit die direkte WM-Qualifikation.

Anders als die Männer müssen die Frauen in der Barrage zwei Duelle (jeweils mit Hin- und Rückspiel) für sich entscheiden, um doch noch an die WM zu kommen. Zuerst wartet Belgien. «Die Ausgangslage ist völlig offen», sagt Voss-Tecklenburg. Vermutlich sind die Schweizerinnen leicht zu favorisieren. Im Fall eines Sieges aber käme es im November entweder zum Duell mit dem Europameister Holland oder dem EM-Finalisten Dänemark. Und da wären die Schweizerinnen klar Aussenseiter.

Freude oder Belastung?

Gegen Belgien tritt die SFV-Auswahl zuerst auswärts an, das Rückspiel findet am Dienstag in Biel statt. Beide Spiele sind live im Schweizer Fernsehen zu sehen. Den Schlüssel zum Erfolg sieht Voss-Tecklenburg in der Effizienz vor dem gegnerischen Tor. «Wir müssen unsere Chancen besser ausnützen», fordert sie, nachdem ihre Schützlinge im Abschluss zuletzt zu oft gesündigt haben.

Als Nummer 23 des Fifa-Rankings ist Belgien das günstigste Los für die an
18. Stelle geführte Schweiz. Auch wegen der unterschiedlichen Gemütslagen weist Voss-Tecklenburg die Favoritenrolle aber von sich: «Belgien kommt in einer Euphorie in dieses Duell und ist gefühlt bereits ein Gewinner. Die Chancen stehen 50:50, und das ist kein Understatement.» Viel hängt beim Gegner, der sich die nötigen Punkte für die Playoffs auf der Zielgeraden der Gruppenphase sicherte, von Tessa Wullaert ab.

Die Stürmerin von Manchester City ist imstande, Spiele im Alleingang zu entscheiden. «Sie sorgt für die Überraschungsmomente», weiss Lia Wälti, die im Sommer von Potsdam zu Arsenal wechselte.

«Sehen die Playoffs als neue Chance»

Die in den ersten sechs Qualifikationsspielen siegreichen und dann zweimal patzenden Schweizerinnen mussten sich mental neu aufrappeln, was zunächst nicht leicht fiel. Nun sagt Wälti: «Es ist gut, dass wir in den letzten vier Wochen in den Klubs frische Luft schnappen konnten. Jetzt ist die Gruppenphase abgehakt, und wir sehen die Playoffs als neue Chance.» Genau gleich denkt Trainerin Voss-Tecklenburg: «Wir müssen es hinkriegen, uns auf diese entscheidenden Spiele zu freuen und die Aufgaben nicht als Belastung zu sehen.»

Die 51-Jährige befindet sich auf der letzten Etappe ihrer fast siebenjährigen Tätigkeit beim SFV. Nach der Barrage wechselt sie als Trainerin zu Deutschland. Die allfällige WM würde die Schweiz bereits mit dem neuen dänischen Trainer Nils Nielsen bestreiten.

Die Frage aller Fragen: warum?

Zuletzt fiel beim Frauen Nationalteam ein Muster auf: Sobald es entscheidend wurde, gelang es nicht mehr, das Leistungspotenzial abzurufen. Das war an der EM 2017 so. Und das war nun auch beim fatalen 0:0 gegen Polen so. «Warum das so ist – diese Frage stellen wir uns auch selbst», sagt Voss-Tecklenburg. Eine eindeutige Antwort kennt auch sie nicht. «Fakt ist, dass wir noch sehr von unseren Führungsspielerinnen abhängig sind.»
Die Nationaltrainerin wünscht sich von all ihren Spielerinnen etwas mehr Überzeugung in den Aktionen. Und vor allem, dass der Mut nicht verloren geht, sollte anfangs des Spiels eine Aktion misslingen.

Das Duell mit Belgien ist also so etwas wie eine mögliche kleine Versöhnung mit der jüngeren Vergangenheit. Aber vor allem auch die Gelegenheit, zu zeigen, mental der Herausforderung gewachsen zu sein, entscheidende Spiele positiv zu gestalten. Ansonsten würden die Fussballfrauen noch lange an die fahrlässig verpasste Chance gegen Polen zurückdenken.