Fussball
Xherdan Shaqiri: «Ich kann Spiele entscheiden – auch bei den Bayern»

Seit gestern Mittwoch ist Xherdan Shaqiri 21. Langsam sei er gut in der Mannschaft von Bayern München integriert. «Ich habe gezeigt, dass ich zu den wichtigen Spielern gehören kann», sagt er im Interview.

Etienne Wuillemin, Feusisberg
Merken
Drucken
Teilen
Auch ihm ist es passiert: Xherdan Shaqiri fliegt im verregneten Training hin.

Auch ihm ist es passiert: Xherdan Shaqiri fliegt im verregneten Training hin.

Keystone

Xherdan Shaqiri, wenn Sie Schweizer Nationaltrainer wären, wo würden Sie sich selbst aufstellen?

Xherdan Shaqiri: Dort, wo ich dem Team am meisten helfe, rechts aussen.

Ihre Lieblingsposition ist direkt hinter dem Sturm, als Regisseur.

Ja, das war schon immer so. Und bei den Bayern zeigte ich zuletzt auch gute Leistungen als 10er. Als Junior war ich einst sogar Stürmer. Wich dann aber bald nach links aus.

Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Nationalmannschaft?

Ich bin sicher ein Leistungsträger. Ich bin jung, aber schon eine Weile dabei und kann deshalb neuen Spielern helfen – egal ob sie älter oder jünger sind als ich.

Man kann auch sagen: Sie sind unverzichtbar.

Diese Stimmen kommen, wenn es gut läuft. Aber auch für mich zählt nur das Team. Wir wollen an die WM und dazu möchte ich beitragen.

Was ist der Unterschied zwischen dem Team der WM 2010 und jetzt?

Das Team ist viel jünger. Bei der WM in Südafrika war es aufgeteilt in «die Älteren» und «die Jüngeren». Jetzt hat die Meinung von uns Jungen Gewicht.

Haben Sie auch bei Trainer Ottmar Hitzfeld eine Veränderung bemerkt?

Sportlich änderte nicht viel.

Und menschlich?

Ja, ich denke, auch Ottmar Hitzfeld ist jünger geworden (schmunzelt).

Wie meinen Sie das?

Schwierig zu sagen, es ist mein Gefühl, ich nehme ihn relaxter wahr – so, als wäre er jünger geworden.

Gegen Slowenien und Albanien wurden Sie hart attackiert. Hitzfeld erklärte Ihnen, als Bayern-Spieler müssten Sie sich daran gewöhnen.

Ich nehme es zur Kenntnis. Vielleicht kennen andere Mannschaften eben nicht alle Spieler der Schweiz, sondern nur mich, sehen mich bei Bayern spielen und versuchen deshalb mit allen Mitteln, mich zu stoppen.

Ist das auch ein Kompliment?

Ja, ich hoffe einfach, dass ich nie verletzt werde. Lionel Messi ist der Aggressivität Spiel für Spiel ausgesetzt.

Welchem Fussballer schauen Sie am liebsten zu?

Messi gehört dazu. Und Franck Ribéry. Wenn ich bei Bayern auf der Bank sitze, habe ich immerhin gute Unterhaltung, wenn ich ihm zuschaue.

Warum schauen Sie ihm lieber zu als Arjen Robben?

Weil Ribéry unberechenbarer ist. Das gefällt mir. Und auch menschlich ist er ein super Typ.

Wie ist es, bei den Bayern mit diesen Weltstars zusammenzuspielen?

Am Anfang distanzierte ich mich absichtlich ein wenig, wollte mich auf meine Leistung konzentrieren und keine grossen Sprüche reissen. Ich tastete mich langsam an die Stars heran, jetzt bin ich gut integriert und habe gezeigt, dass ich zu den wichtigen Spielern gehören kann.

Können Sie sich damit abfinden, zurzeit am Anfang häufig auf der Bank zu sitzen?

Sicher. Ich habe insgeheim erhofft, so viele Einsatzzeiten zu erhalten. Aber erwarten konnte ich es nicht. Und ich merke, dass es viele andere auch nicht erwartet hatten.

Wie merken Sie das?

Ich erhalte derzeit viele Reaktionen
à la: Super, wie es läuft bei dir. Das sind Leute, die bezweifelten, dass ich überhaupt spiele, und dachten, ich werde wohl auf der Tribüne landen.

