Natürlich ist es am Samstag nicht das erste Mal gewesen, dass Granit Xhaka gegen Frank Lampard, Rio Ferdinand und John Terry gespielt hat. Aber um einiges aufregender, als bisher. «Terry und Ferdinand sind Riesenapparate», hat Xhaka erkannt.

In der virtuellen Welt der Playstation sind ihm die beiden Modellathleten jeweils viel harmloser erschienen. «Klar war ich deshalb zu Beginn etwas nervös, aber nicht für lange», sagt Xhaka.

Das Debüt des 18-Jährigen in der Nationalmannschaft ist ein weiterer Meilenstein in einer Laufbahn gewesen, die atemberaubend in Fahrt gekommen ist. Noch nie hat sich ein Schweizer Fussballer dieses Alters Weltmeister, Schweizer Meister und A-Nationalspieler nennen können. Es ist daher nichts als bezeichnend, dass Xhaka nicht auf den Färöer oder in San Marino, sondern im Wembley seinen Einstand in der Nati gegeben hat. In jener kultigen Spielstätte, in der schon Millionen von Fussballern gespielt haben - im Traum.

Auch wenn Xhaka freimütig einräumt, mit einem Ballverlust am Ursprung des ersten englischen Tores gestanden zu sein, ist er mit seiner Leistung zufrieden. «Ich hoffe, Herr Hitzfeld ist dies auch und bietet mich gegen Bulgarien wieder auf», sagt Xhaka.

Dass er gleich über die ganze Spielzeit auf diesem superben Rasen bleiben durfte und am Ende gegen das Mutterland des Fussballs ein 2:2 erkämpft war, macht ihn stolz. «Der grösste Moment aber ist jener gewesen, als wir vor 84 000 Zuschauern auf einer Linie standen und die Nationalhymnen gespielt wurden. Das war geil, das hat für einen Adrenalinschub gesorgt», sagt Xhaka. «Als die englische Hymne erklang und das ganze Stadion mitsang, hatte ich Gänsehaut pur.»

Montenegro auf dem iPhone

Er erzählt, wie die Mannschaft danach im Hotel beim Nachtessen informiert worden sei, dass das Resultat zwischen Montenegro und Bulgarien nach 75 Minuten 1:1 laute. «Den Rest des Spiels habe ich dann auf dem Live Ticker meines iPhones verfolgt.» Die beiden Unentschieden in der Schweizer Gruppe seien positiv zu werten», sagt Xhaka. «Wir dürfen weiter darauf hoffen, bei der EM im nächsten Jahr dabei zu sein.»

Bei der EM im nächsten Jahr? Schon in ein paar Tagen wird Xhaka mittendrin sein in der Europameisterschaft. Morgen Dienstag rückt er ins Trainingscamp der U21 ein, die am nächsten Samstag in Aalborg gegen Dänemark ihr erstes Gruppenspiel austrägt. «Wir reisen als Favoriten dorthin», sagt Xhaka.

Es mag sein, dass solche Töne in manchen Schweizer Ohren ziemlich arrogant klingen. Dabei ist es nichts mehr als ein gesundes Selbstvertrauen. Wer vor 60 000 Zuschauern in Nigeria einen U17-WM-Final gegen den Gastgeber gewinnt, der weiss eben, wie viel im Fussball möglich ist, wenn man an sich und seine Mannschaft glaubt. Immerhin: Den Olympiasieg im nächsten Jahr in London mag er noch nicht ins Visier nehmen. «Dies ist doch noch ein bisschen zu weit weg», sagt Xhaka. «Zuerst müssen wir uns nun in Dänemark überhaupt dafür qualifizieren.»

Manchmal wundert sich auch Xhaka selbst, wie sich seine Laufbahn entwickelt hat. «Vor einem Jahr habe ich noch in der U21 des FC Basel gespielt», sagt Xhaka. «Was seither passiert ist, hat niemand erahnen können.» Und damit es nicht vergessen geht: Auch in der Champions League hat der Aufbauer, dessen älterer Bruder Taulant ebenfalls beim FCB unter Vertrag ist, in der letzten Saison mitgespielt. Bayern München ist der Gegner gewesen; versteht sich ja.

Voll auf den Fussball fokussiert

Weil sein Terminkalender durch den Fussball immer praller geworden ist, hat Xhaka im Januar seine Ausbildung zum Büroassistenten in Liestal abgebrochen. «Es ging nicht mehr. Ich habe viel zu oft gefehlt und hätte die anstehende Lehrabschlussprüfung wohl nicht bestanden», sagt der Jüngling, der einst bei Concordia Basel das Fussball-ABC erlernt hat.

Jetzt kann er sich voll und ganz auf den Fussball konzentrieren. «Nach dem Meistertitel habe ich vier Tage Pause vom Fussball gemacht», sagt Xhaka. Was vollauf genügt hat, um es in den Füssen wieder kribbeln zu lassen. Die Gefahr, dass ihn die bisherigen Erfolge allmählich genügsam machen könnten, sieht er nicht. «Mein Hunger, es im Fussball noch weit zu bringen, ist riesengross», sagt Xhaka.