WM-Qualifikation
Zeigt die Nati heute ihr wahres Gesicht?

Die Schweiz startet heute in Slowenien in die WM-Qualifikation. Der Druck ist gross. Erwartet wird ein Sieg. Damit rechnen darf man aber noch nicht. Die Schweizer Nati ist als Team unberechenbarer denn je.

François Schmid-Bechtel und Etienne Wuillemin
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Ob er mit einem Punkt zufrieden wäre, wird Ottmar Hitzfeld von einem slowenischen Journalisten gefragt. Der 63-jährige Deutsche tut, was er in solchen Situationen immer tut: Er gibt eine unverfängliche Antwort. Man habe gesehen, dass Slowenien viel Qualität besitze. Und: «Ob ich mit einem Punkt zufrieden bin, kann ich erst nach dem Spiel sagen.»

Unberechenbarer als der Trainer sind die Spieler der Schweizer Fussballnationalmannschaft. Eine Unberechenbarkeit, die sowohl Qualität als auch Manko ist. Mal zelebriert sie wie beim 5:3 gegen Deutschland atemberaubenden Hurra-Fussball. Mal zeigt sie wie beim 4:2 gegen Kroatien ihr dominantes und effizientes Gesicht. Mal wirkt wie beim 0:1 gegen Rumänien uninspiriert und lustlos. Kurz: Die Nati ist unberechenbar wie eine Roulettekugel.

Das Mysterium Derdiyok

Beispiel Eren Derdiyok: Er erzielt gegen Deutschland drei Tore und geht vier Tage später gegen Rumänien auf Tauchstation. An einem guten Tag wütet er im gegnerischen Strafraum wie König Juan Carlos auf Safari. An schlechten verwandelt er sich in einen Veganer auf der Wildjagd. Der 24-jährige Stürmer beteuert zwar, bereit zu sein, die Lücke, die Alex Frei und Marco Streller mit ihren Rücktritten aufgerissen haben, zu füllen. Doch ein Skorer auf Dauer ist er noch nicht. Egal, ob in Basel (63 Spiele/17 Tore), in Leverkusen (92/25) oder in der Nationalmannschaft (40/7): Es sind ordentliche Werte, aber nicht solch atemberaubende eines Top-Stürmers.

Der Druck auf Derdiyok, der bei seinem neuen Arbeitgeber Hoffenheim nun die Erfahrung eines miserablen Saisonstarts macht, ist gross. Einerseits, weil er als Stürmer an den Toren gemessen wird, die einst Alex Frei (42) erzielt hat. Andererseits, weil dahinter Spieler wie der gegen Slowenien verletzte Mario Gavranovic (2 Tore gegen Kroatien), Josip Drmic oder der diesmal nicht aufgebotene Nassim Ben Khalifa ordentlich Druck machen.

Aber nicht nur Derdiyok steht unter Druck. Die gesamte Nationalmannschaft steht nach der glücklichen Zulosung in die Gruppe mit Slowenien, Norwegen, Albanien, Zypern und Island in der Pflicht, das Ticket für die WM 2014 in Brasilien zu lösen. Erst recht nach der verpassten EM 2012. «Die Enttäuschung darüber war gross», sagt Hitzfeld. «Dadurch ist unsere Motivation noch grösser. Druck ist immer da. Ich empfinde ihn aber immer als etwas Positives, das Kräfte freisetzt.»

Die Feuerkraft aus dem Mittelfeld

Andererseits hat die Unberechenbarkeit auch positive Aspekte. Es gibt den Panzerknacker Xherdan Shaqiri, der jederzeit einen gegnerischen Tresor aufbrechen kann. Oder den Problemlöser Granit Xhaka, der jederzeit ein unlösbar scheinendes Rätsel entschlüsseln kann. Oder den Sprinter Tranquillo Barnetta, der jederzeit eine Abwehr überfordern kann.

Auf die Schweiz kommen in dieser WM-Qualifikation einige Spiele zu, in denen sie die genannten Qualitäten braucht. Dann nämlich, wenn ein Aussenseiter wie ein Aussenseiter auftritt, sich dem Spiel verweigert und tief in der eigenen Platzhälfte verteidigt. Vor allem werden Shaqiri, Xhaka und Barnetta auch dann gefordert sein, wenn Derdiyok seine versprochenen Tore nicht erzielt.

Trainer Hitzfeld gibt sich jedenfalls optimistisch: «Wir haben eine sehr gute Generation von jungen Erfahrenen und ganz Jungen, die den Sprung ins Ausland gewagt haben.» Eine Folge der Transfers von Shaqiri (zu Bayern München) und Xhaka (zu Mönchengladbach) ist, dass die Schweiz erstmals ein Qualifikations-Spiel ohne einen Super-League-Spieler beginnt. Gleichzeitig ist die Basler Fraktion auf zwei Ersatzspieler (Stocker und Sommer) geschrumpft. Am meisten Spieler kommen derzeit von Napoli (Inler, Behrami, Dzemaili).

Kein Gedanke an einen Fehlstart

Für Hitzfeld ist es die dritte Qualifikation als Nationaltrainer. Die Erinnerungen an die zwei vorangegangenen Starts sind schlecht. 2008 spielte die Schweiz 2:2 in Israel und verlor 1:2 gegen Luxemburg. Diesen Fehlstart vermochte sie noch zu korrigieren. Nicht so die Auftaktniederlagen vor zwei Jahren gegen England und Montenegro. Hitzfeld sagt: «Mit einem Fehlstart beschäftige ich mich nicht, weil ich immer Optimist bin.»

Einmal an diesem Tag vor dem Slowenien-Spiel lächelte Hitzfeld im Hotel Austria Trend in Ljubljana sogar. Es war, als er gefragt wurde, warum er mittlerweile auch Akteure aufbietet wie Djourou, die in ihren Vereinen nicht spielen. Er antwortete: «Auch ich habe mich weiterentwickelt.»