Sie wohnen neben Ribéry, und auf Bildern entsteht der Eindruck, Sie verstehen sich sehr gut mit Stürmer Mario Mandzukic.

Stimmt, wir machen viele Spässchen. Wir fotografieren uns zum Beispiel während des Schlafens, dann entsteht daraus wieder ein neues Handy-Profilbild (lacht).

Bei einem grossen Klub wie Bayern München lauern viele Gefahren, wie gehen Sie damit um?

Es gab viele Spieler, die scheiterten bei den Bayern, aber das interessiert mich nicht. Ich schaue nur auf mich und gebe alles. Es ist wichtig, dass ich mich nicht verstecke. Wer sich bei einem Top-Klub versteckt, wird von seinen Mitspielern «vertrampelt», wie es auf Schweizerdeutsch so schön heisst. Bei mir ist das ganz anders. Ich zeige dem Trainer, dass er auf mich bauen kann, dass ich kein Spieler für die Tribüne bin. Ich will und kann ein wichtiger Spieler sein, der Spiele entscheidet.

Auch bei den Bayern?

Warum nicht? Es braucht ein gewisses Selbstvertrauen, um bei einem Topklub bestehen zu können. Ich besitze dieses sogenannte gesunde Selbstbewusstsein.

Es gibt die Geschichte im Münchner Boulevard, dass Sie Ihren Maserati im Parkverbot abstellten.

Ich wunderte mich schon über die Story, das ist ja eigentlich eine Privat-Sache. Und eh alles nur wegen Ribéry passiert.

Warum?

Ich hätte dort nie parkiert, aber er hat gemeint, er parkiere immer dort, das könne ich schon tun.

Anfangs waren Sie in München «der kleine Schweizer». Hat sich diese Wahrnehmung schon verändert?

Viele Münchner wussten nicht, wer ich bin. Ich habe mich aber für die Fans engagiert und sie mögen mich. Immer wenn ich ins Spiel komme, freuen sie sich offensichtlich. Letztes Mal, als ich reinkam, bekam ich fast Gänsehaut. Das ist für mich auch wichtig. Es freut mich, wenn mir Bayern-Trainer Jupp Heynckes sagt, ich hätte die Fans schon im Sack.

Am Freitag trifft die Schweiz auf Norwegen, dann am Dienstag auf Island. Wagen Sie einen Blick darüber hinaus? Was ist möglich mit dieser Schweizer Mannschaft? Granit Xhaka redete kürzlich vom WM-Halbfinal.

Das primäre Ziel heisst: Qualifikation für die WM. Ist dies geschafft, können wir über weitere Ziele sprechen.

Sie wissen von den Junioren her, wie es geht, gegen die Besten zu gewinnen.

Klar, wir wollen uns auch nie verstecken. Wir haben das Zeug zu einer Überraschungsmannschaft. Das sagten mir auch schon die Mitspieler bei Bayern München.

Wie ist es in München, kommen Sie überhaupt zur Ruhe?

München ist im Vergleich mit anderen Städten in Deutschland edler, zumindest während des Essens belagern mich die Leute nicht mit Autogrammwünschen. Ich denke, in anderen Städten wäre das anders.

Wie sieht Ihr typischer Tagesablauf aus?

Meistens beginnt der Tag mit Aufstehen (lacht). Dann gehe ich zur Säbener Strasse, frühstücke mit dem Team. Anschliessend steht Training auf dem Programm. Nachher kommen die täglichen Interviews, am Nachmittag habe ich meist frei. Häufig ist jemand von meiner Familie oder ein Freund in München. Dann hole ich den Betreffenden ab und wir fahren in die Stadt, um etwas zu essen.

Bei den Bayern heisst es, die Verantwortlichen mögen es, wenn ihre Spieler vergeben sind in sicheren Händen, haben Sie eine Freundin?

(lacht laut) Zum Glück haben sie dieses Thema bei mir noch nicht angetönt. Ich bin Single und fühle mich wohl dabei. Mal schauen, was die Zukunft bringt. Ich möchte gerne eine Familie. Aber dafür ist es zu früh.

Und was treiben Sie sonst so gerne in München, ausser Fussball?

Ich spiele viel Tischtennis. Sind Sie gut?

Ja.

Ich bin sehr gut.

Ich nehme die Herausforderung an.

Okay, aber man muss sich erst qualifizieren, um gegen mich antreten zu dürfen.